Mittwoch, 30. April 2014

Glen or Glenda (1953)

Nach dem Selbstmord eines Transvestiten konsultiert Inspektor Warren den Arzt Dr. Alton, um sich von ihm über moderne Männer, die gerne Frauenkleidung anziehen, beraten zu lassen. Er möchte vor allen Dingen erfahren, warum sich ein solcher Mensch umbringt. Bei der Konversation kommt man schnell auf den Fall Glen/Glenda zu sprechen, in dem ein Mann sich nicht traut, seiner Geliebten zu beichten, dass er eine Leidenschaft dafür hat, sich als Frau zu verkleiden.

Meine frühere Kritik zu GLEN OR GLENDA, vom 27. Dezember 2012
Für die Zeit, in der der Film gedreht wurde, tritt er mit seinem Thema ziemlich mutig auf, man könnte auch schreiben, er sei seiner Zeit voraus gewesen. Er begibt sich dabei nicht nur in die Schluchten der Psychoanalyse, sondern sucht auch einen direkten Kontakt mit dem Zuschauer, den er für das Thema Transvestitismus zu sensibilisieren versucht. Mit dieser Aufgabe beauftragte Wood vor allem den schon abgehalfterten und drogensüchtigen Bela Lugosi, dessen goldene Zeiten schon längst vorbei waren. Seine Rolle zu beschreiben, fällt nicht leicht, weil ihre Funktion innerhalb des Plots nicht ersichtlich zu sein scheint. Er spielt einen Mann, der auf einem Sessel sitzt und dabei das Handeln der Menschen kommentiert und kritisiert. Oft glotzt er direkt in die Kamera, während er das Publikum anredet, wobei der Ton der Worte oft zwischen dramatisch und melancholisch changiert. Um eine hysterische Stimmung bemühend, spricht er dann auch oft von einem Drachen, der an der Türschwelle wartet und kleine Jungs sowie fette Schnecken verspeist. Obschon Lugosis Auftritt eine Kuriosität nach der anderen hervorzaubert und seine Rolle für einige Witzchen gut ist, sehe ich ihn persönlich als eine wichtige Instanz innerhalb der vielschichtigen Geschichte. Der von ihm gespielte Charakter bildet nämlich so etwas wie eine Scharnierstelle zwischen Dokumentation und Fiktion, da diese Gestalt ein Auge auf beides wirft. Er ist ein Kontrolleur beider Welten, der die moralischen Mängel in der Gesellschaft benennt, die mit Transvestitismus zusammenhängen. Interpretieren lässt sich Lugosis Figur zudem noch als eine ziemlich drollige Vorstellung von Gott, auch wenn er in den Credits als "The Scientist" bezeichnet wird.

Bei meiner nunmehr dritten Sichtung habe ich gemerkt, wie wichtig dieses Werk in erzählerischer Hinsicht ist. Neben der Tatsache, dass Ed Wood kein großes Interesse am konventionell-spießigen Bildvokabular zeigt, verneint er auch die Straightforward-Methode, also das Geraderaus-Erzählen. GLEN OR GLENDA spielt sich dagegen auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen ab, in die auch noch Rückblenden und Binnenerzählungen hineingeschoben werden. Gleichzeitig ist der Film eine Mischung aus Fiktion und Pseudodokumentation, erstgenanntes verzichtet dabei nicht auf autobiografische Fußspuren. Das Wort Verwirrung schießt einem zwar mehrmals durch den Kopf, doch wo sonst, wenn nicht in diesem Film, in welchem es zentral um ein Durcheinander, ein mentales Hin und Her geht, ist Verwirrung denn angemessen? GLEN OR GLENDA ist in vielen Augenblicken naiv, in anderen unheimlich kryptisch, manchmal unbeholfen, und oftmals so weit weg vom Normalsein, wie es nur möglich ist. Kurioses und Albernes verwächst bei Wood mit dem Analytischen sowie dem Seriös-Aufklärerischen, er führt Sinnloses und Sinnhaftes zusammen, und macht das nicht ohne die Formen des modernen Erzählens, die zahlreiche Nouvelle Vague Vertreter alt aussehen lassen.

GLEN OR GLENDA
Regisseur: Ed Wood
USA 1953

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen