Ultimo Mondo Cannibale (1977)


ULTIMO MONDO CANNIBALE
(Mondo Cannibale, 2. Teil – Der Vogelmensch)
Regisseur: Ruggero Deodato
Italien 1977

Das Überleben des Instinkts

Ein vierköpfiges Team landet mit einem Flugzeug im Urwald und stößt auf ein leeres Camp. Schon bald sehen sie sich einem eingeborenen Kannibalenstamm ausgeliefert. Einer von ihnen wird in einen Vogelkäfig gesteckt und muss daraufhin Erniedrigungen ertragen. Ruggero Deodato ist der indiskutable Großmeister der kurzlebigen Kannibalenfilmwelle und erst seine Werke begründen überhaupt die Schublade, die selbst heute weiterhin eine Aura des Verbotenen besitzt. Als Andere ähnliche Sujets und deren filmische Darstellung zum Spott freigaben, gab er sich aufrichtige Mühe, wenn er den Kampf zwischen Zivilisation und Natur mittels Gewaltspitzen vermittelte. Seine Filme waren zwar ähnlich zynisch in ihrer Herstellung und rissen sich um die Kinokartenverkäufer bzw. Videoausleiher mit den gleichen Brutalitäten und Tiertötungen, die man zu jener Zeit als scheinbare Notwendigkeit für das Subgenre ansah, doch ging ihm nicht eine gewisse Liebe für Bildkompositionen und das menschliche Leid ab. Dass MONDO CANNIBALE 2 und CANNIBAL HOLOCAUST uns heute schockierender und erschütternder als Konsorten erscheinen, liegt nicht zuletzt daran, dass Angst, Schock und Leid durch die Gestaltung des Filmraums und des cleveren Schnitts besser vermittelt werden. Doch nicht nur inszenatorisch beweist man hier ein gutes Gespür, auch das Inhaltliche verkümmert nicht zu einer tristen Fußnote. Sein erster Ausflug in den wilden Dschungel, welcher den passenden deutschen Zusatztitel Der Vogelmensch bekam, veranschaulicht das Aufeinandertreffen von Stadtmensch und Wildnis. Der Topos ist selbstverständlich bekannt, doch der gezeigte Leidensritt füllt die Konturen mit Lebendigem, statt sie nur als visuelle Form zu begreifen. Das Lebendige äußert sich in Schweiß, Blut und sexuellem Durst. Das Element, welches Deodatos Film abhebt, ist die Authentizität des Überlebensinstinkts. Der Regisseur isoliert unsere Bezugsfigur durch flottes Absterben beziehungsweise Verschwinden von dessen Kollegen, was uns ungewöhnlich viel Zeit gibt, uns seiner beschissenen Situation anzunehmen. Auf Erniedrigungen folgen hier Qualen, auf Qualen bittere Schmerzen und letzlich die Erkenntnis, dass das Wilde im Zweifel siegt. MONDO CANNIBALE 2 wird mehr noch zu einer reichhaltigen Konsideration über das Überleben des Instinkts, wenn das zivilisatorische Element ausradiert ist. Die gesellschaftskritische Dimension ist nicht ohne Einfalt und Heuchelei, doch sie entwickelt innerhalb des Gesehenen ihren Sinn. Deodatos Panorama von Bestialitäten ist nicht weniger als eine zynische Abrechnung mit dem Hochmut der Kultur.

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