Montag, 17. Februar 2014

Funny Games

FUNNY GAMES
Österreich, 1997
Genre: Thriller
Dauer: 104 Minuten

Regisseur: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Darsteller: Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapszynski, Doris Kunstmann, Christoph Bantzer

Ich würde mich durchaus als Gewaltfan bezeichnen und versuche jeder brutalen Erscheinung, die auf den Bildschirmen oder Leinwänden auftaucht, zunächst offen gegenüberzustehen, also vorurteilsfrei. Leider merke ich, dass eine solche Einstellung nicht den gesellschaftlichen Konsens darstellt. Wenn von Mediengewalt gesprochen
wird, dann meint man üblicherweise nur die physische Zerstörung eines Individuums und nicht den Komplex der Gewalt in seiner Ganzheit. Da "Mediengewalt" und ähnliche Schlagwörter derart negativ konnotiert sind, fügen sie schon durch die wiederholte Sprachverwendung jenen Filmen Schaden zu, die Brutalität im körperlichen Sinne zeigen.
Irgendwelche brisant inszenierten Arthausfilmchen, welche psychische Qualen näher bringen und uns Verwüstungen einer Seele durch eine äußere Kraft illustrieren, werden nicht oder kaum als Problem empfunden. Diese sind nämlich schon deshalb durch den Mediendiskurs privilegiert, weil sie das Zeigen und Veranschaulichen offener und harter physischer Gewalt meistens vermeiden. Wenn sich dann ein solcher Film im art house-Stil aber non-konform tatsächlich traut, Verstümmelungen oder übetriebene Aggressionen in seinen Plot aufzunehmen, können ihn Schlagwort-Spezialisten mit Begriffen wie "provokativ" oder "kontrovers" gar nicht genug zuschmeißen, wodurch ihm nichts weiter als ein Anderssein zugeschrieben wird. Die Nachricht ist klar: hier hat einer der "gesellschaftlich wertvollen" Filme gegen eine Abmachung verstoßen. Handelt es sich um einen üblichen Splatterfilm braucht ihn im Diskurs niemand "anders" zu machen, weil er bereits durch kulturelle Prägungen als "anders" bzw. "für die Gesellschaft weniger wertvoll" wahrgenommen wird. Gute Voraussetzungen, um eine offene und neugierige Einstellung gegenüber Gewalt in fiktionaler Umgebung zu entwickeln, werden durch diese und ähnliche Platzzuweiser-Mentalitäten genauso wenig gestellt, wie durch hysterisch oder intellektuell ausformulierten Fragen nach der Schuld. Als ich kurz vor meiner dritten Sichtung von FUNNY GAMES stand - der ersten Sichtung in sieben Jahren! - gab es bei mir durchaus die Hoffnung, einen differenzierten Film über Gewaltgeilheit zu bekommen, der mich zum Nachdenken bringen könnte. Ich hätte gerne der Welt mitgeteilt, dass sich Kritiker von Haneke irren. Dies käme jedoch einer unkritischen Selbstentäußerung gleich, wie ich nach dem letzten Bild feststellen musste. Denn ich empfinde FUNNY GAMES als höchst diskriminierend - sowohl Menschen gegenüber, die bestimmte Darstellungen verputzen, wie auch gegenüber denjenigen, die sie herstellen bzw. anbieten. Ich mag fiktionale Gewalt und sie stellt für mich einen Teil meiner Unterhaltungsoptionen dar. Dafür schäme ich mich kein bisschen und kein erwachsener Mensch braucht seinen Wunsch, krasse Praktiken in der Fiktion erleben zu wollen,  generell zu hinterfragen. FUNNY GAMES lehne ich konsequent ab, weil ich ihn als weiteren Baustein einer kunst- und rezeptionsfeindlichen Agenda sehe, die uns nicht von der (Selbst-)Zensur weg-, sondern zu ihr hinführen will.

