Dienstag, 29. April 2014

Der Granatapfelbaum

Der Granatapfelbaum
Yaşar Kemal

(Hüyükteki Nar Ağacı, 1982, Türkisch)

Eindringliche Elendsbeschreibung
Vier Männer und ein Jugendlicher suchen die Çukurova-Ebene nach Arbeit ab. In ihrem Dorf gibt es nichts, weshalb alle von ihnen hoffnungslos verarmt sind. Bevor Memed aufbricht, verkauft er deshalb noch eine der beiden Ziegen, damit seine Frau und seine Kinder nicht verhungern müssen, solange er unterwegs ist. Während sie in der Ebene umherirren, stellen sie fest, dass dort ein Industrialisierungsprozess eingesetzt hat, durch den sie überflüssig geworden sind. Arbeitskräfte werden hier nicht mehr hängeringend gesucht, weil es Traktoren gibt, mit denen verschiedene Tätigkeiten schneller erledigt werden können. Die Gruppe beklagt die boomende und omnipräsente Unmenschlichkeit und muss sich trostlosen Szenarien aussetzen, welche ihnen alles andere als Mut machen. Aber sie müssen auch stets mit gewöhnlichen Erscheinungen der Natur kämpfen, denn solange es hell ist, macht ihnen die Hitze zu schaffen, und wenn es dunkel wird, müssen sie auf die Schwärme von Stechmücken achtgeben. Als sie aufgebrochen sind, haben sie die Çukurova-Ebene allerdings für kein Paradies gehalten, der alte und körperlich schwache Yusuf deutete schon in seiner typisch düsteren Sprache an, dass der höchste Gewinn, den sie dort machen können, der Tod ist. 

Der kurze Roman beschreibt den Versuch von fünf Dörflern, sich in einer Umgebung zurechtzufinden, die ihnen fremd ist. Zwischen der Region, wo sie herkommen, und der Region, in der sie sich als Wanderarbeiter versuchen, scheinen Welten zu liegen. Die Maschinen, von Großgrundbesitzern gekauft, haben die Menschen in der Ebene verändert und eine Kultur geschaffen, in der es ruppiger zugeht und die Kategorien Haben und Nichthaben noch weniger diffus sind als zuvor. Doch dieser Technisierung der Arbeit verfallen nicht nur die Armen zum Opfer, ebenso entdeckt man selbst bei den Gewinnern tragische Züge, schließlich halten die ihre neuen Maschinen für Götter und scheinen vernarrt in deren Effizienz zu sein. Der Technikfetisch verblüfft die Antihelden des Buches dabei genauso, wie er sie auch erschreckt. Im Kampf um Brot und Wasser spielt ihre unterlegene Position für sie jedoch keine Rolle, weshalb sie ein Dorf nach dem anderen abklappern. Obwohl sie an ihre körperlichen Grenzen kommen, die lodernde Hitze sie regelrecht plattmacht und einer von ihnen regelmäßig auf dem Rücken getragen werden muss, treten sie nicht die Flucht an, sondern begeben sich auf die Spur eines Mythos, der von einem sagenhaften Baum handelt, der Wünsche erfüllen und Schwachen Kraft geben soll. Sie tun das mit einer Hartnäckigkeit, die eigentlich bar jeder Vernunft ist, aber vielleicht zeichnet ihr Verhalten einfach nur einen eigenen Mythos nach.

"Sie hatten nur noch Augen für diese Fahrzeuge, vergötterten diese Maschinen, von denen sie zunächst nicht einmal wussten, wofür sie gut waren."

Çukurova, das ist in DER GRANATAPFELBAUM auch eine Welt, in der Sagen und Geschichten den Umbau überlebt haben, und weiterhin von Mensch zu Mensch weitergereicht werden. Das Buch geht darauf ein, dass letztlich nicht deren Wahrheitsgehalt zählt, sondern die Bedeutung, die es bei der Person bekommt, die sie hört. Yaşar Kemals Ausführungen sind allerdings noch schöner als der Inhalt, denn seine Sprache beschert dem Konsumenten viele intensive Leseminuten dadurch, dass sie sich einerseits oftmals zum Realismus geneigt knochentrocken präsentiert, in anderen Momenten aber mit sehr poetischen Klängen auffällt. Durch die tragikomischen und bisweilen absurden Gespräche, die die Wanderer untereinander führen, verleiht er seinen Figuren scharfe Konturen, wodurch jeder einzelne Charakter ein wertvoller Teil der Gruppe ist. Wenn wir auch mehr aus dem Leben von Memed erfahren, als aus dem Leben der anderen, fällt es mir schwer, ihn als zentrale Gestalt des Romans anzusehen. Möglicherweise sind mir der zynische Yusuf, der energische Hösük, der feinfühlige Ali und der naive Klein Memed auch bloß zu sehr ans Herz gewachsen, als dass ich die Vorrangstellung einer einzigen Person akzeptieren will. 

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