SALEM'S LOT
(Brennen muss Salem)
Regisseur: Tobe Hooper
USA 1979

Viele sehen in Tobe Hooper einen Regisseur, der nach seinem THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974) nur noch einige wenige annehmbare bis gute Filme drehte, aber ansonsten zum Opfer einer brutalen kommerziellen Maschinerie wurde und irgendwann in der Versenkung bzw.  der TV- und Direct-to-VHS-Hölle verschwand. Ganz böse Zungen betrachten ihn gar abschätzig als One-Hit-Wonder, der bis auf seinen berüchtigten und über die Genregrenzen hinaus einflussreichen BLUTGERICHT IN TEXAS überhaupt gar keine relevante Schöpfungsleistung mehr in seiner Filmografie vorzuweisen hätte. Man sollte jedem seine Meinung lassen, aber ich halte die harschen Bewertungen von Hoopers Œuvre für grundlegend falsch. SALEM'S LOT funktioniert als exemplarischer Titel für eine konträre Haltung deshalb so gut, weil er nicht bloß eine Sternstunde des amerikanischen Fernsehens war, sondern weil der Vampirfilm der Achtziger seinen Einfluss in sich trägt. Titel wie FRIGHT NIGHT (1985) oder LOST BOYS (1987) zehren eindeutig von dessen Errungenschaften und ich möchte sogar behaupten, dass er das Interesse am Blutsaugerthema in den USA neu entfacht hat, was später in den Neunzigern im Erfolg der TV-Serie BUFFY - THE VAMPIRE SLAYER (ab 1997) seinen vorläufigen Gipfel erreichte. Von Bedeutung zeigte sich SALEM'S LOT auch für King-Verfilmungen, von denen es bis dato übrigens nur eine gab: CARRIE (1976). In den nächsten Jahrzehnten folgten dann nämlich so einige TV-Adaptionen als zwei- oder mehrteilige Filme, wobei IT (1990) sicherlich zum erfolgreichsten, beliebtesten und der Qualität von SALEM'S LOT am Nahe stehendsten Projekt aus der Auswahl gehört.

Die Geschichte beginnt mit einem sehr kurzen Prolog, in dem ein Mann und ein Junge in einer Kirche besonderes Wasser in Fläschchen abfüllen. Ein paar Momente später schwenkt der Film in die Vergangenheit und wir sehen die Ereignisse, die sich zwei Jahre zuvor im kleinen US-Städtchen Jerusalem's Lot zugetragen haben, dem Handlungsort des eigentlichen Plots. Der Schriftsteller Ben Mears kehrt nach vielen Jahren Abwesenheit in seine Heimatstadt zurück, um Inspirationen für sein neues Buch zu sammeln. Dieses soll vom Marsten-Haus handeln, welches auf einem Hügel über die Stadt wacht. Ben glaubt, dass das Anwesen vom Bösen besessen ist und erinnert sich immer wieder an einen schrecklichen Vorfall aus seiner Kindheit, den er im Haus hatte. Eigentlich möchte er die Immobilie sogar kaufen, doch muss er erfahren, dass ein gewisser Richard Straker es sich vor ihm unter den Nagel gerissen hat. Dieser wirkt recht geheimnisvoll, ist neu in der Stadt und bereitet sich auf die Eröffnung seines Antiquitätenshops vor, welchen er mit Kurt Barlow betreiben will, einem Fremden, den noch niemand aus der Stadt gesehen hat. Kurz nach der Ankunft von Ben Mears, dem die Sache mit den Antiquitätenhändlern ziemlich stinkt, passieren unheimliche Vorfälle: Menschen verschwinden, werden mit seltsamen Abdrücken am Hals vorgefunden oder sterben aufgrund von rätselhaftem Blutmangel. Bald ist allen Beteiligten klar, dass Kurt Barlow nicht am Verkauf von altem Krempel interessiert ist

Richard Straker braucht nicht viel zu sprechen in dem Film, um sich als Schurken zu enttarnen. Seine Blicke und seine wenigen Sätze reichen eigentlich aus, die Kamerapositionen und die Lichtsetzung tun jedoch ebenfalls ihren Beitrag. James Mason verkörpert den Händler mit einer stoischen Gelassenheit und reagiert stets wie jemand, der seiner Sache sicher wäre. Auf der Gegenseite finden wir den Schönling David Soul, berühmt als Ken Hutchinson aus der Serie STARSKY & HUTCH (ab 1975), der den Romanschreiber Ben mimt und schnell mit der attraktiven Susan anbandelt. Allerdings ist man sich nicht sicher, ob für das flotte Zusammenkommen nun sein Äußeres oder die Tatsache, dass Susan eines seiner veröffentlichten Bücher scheinbar toll findet, den ausschlaggebenden Beitrag geleistet hat. Jedenfalls kann auch diese Romanze Ben nicht davon abbringen, dem Marsten-Haus, welches er zu jeder Zeit aus seinem Hotelzimmer beobachten kann, Vertrauen zu schenken. Das Haus ziehe das Böse an, sagt er einmal. Warum also auch ihn? Der Film wird den Protagonisten dennoch nicht hinterfragen. Er wird die Klarheit einer Dualität nicht aufgeben, die feste moralische Struktur nicht gegen das Verschwimmen eben dieser eintauschen. Selbst im 183-minütigen TV-Cut, auf die sich diese Besprechung bezieht, finden sich unabgeschlossene Subplots, unmotivierte Anspielungen und Aussprechungen ohne inhaltliches Fazit. An den erzählerischen Unebenheiten kann man sich reiben oder diese als der Atmosphäre dienende Zufälligkeiten verstehen, die die Unheimlichkeitstextur der Geschichte erweitern.

