Mittwoch, 30. April 2014

Kotoko (2011)

Die alleinerziehende Mutter Kotoko muss ihr Kind bei den Verwandten abgeben, weil der Staat ihr nicht mehr zutraut, sich um das Kind kümmern zu können. Kotoko ist psychisch krank und halluziniert, lebt in ihrer eigenen gefährlichen Welt und schnippelt schon mal an ihren Armen herum. Ihre mentale Situation wird allerdings kaum besser, als sie ihre Zeit ganz allein verbringen muss. Auch durch ihre Beziehung zu einem geschätzten Schriftsteller erlebt sie keine hoffnungsvollen Veränderungen, da der Mann Kotoko über seine Gefühle nicht erreichen kann. Von ihr körperlich malträtiert zu werden, gehört für ihn deshalb schon bald zur Tagesordnung, was ihn jedoch weniger stört. Dass er seinen Körper für Kotokos Entladungen hergibt, macht ihm nämlich weit weniger Sorgen, als der Zustand seiner Freundin. Die kann später sogar ihr Kind wieder zurückhaben, doch muss sie feststellen, dass sie selbst noch nicht genügend gesund ist.

Laut und beängstigend ist dieser Film geworden, hauptsächlich ist er aber nicht konform, wodurch er sich seinem Inhalt anpasst. Betörend wird es hier nur, wenn die andauernd halluzinierende Protagonistin zu singen anfängt und Vergangenheit und Zukunft in ein tiefes Loch fallen, um aus dem Bewusstsein zu verschwinden. Es sind auch für den Zuschauer Augenblicke der Glückseligkeit und der tiefgründigen Ruhe, weil sie zu raren Begegnungen mit dem Gewöhnlichen werden. Wenn nervendes Geschrei und wilde Bilder die Hauptzutaten eines Films über paranoides Verhalten bilden, dann bieten diejenigen Szenen eine Fluchtmöglichkeit, auf die das Klima der Verstörung keinen Einfluss nimmt. Wenn Kotoko singt, scheint sie mindestens frei zu sein, den schizophrenen Psychosen entkommen. Ebenso tanzen Voice-over-Monologe aus der Reihe, die zeigen, dass Kotoko auch eine nachdenkliche Seite an sich hat. Wenn sie aufgrund ihrer Störung aber wieder aus der Realität entwurzelt wird, dann tobt es auf dem Bildschirm und alles scheint aus dem Rahmen zu fallen. Ihr Verhältnis zu einem Schriftsteller entwickelt sich auch nicht zu einem dankbaren Umstand, sondern bedauerlicherweise zu einem höllischen Reigen von absonderlichen Situationen, die in ihren düstersten Momenten sehr viel Lust an (Selbst-)Verstümmelung offenbaren. Doch weil Perspektiven keine Kategorisierung erfahren, können wir uns überhaupt nicht sicher sein, ob die Verletzungssucht vielleicht nicht doch bloß ein Teil der Halluzinationen ist. Nur auf die Richtigkeit der Chronologie ist Verlass, da das Kind von Kotoko mehrmals in verschiedenen Lebensabschnitten gezeigt wird. 

Man bekommt immer wieder das Gefühl, Kotoko würde sich übermäßige Sorgen um die körperliche Unversehrtheit ihres Sohnes machen, aber möglicherweise erwächst das auch aus der Frage, ob sie eine gute Mutter sein und in dieser widersprüchlichen Welt auf ihr Kind aufpassen kann. So stellt sie sich beispielsweise vor, wie sie ihr Kind vom Dach eines Mietshauses herunterschmeißt oder wie sich der Kopf des Kindes durch eine Gewehrkugel in einen Blutmatsch verwandelt. Filmemacher Tsukamoto kann es sich jedenfalls leisten, solche Abschnitte einzubauen, mit denen er die Perspektive einer mental kranken Person untersucht. Deren regelmäßigen Kontrollverlust hält er in Bildern fest, die teilweise schon sehr shaky geraten sind und denen man ansieht, dass für sie nicht sonderlich viele Moneten ausgegeben wurden. Neben der Regie übernahm der für seine Cyberpunkwerke bekannte Shinya Tsukamoto die Rolle des Freundes, welcher Kotoko vor dem Schlimmsten bewahren möchte. Doch ansonsten bleibt der Film eine One-Woman-Show, die mit der leidenden Protagonistin allein schon genug zu tun zu haben scheint. Gespielt wird diese von der J-Pop-Künstlerin Cocco, von der ebenso die wichtigen Bestandteile der Story kamen.

KOTOKO
Regisseur: Shinya Tsukamoto
Japan 2011

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