Dværgen (1973)


DVAERGEN
(Das Haus der verlorenen Mädchen)
Regisseur: Vidal Raski
Dänemark 1973

Kleine dänische Kostbarkeit

Ein Kleinwüchsiger lockt junge Frauen in seinen Speicher, macht sie mit Heroin gefügig und überlässt sie den Freiern, welche von seiner Mama abkassiert werden. Früher war die Mutter noch eine Nachtklublegende, jetzt muss mit illegalen Mitteln nachgeholfen werden, um sich ein Leben mit Beefeater Gin und Zigarren zu leisten. Die Wände in ihrem Wohnzimmer bemühen sich um die Sprache der Nostalgie, damit das Ehemalige nicht verschwindet. Wenn ihr kleiner Sohn Olaf sich ans Piano setzt und voller Spiellust in die Tasten haut, gibt die Mutter stimmlich alles, auch wenn es wahrlich grausam klingt. Sie ist eine Norma-Desmond-Karikatur, deren Eitelkeit nicht nur kritische Reflexion unwahrscheinlich macht, sondern auch eine Distanz zu einem ruinösen Lebensstil. Die Geburt von Olaf wird als Verhängnis kommuniziert, der Kleinwüchsige als ein Teil der gestapelten Enttäuschungen also. Dieser grimassiert diabolisch durch die Zimmer und den Speicher, meistens einen Minikrückstock als Gehhilfe. Als hätte er beim Teufel höchstpersönlich eine Lehre angefangen, aber diese nach dem ersten Ausbildungsjahr aufgrund von Differenzen mit seinem Arbeitgeber abgebrochen. Gleich am Anfang sehen wir, wie er eine blutjunge Frau mit seinem mechanischen Hündchen verführt und dann in ein geheimes Zimmer lockt, in dem schon anderes Fleisch darauf wartet, von einem notgeilen Typen gepoppt zu werden. DVAERGEN gehört zum ungewöhnlichsten Sleazezeug, welches man in jener Zeit aus Europa bekommen konnte, schon allein aufgrund der Tatsache, dass er keine französische, spanische, deutsche oder italienische Produktion ist, sondern aus dem Land der Olsenbande stammt, Dänemark. Doch auch der sozialkritische Impetus sowie die behutsam-zärtliche und vor allem menschliche Porträtierung der Bösen lassen die meisten Vergleiche mit herkömmlicher Sexploitation von Franco bis D'Amato haltlos werden. Die wenigen Hardcoreszenen sind Spiegel ihrer Zeit, einer Ära der Emanzipation und der Arschhaare. Es ist nicht einmal leicht zu sagen, ob diese aufgrund einer größeren Profiterwartung gedreht wurden oder künstlerischer Eigensinn dahintersteckte. DVAERGEN bildet eine alternative Realität ab, die ihre Geheimnisse und ihre innere Logik nie vollständig entschlüsselt. Ob dies aus Unlust oder Unfähigkeit passiert, wird niemals ans Licht kommen. Aber generell gilt ja: Ein Film ist schlauer als sein Regisseur, und zwar so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist.

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