Dass es diese Unebenheiten gibt, ist eine Folge der Produktionsumstände. Für das amerikanische Publikum sollte nämlich eine TV-Fassung und für den europäischen Markt eine Spielfilmversion gemacht werden, wobei letztere zwar kürzer ausfallen, jedoch einige explizitere Szenen enthalten sollte, die man Hinz und Kunz vor der heimischen Glotze nicht aussetzen wollte. Des Weiteren war es auch mitten in der Produktion nicht klar, wie lange der TV-Cut eigentlich gehen würde. Letztlich wurde der Film als Zweiteiler im Kabelfernsehen ausgestrahlt, worüber sich Stephen King nicht ganz erfreut zeigte, wollte er doch seine künstlerischen Leistungen auf der großen Leinwand sehen. Irgendwann wurde sogar eine knapp zweistündige Schnittfassung auf dem Videomarkt veröffentlicht, die von nicht wenigen Menschen, darunter auch King, als stärkste Version benannt wird. Ich maße mir nicht an, an der Wirkung dieses Cuts zu zweifeln, allein weil ich ihn nie gesehen habe. Doch einen großen Teil des Zaubers von SALEM'S LOT machen eigentlich die immense Lauflänge und das beständig langsame Tempo aus, das uns die Stadt, seine Bewohner und sein Haus auf dem Hügel fühlen lässt. Die Regie von Tobe Hooper soll damit jedoch nicht heruntergespielt werden. Nach den blutigen und exzessfreudigen THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und EATEN ALIVE (1976) musste sich Hooper hier mit einer zarten und sanft steigenden Gewaltkurve zufriedengeben, die es selbst in einer Laufzeit von über drei Stunden nicht einmal wagt, kräftig nach oben auszuschlagen. Immer wieder macht sich deshalb die Machart alter Schule bemerkbar, die den Affekt dem Effekt vorzieht, Nebelmaschinen den Mordwerkzeugen, bedächtigen Bewegungen den rennenden Füßen. Selbst der Obervampir Kurt Barlow ist nur ein optisches Update von Graf Orlok, dem Ungeheuer aus Murnaus NOSFERATU (1922). Die Idee, von der literarischen Vorlage von King abzuweichen und Barlow nicht als einen mit Manieren ausgestatteten Vampir zu zeichnen, sondern als Wesen der Zerstörung und Inhaber einer indifferenter Natur, kam scheinbar vom Produzenten Richard Kobritz. Es dürfte einer dieser seltenen Vorfälle sein, in der die Einmischung eines Produzenten ein Werk in interessantere Gefilde stoßen konnte. Denn eine Vermenschlichung des Vampirmythos hätte dem Film die Würde des Irrationalen und Schrecklichen genommen, auf die BRENNEN MUSS SALEM (deutscher Titel) viele Minuten lang gepocht und den Zuschauer vorbereitet hat. Verlagerungen, tonale Änderungen, zeitliche Distanzen und sonstige Brüche haben eigentlich keiner mehrteiligen TV-Produktion gut getan, die sich auf Stephen King bezog. Besonders in den schwach umgesetzten STORM OF THE CENTURY (1999) und THE LANGOLIERS (1995) wird das deutlich, doch auch der zweite Teil des Clown-Horrors IT vermag es nicht mehr, die Faszination der ersten Hälfte zu repetieren. Der Streifen von Tobe Hooper ist jedoch wie eine Kleinstadt: überschaubar und gut auszurechnen. Darin liegt sein Wert, sein atmosphärischer Refrain.

BRAINDEAD
Regisseur: Peter Jackson
Neuseeland 1992

Wiederholungen schaffen keinen Euphorie

Das Problem einer Aneinanderreihung von vermeintlichen Geschmacklosigkeiten und Splatter-Absurditäten ist, dass diese sich im Laufe der Spielzeit als Standardmaß herauskristallisieren. Die Aufregung und der Kitzel aufgrund der nächsten visuellen oder verbalen Gemeinheit verfliegen und weichen einem erschöpfenden Abnicken pseudeosubversiver Hiebe auf den guten Geschmack. Möglicherweise geht es nur mir so, aber ein Priester mit fortgeschrittenen Kung-Fu-Fertigkeiten, die er dazu mobilisiert, um in Gottes Namen Zombies ins Jenseits zu kicken, bekommt nur meinen Segen, wenn der Film nicht vorher schon über eine halbe Stunde unnachgiebig versucht, Amok zu laufen. Doch DEAD ALIVE (sein nordamerikanischer Titel) verhält sich, als wäre er vom Affen gebissen. Hierbei muss man ihm zugestehen, konsequent und gerissen zu sein, schließlich speist er seine Tonalität und sein Pacing aus dem Inhalt. Als das verliebte Pärchen Lionel und Paquita ihren gemeinsamen Tag im Zoo verbringen, ist auch Lionels eifersüchtige, ihren Sohn nicht loslassende Mutter nicht weit und beobachtet die beiden hinter einem Busch stehend. Doch bevor sie ihnen weiter nachstellen kann, wird sie von einem hässlichen Viech, welches eine Kreuzung zwischen einer Ratte und einem Affen darstellt, in den Arm gebissen. Mit der Zeit geht es ihr immer schlechter und auch die herbeigerufene Krankenschwester kann ihr nicht helfen, wird dafür nach ihrer Ankunft von der eigentlich schon toten Mutter angegriffen und mit einem Virus infiziert, welches daraufhin natürlich eine weitreichende Verbreitung durch eine Vielzahl befallener Menschen erfährt. BRAINDEAD ist der kleine, sich ebenfalls nicht in Schale werfende Bruder der ersten beiden EVIL DEAD Filme, dabei allerdings weitaus plumper und überhaupt nicht so eloquent. Er bettet seine sich wiederholenden Argumente in abgenutzte Formulierungen ein und stottert noch dabei, während Sam Raimis furioser Kabinen-, Keller- und Waldspuk so manches Mal pointiert den Nagel auf den Kopf treffen kann.
Vom 1. März bis zum 2. März 2019 fand im Babylon Kino in Berlin ein Horrorfilm-Marathon statt, an dem ich teilnahm. Innerhalb von 24 Stunden sind also Zombies, Zenobiten, Hauskatzen, Gorillas, der olle Freddy und andere schöne Unheimlichkeitsumschreibungen auf der Leinwand aufgetaucht, natürlich unterbrochen von kleineren Pausen, in denen man Old-School-Trailer-Perlen anschauen, sich Kippen drehen oder einen Kaffee organisieren konnte. Insgesamt liefen 13 Spiel- und 2 Kurzfilme, wobei die Qualität der Projektionen sehr variierte, was ich jedoch völlig in Ordnung fand, da der Preis in unschlagbarem Metier lag. Wie viele Filme habe ich mir davon tatsächlich angeschaut und wie lange war ich dort zugegen? Nun, ich kann zumindest einigermaßen stolz von mir behaupten, einen ganzen Tag, also 24 Stunden, dort verbracht zu haben. Dies hat außer mir dann auch nur eine weitere Person geschafft. Leider musste ich geistig und körperlich jedoch nach dem elften Film aufgeben, weshalb ich einschlief. Zwischendurch wachte ich immer mal wieder auf, doch die Energy Drinks reichten am Ende nicht aus, um nicht der Erschöpfung zu erliegen. Immerhin bekam ich die letzten zehn Minuten von ROSEMARIE'S BABY mit, dem Abschlussfilm des Marathons, der fast den kompletten Saal des kleineren Kinos füllte (es gab auch Einzeltickets). Dies war übrigens auch der einzige der verschlafenen Filme, der für mich Relevanz besaß und den ich noch hätte sehen wollen.


Die Auswahl der Filme reißt für cineastisch geschulte Augen wahrlich keine Bäume aus, besitzt aber immerhin den Reiz, popkulturelle Klassiker neben Titel zu stellen, die eigentlich nur Menschen ohne Gewissen lieben können. Also ich zum Beispiel.

1. THE BEAST THAT KILLED WOMEN
R: Barry Mahon, 1965

2. MONSTERS CRASH THE PAJAMA PARTY
R: David L. Hewitt, 1965

3. THE FLESH AND BLOOD SHOW (Im Rampenlicht des Bösen)
R: Pete Walker, 1972

4. PET SEMATARY (Friedhof der Kuscheltiere)
R: Mary Lambert, 1989

5. THE EXORCIST (Der Exorzist)
R: William Friedkin, 1973

6. NIGHTMARE ON ELM STREET (Nightmare - Mörderische Träume)
R: Wes Craven, 1984

7. NIGHT OF THE LIVING DEAD (Die Nacht der lebenden Toten)
R: George A. Romero, 1968

8. MANOS: THE HANDS OF FATE
R: Harold P. Warren, 1966

9. THE LITTLE SHOP OF HORRORS (Kleiner Laden voller Schrecken)
R: Roger Corman, 1960

10. HELLRAISER (Hellraiser - Das Tor zur Hölle)
R: Clive Barker, 1987

11. HELLBOUND: HELLRAISER II
R: Tony Randel, 1988

Los ging es es um 18.00 Uhr.

THE BEAST THAT KILLED WOMEN - Gut gebaute Frauen und durchschnittlich aussehende Männer, die sich in einem Nest für Nudisten amüsieren, bis irgendwann ein Gorilla auftaucht. Wunderbar, wie der Film mit einer Rückblende spielt und verschachtelt wahrgenommen werden möchte, obwohl er maximal daran fasziniert ist, Ärschen zuzuschauen und uns daran teilhaben zu lassen. Das Publikum war begeistert und ich habe immer noch die schlecht abgemischten Frosch- und Vogellaute im Kopf, die die Szenerien mit Authentizität ausstatten sollten, wenn es schon nicht die Schauspieler oder die Inszenierung tun. Ein Film, der nachhallt also.

MONSTERS CRASH THE PAJAMA PARTY - Verschrobene halbstündige Parodie, die auf bekannte Horrorfilmmonster anspielt und dessen kreative Titelsequenz knorken Spaß verheißt. Mittendrin dann: Mutprobe, Spukhaus, mad scientist und ein Gorilla, der beschriftete Schilder hochhält, um seine Eindrücke auszudrücken. Es wäre traurig, wenn die Welt nur aus solchen Filmen existieren würde, aber solche umnachteten Ergüsse muss es ja auch geben.

THE FLESH AND BLOOD SHOW - Bei diesem Film wurde es schon stiller im Saal, handelt es sich bei ihm doch um einen sehr ernsthaften Beitrag zum Horrorgenre, der auch keine schlechte Inszenierung bietet. Mit der von mir unerwarteten freundlichen Unterstützung von nudity und Sex zeigt dieser verkappte Slasher die Abgründe eines psychopathischen Ex-Schauspielers. Ein manchmal zu biederes Stück aus der Prä-Slasher-Ära, welches jedoch einen Blick wert sein kann.


PET SEMATARY - Das kleinere Kino wurde jetzt richtig voll. Ich kann mich erinnern, diesen Film vor mehr 12 Jahren zum ersten und vorerst letzten Mal gesehen zu haben. Schrecklich fand ich ihn schon damals, führte es jedoch auf den kurzen zeitlichen Abstand zurück, der zwischen dem Lesen der Lektüre von Stephen King und dem  Schauen des Films von Mary Lambert verging. Es tut mir ja leid, aber ich schaffe es auch nach der zweiten Sichtung nicht, positive Worte über diesen Film zu verlieren, der inszenatorisch und schauspielerisch das Niveau eines dürftigen TV-Spielfilms niemals verlässt. Dass Stephen King dazu das Drehbuch extra verfasst hat, führt mir einmal mehr vor die Augen, dass der Herr zwar Literatur schreiben kann, jedoch kaum Ahnung von der filmischen Materie hat. Was ich jedoch in Verbindung mit diesem Graus empfehlen kann, ist die Dokumentation UNEARTHED & UNTOLD: THE PATH TO PET SEMATARY (2017), welche die Produktionsgeschichte des Films um wiederauferstandene Menschen und Tiere näher beleuchtet. Definitiv besser als die Primärquelle. Ebenfalls rekommandieren lässt sich PET SEMATARY II (1992), der von der gleichen Regisseurin stammt. Ich möchte diesen Streifen nicht von Fehlern und seiner unverhohlenen, manchmal erschütternden cheesiness freisprechen, doch kämpft dieser mit mehr Überzeugung für die Glaubwürdigkeit seiner Charaktere und punktet gegenüber dem ersten Versuch durch eine bessere Regie.

23.30 Uhr. Man wechselte in den großen Saal und ich ging zum Imbiss, um mir Falafel zu bestellen. Oder war es doch Halloumi? Ich weiß es nicht mehr.

THE EXORCIST - Bei Friedkins Interpretation von Blattys Vorlage handelt es sich für mich um mehr als nur einen Film. Es ist ein Stück Phänomen, welches mir nur halbwegs einleuchtet. Nicht falsch verstehen, das Werk ist eine Granate. Aber ich begreife nicht seinen popkulturellen Status, den er genießt und dem auch das Gegenwartspublikum nicht zu entkommen scheint.  Zwar gehört THE EXORCIST zum Sammelbegriff Mainstream wie etwa Marvel oder die HARRY POTTER-Reihe, doch ich erkenne beim besten Willen keine Verknüpfung zum Kommerziellen. Er ist zäh, kriechend und fühlt sich extrem schwer an. Da ich ihn in den letzten fünf Jahren mehrmals im Kino gesehen habe, glaube ich zu wissen, dass viele eine nicht korrekte Vorstellung von diesem Film haben und ihn auf ganz bestimmte Bilder und Szenen reduzieren. Das zeigen mir immer wieder gelangweilte Zuschauer, die vorzeitig den Saal verlassen. Auch in dieser Nacht gab es sie. Regisseur William Friedkin schenkt denen ohne Geduld aber auch wirklich nichts und so können schon die ersten fünfzehn Minuten im Irak zu einer Tortur werden. Selbst ich habe mich im Mittelteil dabei erwischt, hin und wieder nicht aufgepasst zu haben, wenngleich ich nie eingeschlafen bin. Ich führe das bei mir mal hauptsächlich auf die Uhrzeit sowie die vier bereits geschauten Filme zurück.

NIGHTMARE ON ELM STREET - Erst kürzlich durfte ich wieder lesen, dass Wes Craven kein guter Regisseur sei und bis auf wenige Ausnahmen keine guten Filme gemacht habe. Dann sehe ich mir das an und schenke all jenen keinen Glauben, die die Leistungen des verstorbenen Regisseurs schmälern und schlecht reden. Fabelhafte Regie, fabelhaftes Skript, fabelhafter Film. Zum ersten Mal auf großer Leinwand gesehen und hoffentlich nicht zum letzten Mal überwältigt.


NIGHT OF THE LIVING DEAD - Man kann sich heute, glaube ich, gar nicht vorstellen, wie dieser wuchtige Film auf die Zuschauer von 1968 gewirkt haben muss. Für die damalige Zeit hatte nicht nur das Zombie-Thema einen revolutionären Charakter, sondern auch der Schnitt, die Kamera sowie die Intensität in der Darstellung gruppendynamischer Prozesse. Der schwarze Darsteller als einziger Sympathieträger (obgleich nicht unfehlbar) tat sein Übriges. Ich habe den Film schon mehrmals geschaut und als megatoll empfunden, doch erst bei dieser Sichtung im Kino ist mir aufgefallen, welche große Regieleistung Romero hier vollbracht hat und wie intensiv sich der Film noch heute anfühlt, sobald Barbara im Haus ist. NIGHT OF THE LIVING DEAD ist also nicht bloß trockene Geschichtsstunde, die man absolvieren muss, um als Cineast durchzugehen. Er ist first und foremost eine verdammt beachtenswerte visionäre Leistung!

MANOS: THE HANDS OF FATE - Meine Meinung, zur negativen Rezeptionshistorie des Films nicht anschlussfähig, habe ich bereits in Form einer Kurzkritik der Welt verkündet. Die Zuschauer hatten anfangs nicht ganz so viel Spaß wie mit THE BEAST THAT KILLED WOMEN oder MONSTERS CRASH THE PAJAMA PARTY, doch irgendwann, ich schätze ab der Mitte des Streifens, wurde dann das Eis doch noch gebrochen und man nahm hörbar war, wie der Saal sich zu amüsieren begann. Auf jeden Fall glaube ich, dass viele von ihm mindestens halb hypnotisiert wurden. Schlafen gesehen habe ich jedenfalls niemanden. Einige Tage später sah ich mir auch die Version des Mystery Science Theaters an und muss zugeben, dass mir das Original von Harold P. Warren um einiges besser mundet und ich den Hype um diese MST3K-Episode nicht ganz greifen kann.

Gegen 7 Uhr gab es Frühstück und man ging wieder zurück ins kleine Kino.

THE LITTLE SHOP OF HORRORS - Das Remake durfte ich bereits zwei Mal auf großer Leinwand bewundern, die Fassung von 1960 habe ich bis zum Marathon nur als DVD gesehen. Ich mag die Komödie mit Hauptdarsteller Jonathan Haze, seinem naiven Schwarm Jackie Joseph und dem Kurzauftritt von Jack Nicholson sehr und er sorgte als erste intendierte Horrorkomödie nach MONSTERS CRASH THE PAJAMA PARTY für angenehme Abwechslung.


HELLRAISER - Die visuelle Dimension dieses Sadomaso-Gothic-Bodyhorror-Höllentrips hat über die Zeit nichts von ihrem Schrecken und ihrer Eitelkeit verloren. Ähnlich wie bei MANOS, NIGHTMARE ON ELM STREET und dem Romero-Debüt habe ich das Gefühl gehabt, jedes Bild einsaugen zu müssen. 

HELLBOUND: HELLRAISER II - Regisseur Tony Randel setzte das fort, was Clive Barker ein Jahr zuvor hinterlassen hatte. Nur ein Jahr! Was war das bitte für eine geile Zeit, ins Kino zu gehen! Dennoch würde ich nicht mehr wieder den zweiten Teil direkt im Anschluss an den ersten schauen wollen, da das Sequel dramaturgisch, inszenatorisch und figurentechnisch dadurch im Vergleich schon wesentlich stärker abfällt. Dennoch: die Visualität im Allgemeinen und die grafisch-expliziten Gewalteffekte im Speziellen bleiben pures Genregold.

Danach bin ich leider eingepennt und kann mich noch erinnern, mehrmals für kurze Zeit wach gewesen zu sein. Unter anderem habe ich auch die Schlussphase von BEAKS: THE MOVIE (1986), einem mexikanischen THE BIRDS-Ripoff, mitbekommen. Völlig benommen ging ich nach diesem langen Kinobesuch natürlich erstmal nach Hause. Aber nicht um weiterzuschlafen, sondern um mich für einen Restaurantbesuch umzuziehen, bei dem Filmkultur glücklicherweise keine Rolle mehr spielte.

Ehrenpreis für den besten Film für Menschen ohne Gewissen: 
MANOS: THE HANDS OF FATE


Bester Film: 
NIGHTMARE ON ELM STREET


THE PATSY
Regisseur: King Vidor
USA 1928

Über eine, die gesehen werden möchte

Schon in der Anfangsszene am Tisch, an dem die ganze Familie eines Sonntags speist, werden die Bindungen und Antipathien zwischen den vier Charakteren sichtbar. Die rechthaberische sowie oft missmutige Mutter (auf den Punkt kommend gespielt von Marie Dressler) zusammen mit der dunkelhaarig-betörenden selbstsüchtigen Tochter Grace und auf der anderen Seite der tollpatschige und zurückhaltende Vater, welcher mit der nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzenden Tochter Pat die egozentrischen Auswüchse der beiden anderen Familienmitglieder ertragen muss. Pat ist zu allem Überfluss auch noch in Tony verliebt, den Schwarm ihrer Schwester, die ihn als ihr Eigentum betrachtet, obwohl sie den wohlhabenden Heini namens Billy und sein Jachtboot auch ganz wunderbar findet. Der Vater spendet Pat Trost, redet ihr zu, nennt sie hübsch. Doch sie fühlt sich nicht gesehen, nicht ins Bewusstsein von Tony vorgedrungen, trotz schmachtender Blicke und dieser übergroßen Portion Eis, die sie ihm serviert. Ihre Reaktion darauf: vor dem Abwasch seinen Namen in die Seife ritzen. Nichtexistieren kann so scheiße sein! Später meißelt der Film seinen guten Ruf durch zwei gelungene Sequenzen, in denen sich die Pat verkörpernde Marion Davies mal so richtig austoben durfte und alle Fasern ihres schauspielerischen Talents sich Geltung verschaffen. Einmal erschreckt sie ihre Mutter und die Schwester damit, dass sie Kalenderweisheiten aus einem Lebensratgeber zitiert, die anfänglich noch adäquat auf Situationen zugeschnitten sind, im Laufe jedoch jeglichen Sinngehalt zum Geschehenen vermissen lassen. In einer anderen Gagnummer nimmt Pat dann das Aussehen verschiedener weiblicher Schauspiel-Celebrities ihrer Zeit an (z. B. Pola Negri) und versucht so auf naive und ulkige Art den geknickten Billy aufzumuntern, der in Embryoposition seiner Angebeteten, der Schwester von Pat, hinterhertrauert. Beiden Sequenzen ist eigen, dass sie nicht auf die Uhr schauen. Es sind ausgedehnte Minuten munteren Treibens, privatepische Ausuferungen mit einem minimalen Vorhandensein eines Begründungszusammenhangs. Außerdem stehen sie als Paradebeispiele für das im Film vorhandene Vertrauen, welches die Macher dem Dialogwitz genau so wie dem visuellen Humor in gleichem Maße entgegenbrachten.
MARKETA LAZAROVÁ
Regisseur: František Vláčil
Tschechoslowakei 1967