In Hanekes Film wird der häusliche, Sicherheit versprechende Rahmen an sich sehr zügig dekonstruiert, wenngleich die Sichtbarkeit der vollständigen Verschiebung von Autoritäten einige Zeit benötigt: Nachdem ein Paar und ihr Sohn bei ihrem Ferienhaus ankommen, welches am See liegt, gibt es einen Konflikt mit zwei jungen Männern, die vermeintlich von den Nachbarn geschickt wurden, um Eier zu holen. Die Männer benehmen sich immer unhöflicher und schlagen, als der Familienvater ihnen die Übergabe der Eier ablehnt, mit einem Golfschläger derart hart auf das Bein, dass er nicht mehr laufen kann. Die Täter gefallen sich darin, die Familie in deren eigenem Haus unter Kontrolle zu halten und mit ihr Spiele zu spielen, die zunächst noch von harmloserer Natur sind, jedoch schnell an Ernsthaftigkeit zunehmen.

Die böse und bisweilen brutale Satire des viel gepriesenen österreichischen Regisseurs stellt im Kern eine Reflexion über die Mediengewalt dar, auch wenn der Film ohne das Verständnis für das Vorhandensein einer selbstreflexiven Ebene ebenfalls funktioniert und seine Zuschauergruppen findet, besonders da er viele Merkmale sowie Motive eines gewöhnlichen Psychothrillers enthält und zudem kompetent inszeniert ist. Er kann aufgrund der sehr brutalen Eroberung des privaten Raums einer kleinen Familie einerseits
verstörend wirken, weil sich die Peiniger und Mörder höchst zynisch verhalten und Empathie ihnen vollkommen fremd ist. Allerdings kann FUNNY GAMES durch seine humoristische Seite, die dem Zuschauer die Stereotypen des gewalttätigen Films aufzuzeigen versucht, auch spontane Lacher ernten. Bekannt ist der experimentelle Psychothriller für seine raumauflösende Strategie, bei der er einen der Killer mehrmals zum Publikum sprechen lässt und dieses somit zu direkten Zeugen oder sogar Mittäter macht. Eine oberflächliche Cleverness kann diesem Werk also kaum abgesprochen werden, und ich respektiere den Regisseur und Autor zumindest für das Wagnis.

Doch was sich hinter dieser im Schlaumeier-Anzug auftretenden Medien- und Konsumkritik verbirgt, ist aus meiner Perspektive so dämlich wie ärgerlich. Herr Haneke befeuert durch FUNNY GAMES nämlich einfach gestrickte und vulgärsoziologische Thesen über die negativen Auswirkungen der Mediengewalt auf die Gesellschaft und möchte auch Begeisterte von fiktionaler Gewalt grundsätzlich kritisieren, indem er sie mit typischen Filmschemata konfrontiert, die er aus irgendeinem Grund als fragwürdig diskreditiert. Das eigene Vergnügen an inszenierter physischer Zerstörung und inszeniertem Leid soll hinterfragt werden, womit die Faszination für die fiktionale Darstellung von brutalen Vorgängen in die Schubladen "schädlich" und "falsch" gepresst wird. Mittels der Durchdringung der vierten Wand soll der Zuschauer zudem noch ein schlechtes Gewissen bekommen, weil er mit diesem Trick als inaktive Figur in einer Handlung implementiert wird, wodurch ihm unterschwellig mitgeteilt wird, sich moralisch minderwertig fühlen zu müssen, da er auf der illusionären Ebene bei den ausgeführten Verbrechen vor Ort ist. Es ist eine Schweinerei, wie der Regisseur mit den Konsumenten umgeht. Die Frage, warum körperliche Gewalt in der Fiktion etwas Schlechtes sein soll, beantwortet er natürlich nicht - muss er auch gar nicht machen. Das erledigen viele Rezipienten des Films, die sich als Steigbügelhalter eines reaktionären Indoktrinationsschmus hergeben, bei dem kulturpessimistische Bildungsbürger gar nicht mehr aufhören können, Freudensprünge zu machen. Danke auch.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen