Samstag, 9. November 2013

Das erste Buch des Blutes

Das erste Buch des Blutes
Clive Barker

(Books of Blood: Volume 1, 1984, Englisch)

Bekam den World Fantasy Award
Einige der hier erzählten Geschichten sind wirklich gezielte Tritte in die Magengrube, so verstörend ist ihre Wirkung. DAS ERSTE BUCH DES BLUTES, der Auftakt der Blutbuch-Reihe, dem fünf weitere folgen sollten, versammelt fünf Kurzgeschichten, denen es stets um die Mitte geht, dort wo sich das Böse und das Gute begegnen. So geschieht der Ablauf einer Handlung auch meistens sehr musterhaft, als hätte ein Autor das Prinzip von Malen nach Zahlen auf die Schreiberei übertragen, um nicht auch noch Zeit für einen kreativen Aufbau verschwenden zu müssen. Doch an diesem Stil gibt es nichts auszusetzen, weil Barker diesen Umstand mit seinem Ideenreichtum in ein positives Licht rückt, denn er verleiht den Geschichten der Sammlung durch seine Herangehensweise sowohl einen hohen Wiedererkennungswert wie auch eine Identität innerhalb der Anthologie. Außerdem zerfällt das offensichtlichste Muster, nämlich der Protagonist, der die Gefahr unterschätzt und herunterspielt, im Laufe einer Story ohnehin zu Staub. Der Held kämpft dann frei von Erzählschablonen gegen sein gegnerisches Gegenüber, mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, oder er sträubt sich gegen die Erfahrung einer Wirklichkeit, weil sie ihm nicht wirklich genug zu sein scheint.

Eingeleitet werden die fünf Episoden durch eine Rahmenhandlung, in der es um eine Forscherin geht, die ein Haus untersucht, in dem es spuken soll. Ihr zu Hilfe steht dabei ein junger Herr, der vorgibt, ein Medium zu sein, das mit Geistern in Verbindung treten kann. Natürlich besitzt er diese Fähigkeiten aber gar nicht, er malt bloß mit einer heimlich eingeschmuggelten Bleistiftmine seltsame Zeichnungen an die Wand. Das rächt sich, denn später trifft er tatsächlich mit Geisterwesen in Kontakt, wobei sie ihm nicht mit der freundlichen Tour kommen. Stattdessen ritzen sie sein Fleisch mit Geschichten voll und benutzen seinen Leib ungefragt als Buch für ihre phantastischen Einträge. Auf diese schon sehr ungemütliche Gefühle auslösende Rahmenhandlung folgt die Kurzgeschichte mit dem Titel "Der Mitternachts-Fleischzug", dessen Unappetitlichkeit unerschrocken Signale an die niederen Gelüste verschickt. Hier hätte sich das Vieh im Menschen in einem Bluttrog nach Lust und Laune suhlen können, wäre da nicht Barker, der der platten voyeuristischen Sicht einen Blick auf das eindringlich Groteske entgegenhält. Viele im Buch enthaltenen Plots zehren von grauenhaften Details, über die man kaum nachdenken kann, ohne angewidert zu sein, doch sollte man sich von dieser ersten Novelle und dem dort beschriebenen Exzess nicht täuschen lassen, der übrigens 2008 von Ryūhei Kitamura verfilmt wurde (und der auch in Deutschland den Originaltitel THE MIDNIGHT MEAT TRAIN trägt).

"Sie berührte ihn jetzt, wie sie es nie zuvor gewagt hatte, strich mit den Fingerspitzen ganz, ganz leicht über seinen Körper, ließ ihre Finger über die von Erhebungen aufgerauhte Haut gleiten wie eine Blinde beim Lesen der Blindenschrift."

Gewiss gibt es mit "Bergland: Agonie der Städte" noch eine weitere Hardcore-Nummer, in der Barker extreme Fleischfantasien zum Leben erweckt - dort reisen zwei Homosexuelle nach Jugoslawien und trauen ihren Augen nicht, als sie einen "Riesenmenschen" sehen, der aus Tausenden von Menschen besteht -, aber der britische Autor kann es ebenfalls auf ruhige Art machen. Davon zeugen die Geschichten "Das Geyatter und Jack" sowie "Sex, Tod und Starglanz", in denen Blut und Leiber eine, wenn überhaupt, untergeordnete Rolle spielen. Die erstgenannte Erzählung, die kürzeste Episode des Buches, handelt von einem Gurkenimporteur, der von einem Dämon um den Verstand gebracht werden soll, was diesem aber nicht gelingen will; in "Sex, Tod und Starglanz" siegt das Geisterhafte wiederum, hier steigen Menschen aus ihren Gräbern und bevölkern als Zombies die Sitzplätze, von der aus sie auf eine Theaterbühne blicken, wo ein Stück stattfindet, bei dem ebenfalls Tote präsent sind. So bietet diese hervorragende Sammlung dem leselustigen Horrorfreund nicht nur Stücke mit vielen Leichenteilen und einem hohen Matschfaktor; auch wenn ich zugeben muss, dass Barker jene Erzählungen am besten beherrscht, in denen sich der Schrecken um das Fleischliche dreht.

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