Es ist schon ziemlich schwierig sich den Superlativen, welche in Verbindung mit MARKETA LAZAROVÁ fallen, nicht anzuschließen. Nicht selten wird er in einem Atemzug mit Filmen wie DIE SIEBEN SAMURAI und ANDREJ RUBLJOW genannt, wenn es um verfilmte Historie geht. Doch nicht nur qualitative Parameter werden herangezogen, es wird auch auf inhaltliche und ästhetische Parallelen zwischen dem tschechoslowakischen Schwarzweißfilm und den beiden genannten Kanonwerken hingewiesen. Dabei tauchte er auf dem Schirm der meisten Cineasten erst Mitte der 2000er auf und seine Kinopremiere in Deutschland hatte der Film 2016. Bei tschechischen und osteuropäischen Experten war er jedoch schon lange vor seiner Eingliederung ins Weltkino ein Werk, das kompetente kinematografische Kunst in Kübeln kredenzt, nicht wenige sehen in ihm aus diesem Grund auch den besten tschechischen Film aller Zeiten. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman des böhmischen Schriftstellers Vladislav Vančura, welcher seinerzeit zu den literarisch interessantesten und experimentellsten Stimmen des Landes gehörte, bevor er 1942 von Nazis ermordet wurde. František Vláčils Interpretation des historisch absichtlich unsorgfältigen Romans soll eine ziemlich freie sein und enthält wohl einige Details, die in der Vorlage gar nicht vorkommen. So legt der Film auch ein Augenmerk auf geschichtliche Einheitlichkeit und Akkuratesse, was sich in Kleidung, Sprache und zivilisatorischem Entwicklungsstand widerspiegelt.

Die Geschichte des Films spielt im 13. Jahrhundert und wird zwar größtenteils chronologisch erzählt, enthält jedoch auch viele Flashbacks und visuell formulierte Gedanken. Unterteilt ist MARKETA LAZAROVÁ in verschiedene Kapitel, welche stets mit einer stichpunktartigen Zusammenfassung beginnen. Diese Zusammenfassung kann als Orientierungshilfe für den Zuschauer dienen, da dieser oft nicht einmal weiß, wie viel Zeit zwischen den verschiedenen Kapiteln vergangen ist. Lustigerweise sind die Kapitelspoiler ähnlich konfus wie der gesamte Film, da sie teilweise unvollständig sind oder eine seltsame Gewichtung der Ereignisse vornehmen. Die Story ist in einen zeitlichen Kontext eingebunden, in dem sich Christen und Heiden verfeindet waren und das Christentum noch nicht die Deutungshoheit über die gesellschaftlichen Entwicklungen übernommen hatte. Diese Feindschaft wird im Film durch zwei Clans repräsentiert, die auf primitive Weise leben und handeln. Es wird gemordet, geraubt und vergewaltigt. Die titelgebende Figur ist dabei eine junge Frau, die entführt wird und mit einem Mann des verfeindeten Clans leben muss. Anders als erwartet, kann sie nur als zentrales Element gedacht werden, wenn man unbedingt sich eines aussuchen muss. Denn eigentlich nimmt sich der unkonventionell erzählte Film die Freiheit heraus, auf eine Charakterzentrierung zu verzichten.

Dass MARKETA LAZAROVÁ von der bekannten Filmgeschichtsschreibung im besten Fall stiefmütterlich, im Normalfall sogar verschwiegen wurde, liegt vor allem an zwei Dingen. Zum einen ist das 159 Minuten andauernde Werk erzählerisch unheimlich sperrig und mal so gar nicht freundlich gegenüber Menschen, die im Moment der Sichtung nur die Hälfte ihrer geistigen Kapazitäten gebrauchen wollen. Zum anderen ist da die markante, aber gleichzeitig wilde visuelle Schöpfung, die auf eingängige Muster und Stempel verzichtet. MARKETA LAZAROVÁ war mehr als nur anderen zeitgenössischen Projekten voraus. Ich möchte sogar kühn behaupten: Wenn Vláčil heute als damaliger Mensch leben und den Stoff verfilmen würde, dann könnte der Streifen Frame für Frame genau so ausschauen. Mittlerweile ist man als offener Zuschauer bereit für diese poetische Wucht und die extrem flexible Kamera, die genau weiß, wann sie stillzustehen, zu schwenken, sich zu bewegen oder gar zu wackeln hat. Schon in Vláčils erstem Film HOLUBICE (DIE WEISSE TAUBE), 1960 erschienen und in Venedig ausgezeichnet, spürt man das assoziative Temperament des Schnitts und sieht die poetisch-visuell aufregende Bekleidung der Story. Doch vor allem in dieser expressiven Darstellung des Mittelalters, die wir in MARKETA LAZAROVÁ bewundern können, kulminiert seine Liebe zum Kino als audiovisuelle Erfahrung. Dabei ist er so unberechenbar wie auch unnachgiebig. Menschen können sich jederzeit vor die Kamera schieben oder von dieser ausgeklammert werden; Dialoge oder Monologe können zum Bildinhalt passen, müssen es aber nicht; eine Stimme kann so klingen, als wäre der Mensch direkt vor der Kamera, obwohl man ihn kaum noch sieht, weil er weiter entfernt steht; und was nun ein Flashback ist und was nicht, das weiß man eigentlich selten sofort. Aleksei Germans vor einigen Jahren erschienener anachronistischer TRUDNO BYT BOGOM (ES IST SCHWER, EIN GOTT ZU SEIN) wirkt ähnlich aufregend und pulsierend in seiner optischen Experimentierfreudigkeit, wenngleich der russische Film sich deutlich mehr der Groteske und dem Dreck verschreibt.

Mit der Kameraarbeit von Bedřich Batka, der später in die Staaten emigrierte und dort unter anderem tatsächlich das Teen-Drama LITTLE DARLINGS (1980) aufnahm, soll er sich dennoch weniger angefreundet haben. Im endgültigen Werk fehlt von einer inkompetenten Bedienung jedoch jede Spur. Die Bewegungen, die Stillstände und die Cadrage sind von einem lyrischen Geist geprägt, der den Film nicht absichtlich unorthodox werden lässt, damit wir an seinen Konfusionen kollabieren. Die wilde optische Lust handelt ganz im Auftrag eines Plots, den wir bruchstückhaft erfahren, erleben, einsaugen und dessen Löcher und Leerstellen wir nie ganz begreifen werden. Ein zentrales Element ist in MARKETA LAZAROVÁ die schwer beeindruckende Komposition von Zdeněk Liška, der sehr viel mit zarten Xylofontönen und altertümlicher Kirchenmusik sowie der fremdartigen Atmosphäre entgegenkommenden Chören arbeitete. 1967 war übrigens ein verdammt gutes Jahr für František Vláčil, da kurze Zeit später der hervorragende, ebenfalls im 13. Jahrhundert spielende ÚDOLÍ VČEL (DAS TAL DER BIENEN) entstanden ist, der weder narrativ noch visuell in der gleichen Komplexitätsliga spielt, jedoch wieder mit unfassbarem Könnertum hinsichtlich der Bildkomposition aufwarten kann. DIE WEISSE TAUBE, die beiden Mittelalter-Epen von 1967 und der optisch schon etwas eingängigere ADELHEID (1969/1970) haben übrigens alle ein zentrales Thema: menschliche Leidenschaften unter dem Druck beziehungsweise im Kontext sozialer Kräfte und Mechanismen.

MANOS: THE HANDS OF FATE
Regisseur: Harold P. Warren
USA 1966

Gemein verlangsamtes Kuriousum

Seine Schlechtigkeit ist berüchtigt, sein Ruf als einer der miserabelsten Filme legendär. Selbst viele Geschmacksverirrte, die in den abgelegensten Gemäuern filmischer Historie nach Billigperlen fahnden, winken hier ab oder schaffen gerade mal so die oft gerühmte MST3K-Version. Lediglich vereinzelte Befürworter und Advokaten kann MANOS: THE HANDS OF FATE versammeln, doch auch deren Euphorie hält sich meistens in Grenzen. Dabei verdient der Film nicht bloß vehemente Verteidigungen seiner Verdienste gegen Verrisse und Verunglimpfungen, sondern auch Lob, Applaus sowie authentische Anerkennung. Die Geschichte um eine Familie, die sich auf einer Urlaubsreise verfährt und deshalb in einer abgelegenen Unterkunft haltmacht, entwickelt sich ohne Drücken auf das Gaspedal. Was als nervtönendes Kriechtempo wahrgenommen werden kann, ist vielmehr ein faszinierendes dramaturgisches Innehalten, welches bis zur exzessiven Entschleunigung ausgebaut werden kann. Hierzu passen auch die repetitiven, langsamen und deshalb auch durchaus hypnotischen Reden von Torgo, einem seltsam bedeppert dreinschauenden Dude, den wir als eine Art Türsteher des Hauses kennenlernen. Später wird er vom Meister des Hauses bestraft, weil seine Lust mit ihm durchgeht. An die Stelle Torgos rückt der Vater der Familie, weil diese es nicht schafft, aus den Fängen des Meisters und seines Kults zu entkommen. Ein Kreislauf deutet sich an, das nächste Auto mit den nächsten Opfern rückt schon vor. Regisseur, Produzent und Autor Harold P. Warren wollte mit Sicherheit einen Horrorfilm drehen, doch herausgekommen ist ein sich langsam ausbreitender Wahnsinn. Sehr viel Bildung in diesem Genre gehabt zu haben, traue ich Warren jedenfalls nicht zu. Überhaupt scheint jede Komponente, jede Faser des Films inkompetent zusammengesetzt zu sein und hätte Ed Wood eine Filmschule gegründet, dann wäre Harold P. Warren aus dieser wieder vorzeitig rausgeworfen worden. Daraus MANOS: THE HANDS OF FATE jedoch einen Strick zu drehen, halte ich beinahe für blasphemisch. Denn genau aus der Umkehrung jeder filmhandwerklichen Logik spinnt der Film ein interessantes Netz verschiedenster Elemente, welche die Sehgewohnheiten auf den Prüfstand stellen. Aus der gemeinen Verlangsamung gewinnt das Werk eine freche somnambule Weirdness, dessen atmosphärische Dichte durch die kohärente Inszenierung, so bescheuert sie auch sein mag, den Zuschauer von Anfang bis Ende greift, packt und festhält. Das Handmotiv, welches sich immer wieder im Haus des Meisters wiederfindet, spielt dabei auf dieses Festhalten an. Verstörend-Hypnotisierende, kurios-entrückte und komplett unkopierbare Maximalkuriosität, die ich jeder modernen Trash-Emulation vorziehen würde. Mag sein, dass es eine fast exklusive Meinung ist, aber ich bin nicht unfroh sie hinauszulassen, bevor sie sich in meinen privaten Denkstuben zu Tode langweilt. Flieg hinaus und bekehre die Welt!

LA SIGNORA DELLA NOTTE
(Angelina)
Regisseur: Piero Schivazappa
Italien 1986

Weibliche Lust und chauvinistische Eskalation

Eigentlich möchte Angelina von ihrem Ehemann einfach mal kräftig genagelt werden, doch der interessiert sich vorwiegend für die technischen Eigenschaften von Flugmaschinen und Autos. Das entlockt der Frau maximal ein Gähnen, weshalb sie sich von fremden Männern, denen sie bei verschiedenen Gelegenheiten mehr oder weniger klare Signale schickt, nicht ohne Lustgewinn besteigen und irgendwie auch vergewaltigen lässt. Dennoch hat sie weiterhin Gefühle für ihren Mann, der sie verlässt, nachdem er sie mit einem Vergewaltiger erwischt. Ein Film, wie er nur vor 30 Jahren und mehr entstehen konnte. Trotz eines sich an den Wünschen und Sehnsüchten der Frau entlanghangelnden Plots, wirkt LA SIGNORA DELLA NOTTE wie eine chauvinistische Studie über die Vergewaltigungs- und Sexfantasien von Frauen. Das ist für heutige Sehverhältnisse bisweilen schwer zu ertragen, weil auch die Überwältigungen und anschließenden Fickszenen trotz genießerischer Mimik von Angelina keinen erotischen Mehrwert aufweisen können. Regisseur Piero Schivazappa hat es mit seiner konservativen Auffassung der Mise-en-scène überhaupt sehr schwer, seinen Inhalt in eine analoge Form zu gießen. Welch fiebrige Fantasien hätte der großartige Joe D'Amato aus diesem üblen Drehbuchstoff herauskitzeln können! Dennoch sollte man den Film nicht nur auf den Rhythmus zeitdokumentarischer Spannung und die Darstellung antiker Rollenklischees reduzieren, sondern ihn auch versuchen, als ungelenk provokantes Stück über weibliche Lustfindung und sexuelle Verwirklichung zu erkunden. Mehr als ein Erotikfilm ist LA SIGNORA DELLA NOTTE ohnehin ein Ehedrama, welches mit Mitteln klassisch korrumpierter Sexploitation erzählt wird. Letztendlich vermag der Film aus seiner weltanschaulichen Widersprüchlichkeit, die sich aus der Paarung von weiblichem Begehren und chauvinistischer Eskalation ergibt, in seinen besten Augenblicken sogar eine ergiebige Dramaturgie zu basteln.

NIGHT OF THE DEMON
(Der Fluch des Dämonen)
Regisseur: Jacques Tourneur
UK 1957

Der direkte Schrecken

Tourneurs erster Horrorfilm seit THE LEOPARD MAN (1943) dreht sich um den Psychologen Holden, der einem satanistischen Kult auf die Schliche kommt und glaubt, dass ein gewisser Dr. Julian Karswell nicht nur dahinter steckt, sondern auch etwas mit dem Tod des Professors Harrington zu tun hat. Der Psychologe glaubt den Ausführungen Karswells um mysteriöse Phänomene und grausame Flüche natürlich kein Wort, vertraut daher allein seinem rationalen Verstand. Doch nachdem Karswell ihm erklärt, dass er nur noch drei Tage zu Leben habe, dämmert es auch dem von wissenschaftlicher Logik überzeugten Holden langsam, dass er es mit etwas ganz und gar Übernatürlichem zu tun haben könnte. Ein spannungsgeladener wie auch narrativ stringenter Streifen, welcher ohne sensationalistische Versuche auskommt. Der Horror liegt hier darin, dass die dämonische Energie real ist und der Held der Geschichte genau diese wegzulachen und wegzurationalisieren versucht. Unter Kritikern und Fans ist man sich auch heute noch nicht einig, ob es nicht besser gewesen wäre, den Dämonen nicht zu zeigen. Regisseur Tourneur und vor allen Dingen der Drehbuchautor Charles Bennett sollen jedenfalls wohl ziemlich angepisst gewesen sein, dass sich Produzent Hal E. Chester mit der Idee durchsetzen konnte, die physische Gestalt des Wesens am Anfang und am Ende des Films auszubuchstabieren. Ich kann zwar die ganzen Plädoyers für Subtilität in diesem Fall verstehen, doch zwei entscheidende Argumente, die für die Importanz der grafischen Offenlegung sprechen, sollte man nicht unter den Teppich kehren. Erstens symbolisiert der Dämon durch seine unverdeckte Visualisierung das betonte und eben überhaupt nicht subtile Sinistre (man könnte auch ein schreiben: der Dämon symbolisiert den Tod) und zweitens sieht die Tricktechnik so gut aus, wie in kaum einem anderen Film aus der Ära. Nicht immer, aber eben manchmal ist es gar nicht so unratsam, den Schrecken auch direkt und ohne Zweifel zu erzeugen zu zeigen.
Am 19. Februar 2019 ergab sich ein spontaner Filmmarathon, mein erster dieser Art. Marathon ist eigentlich der falsche Begriff, aber ich mag ihn trotzdem. Spontan bedeutet auch, dass nichts im Vorfeld darauf ausgelegt war, fast den gesamten Tag nichts weiter zu tun, als Filme zu schauen, bis die Augen sich der rechteckigen Form des Flachbildfernsehers annäherten. Es geschah einfach. Meine bisherigen Versuche, acht oder mehr Filme innerhalb von 24 Stunden zu schauen, schlugen allesamt fehl. Was habe ich alles schon für großartige Programme zusammengestellt, teilweise gespickt mit Filmen, die sich durch möglichst viele Jahrzehnte und Genres ziehen. Was habe ich mir den Kopf zerbrochen! Den Chabrol-Thriller vor oder nach DOCTOR LITTLE 4 schauen? Ein ernsthafter Filmmarathon ist ja auch immer ein privates Filmfestival, und man selbst ist der Kurator. Trotz solcher Selbstgestaltungs- und Unabhängigkeitsromantik habe ich es nie gepackt. Mal kam die Müdigkeit dazwischen, mal war das Filmvergnügen suboptimal. Und dann gibt es ja auch noch Freunde und Familie, die die Pläne durchkreuzen können. Doch jetzt war es plötzlich ganz einfach, man hatte Bock, hatte frei und irgendwie war da diese Befindlichkeit, der anfassbaren Realität den Rücken zu kehren und sich in den Armen verschiedener Filmwelten fallen zu lassen. Nach sieben Filmen, denen ich mich quasi ohne eine Pause zu machen hingab, nur kurz von einem Zweistundenschlaf unterbrochen, musste ich dann aber auch mal raus. Leckeres italienisches Eis essen, mit zwei Freundinnen. Es war in jedem Fall schon ein hinreißendes Erlebnis nach draußen zu gehen, da man sich dabei zunächst in einem unvergleichlichen Dulliäh befand.


Wie man an der Filmauswahl sieht, ist es nicht der Tag der Filmliebhaber-Classics geworden. Eher handelt es sich um Werke neueren Datums, denen ich mich gewidmet hab. Ich habe dennoch mit den ersten sieben Filmen eine tolle Zeit erlebt, während gerade der letzte nicht die beste Wahl war.

1. BEFORE I FALL (Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie)
R: Ry Russo-Young, 2017

2. THE DARK TOWER (Der dunkle Turm)
R: Nikolaj Arcel, 2017

3. HELEN
R: Sandra Nettelbeck, 2009

4. PICNIC AT HANGING ROCK (Picknick am Valentinstag)
R: Peter Weir, 1975

5. BLUE RUIN
R: Jeremy Saulnier, 2013

6. CHÉRI (Chéri - Eine Komödie der Eitelkeiten)
R: Stephen Frears, 2009

7. I FEEL PRETTY
R: Abby Kohn & Marc Silverstein, 2018

8. AM ZIN 2 (Running Out Of Time 2)
R: Johnnie To & Law Wing-Cheung, 2001

Los ging es es gegen 0 Uhr.

BEFORE I FALL - Über diesen Film habe ich im Vorfeld nicht das Geringste gewusst und wurde schon allein durch die Prämisse überrascht, wenngleich meine geschulten Augen die Idee der Erzählform mit dem ersten Aufwachen der Protagonistin ziemlich früh entlarven konnten. Ein richtig toller Teenagerstreifen, der wichtige Fragen stellt und den Zuschauer nicht für dumm verkauft.

THE DARK TOWER - Ich erinnere mich an viele negative Kritiken, die sich der Fim gefallen lassen musste. Warum eigentlich? Der Fim mit Idris Elba und Matthew McConaughey ist stark fotografiert, bietet stringente Charakterentwicklungen und zieht auch emotional in seinen Bann. Dazu gibt es ein ums andere Mal wirkliche filmische Extravaganza zu erleben und herrliche One-Liner zu hören. Außerdem ist er doch locker einer der besten Superheldenfilme ohne faktische Superhelden.

HELEN - Ein ziemlich deprimierender Film. Die Regisseurin Sandra Nettelbeck kundschaftet alle inneren und äußeren bzw. zwischenmenschlichen Regionen einer Frau aus, die an schwerer Depression leidet. Ohne Subtilität zwar, aber man muss ihre Arbeit dafür loben, dass die Charaktere mit genug Grautönen gesegnet sind. Das fesselt.


PICNIC AT HANGING ROCK - Der einzige Film an diesem Tag, der mir nicht neu war. Viele Filme an diesem Acht-Filme-Tag besitzen eine Frau als Hauptfigur oder spielen in einem Umfeld von Frauen. Diese Regiearbeit von Peter Weir passte also wie angegossen in das eigentlich nicht vorhandene Konzept. Sie gefiel mir auch bei meiner mittlerweile dritten Sichtung außerordentlich und ich bin immer noch der Meinung, dass ich mir die plötzliche Hitze im Zimmer nicht eingebildet hab, die da von den Felsen des Hanging Rock herüberschwappte.

Es musste gegen 7 Uhr früh gewesen sein und ich ließ mich erstmal von der Müdigkeit überrollen.

BLUE RUIN - Brett. Aber das habe ich von einem Saulnier-Thriller auch erwartet, halte ich seinen HOLD THE DARK doch für pure Lyrik und THE GREEN ROOM für ein unwiderstehliches Spiel mit den Formen der Gewalt und dem Thrill. Bei diesem Film standen die Coen-Brüder in jedem Fall Pate und der Regisseur gibt sich nicht einmal die Mühe, das zu verdecken. Ich verstehe, dass man das komplett kacke finden kann oder gelangweilt dem Treiben zuschaut, aber als ich den nach einem kleinen Nickerchen eingelegt hab, riss er mich sofort mit.

CHÉRI - Kostümdramödie mit einer verführerischen Michelle Pfeiffer, die eine Kurtisane spielt. Die verschwenderische Ausstattung, die gleichzeitig auch symbolische Zuschreibungen beinhaltet, ist ein wahrer Segen und auch auf der narrativen Ebene macht der Film nicht viel verkehrt.


I FEEL PRETTY - Eine flotte (Liebes-)Komödie über die Kraft des Selbstbewusstseins. Natürlich mit üblichen Genrekonventionen gespickt und nicht ohne schmalzig-ideologische Muntermacher-Reden. Dennoch wartet der Film mit unerwartet tollem Pacing, kleineren Dekonstruktionen und irgendwie sympathischen Flausen auf. Doch der größte Clou des Regie-Duos ist es, die Wahrnehmung der Protagonistin nicht zu visualisieren und jeden Zuschauer seine eigenen Bilder kreieren zu lassen. 

Um 16.00 Uhr Eis gegessen.

AM ZIN 2 - Als großer Bewunderer von Johnnie To hat mich dieser Film kaltgelassen und ich weiß schon sehr gut, warum ich ihn seit bestimmt mehr als sieben Jahren ungesehen auf DVD rumliegen hab. Man merkt in jedem Fall, dass To diesen Katz-und-Maus-Thriller leider nicht allein inszeniert hat. Eigentlich kein würdiger Abschluss dieses grandiosen Filmtags, aber danach war ich zu schlapp, um mir noch etwas anzuschauen.

Die Gelegenheiten, weitere lange private Filmtage zu machen, lassen hoffentlich nicht lange auf sich warten. Zum Schluss noch die Preisverleihung dieser ersten Ausgabe:

Ehrenpreis für eine tolle Wiederguckerfahrung: 
PICNIC AT HANGING ROCK


Bester Film: 
BLUE RUIN







...E TU VIVRAI NEL TERRORE! L'ALDILÀ
(Die Geisterstadt der Zombies / Über dem Jenseits)
Regisseur: Lucio Fulci
Italien 1981

Eine Welt ohne Sicherheit und Stabilität

Wenn die Gorepassagen zu den geerdetsten und gütigsten Augenblicken eines Films zählen, kann man es nur mit narrativ hartem Tobak zu tun haben. Das geht in erster Linie auf die Kappe des Regisseurs und seines Weltbilds. THE BEYOND ist ein schmierig-entrücktes Manifest des reinsten Terrors und damit auch so etwas wie die ideologische Quintessenz der drei anderen Horrorfilme, die von Lucio Fulci zwischen 1979 und 1981 gedreht wurden (ZOMBIE 2, EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL und DAS HAUS AN DER FRIEDHOFSMAUER). Seine Bilder kennzeichnen sich hier durch Entfremdung von Wirklichkeit sowie Weltlichkeit aus und die Geschichte, die er darlegt, ist so surreal und nonkorformistisch erzählt, dass er einige Zuschauer auf die Geduldsprobe stellen wird. Doch diejenigen, die sich vom Fluss treiben lassen werden, können ein Zwischenreich betreten, in dem die Gesetzmäßigkeiten von Zeit und Raum aufgehoben zu sein scheinen. Deswegen kann eine Frau in einem Bild stehen und im nächsten schon wieder auf dem Boden liegen, während plötzlich Säure auf ihr Gesicht tropft und es zerstört. Eigentlich geht es nur um ein Haus, welches als eines der sieben Tore zur Hölle gilt. Eine junge Frau, die davon zunächst nichts weiß, möchte es unbedingt zu einem Hotel umfunktionieren lassen. Nach und nach wird sie in die Geheimnisse des Hauses und seiner Schrecklichkeit eingeweiht, wenngleich es zur Rettung nicht reichen wird. Fulci kreiert eine Welt ohne Sicherheit und Stabilität. Da knabbern Vogelspinnen am Gesicht eines auf den Boden gefallenen Mannes, nehmen Tote in der Wanne ein Bad und ein Hund richtet sich auch schon mal gegen sein Frauchen, weil er den Impuls verspürt, seinen Blutlust zu befriedigen. Logikbrücken werden niedergeschmettert und realistische Ansätze bereits im Keim erstickt. THE BEYOND ist ein fieses Fest sich potenzierender Absurditäten, dabei so herrlich anstandslos wie auch herrlich schön.