Samstag, 20. April 2013

Gorod Zero

Gorod Zero



Sowjetunion, 1989
Genre: Komödie
Regisseur: Karen Shakhnazarov
Darsteller: Leonid Filatov, Oleg Basilashvili

Der Moskauer Techniker Aleksei Varakin wurde von seiner Firma in eine Kleinstadt geschickt, um dort dem Hersteller für Klimaanlagen einen Besuch abzustatten. Allerdings läuft sein Besuch nicht zufriedenstellend ab, da er erfährt, dass der Chef des Herstellerunternehmens schon seit mehreren Monaten tot ist und niemand ohne ihn etwas beschließen könne. Als er sich schließlich zur Überbrückung der Zeit bis zu seiner Abreise in ein Restaurant geht, bedient ihn ein aufdringlicher Kellner, der trotz des Widerwillens Varakins einen Kuchen aufs Haus serviert und unverschämt droht, dass der zuständige Koch sich umbringen würde, wenn Varakin den Kuchen nicht esse. Dieser wünscht sich schon bald, dass er diesen Ort nie betreten hätte.

Gefangen im Nirgendwo

Kommentar: Vielleicht als ein böser Traum eines in der späten Sowjetunion lebenden Menschen intendiert, pflegt der dystopische GOROD ZERO seine kafkaesken Züge in jedem Fall im Rahmen eines einfachen Plots, der von einer geheimnisvollen und für uns wie für den Hauptcharakter beängstigenden kleinen Stadt handelt. Bei allen Sympathien für den Protagonisten Varakin, der von einem Schnauzbart tragenden Leonid Filatov gespielt wird, ist sie mit all ihren unergründlichen Mysterien deshalb auch der eigentliche Mittelpunkt, der wahre Hauptdarsteller. Sobald wir das in Blautönen gehaltene Anfangsbild vom Bahnhof und einem haltenden Zug, aus welchem ein einziger Reisender aussteigt, in uns aufnehmen, spüren wir schon die gallige Atmosphäre der Umgebung, die zwielichtige Natur dieses Städtchens. Das Geräuschergebnis des abfahrenden Zuges und ein mehrminütiger Kamera-Stilstand, durch welchen wir noch einen über die Gleise laufende Person sehen dürfen, die in die gleiche Richtung wie der zuvor als einziger aus dem Zug ausgestiegene Mensch läuft, komplettieren schließlich die schreckliche Verheißung, die sich anders, aber vor allem schneller als man denkt, erfüllt. Es ist an dieser Stelle faszinierend zu sehen, wie in der Realität nichtssagende Augenblicke filmisch umgedeutet werden können. Darüber hinaus passiert in den ersten Minuten das, was Filmemacher Shakhnazarov sehr oft und dazu sogar gekonnt Film aufbietet, nämlich Komprimierung, die wie ein krasser Gegensatz zu der Erzähl- und Fabulierlust mancher Stadteinwohner steht.

GOROD ZERO kann man einerseits sehr schön erklären andererseits will sich der in der Perestroika produzierte Streifen dem involvierten Zuschauer nicht preisgeben. Dieser Widerspruch ist wohl so zu deuten, dass man einzig und allein das Gefangensein des Protagonisten Varakin begreifen kann, die Vorgänge in der Stadt jedoch kaum. Es ist nicht einmal wirklich ersichtlich, ob der Film eine Dystopie darstellen soll. Fakt ist nur, dass er einen stark dystopischen Geist besitzt, weil er in einem unerwünschten Nirgendwo spielt, in welchem sich die Suche nach logischen Zusammenhängen genauso schwierig gestaltet wie eine Flucht. GOROD ZERO, der übersetzt "Stadt Null" heißen müsste, ist eine von Kafkas Erzählungen und gesellschaftspessimistischen Sci-Fi-Filmen inspirierte Albtraumcollage, in welcher ein aus Moskau angereister Techniker versucht, sich in einer namenlosen kleinen Stadt zurechtzufinden, was sich jedoch für ihn mit dem Fortschreiten der Zeit als ein immer schwieriger zu bewältigendes Unterfangen herausstellt. Mehr und mehr verkommt der Ort aus seiner Perspektive zu einem Labyrinth ohne Ausweg, weil ein geplanter Kurzaufenthalt zwecks eines geschäftlichen Termins sich in einen Irrgarten von undurchsichtigen und kurios ablaufenden Situationen verwandelt.

Wieso diese bittere Komödie in gutem Sinne so absurd ist sowie einer extrem fiesen Schlaffantasie gleicht und warum sich Protagonist Varakin keine Fluchtmöglichkeit bietet, will ich natürlich nicht geheim halten, zumal diese Faktoren die wichtigsten Elemente der Spannung und Dramatik beinhalten. Nachdem Varakin also in der Stadt ankommt und im Auftrag seiner Firma das Büro eines Klimaanlagenherstellers besucht, muss er im Vorzimmer eine ungewöhnliche Entdeckung machen. Dort sitzt nämlich eine splitternackte Sekretärin, die fleißig auf ihrer Schreibmaschine herumtippt, als wäre es das Normalste auf der Welt. Diese für ihn so schockierenden Beobachtung teilt er dann auch im Gespräch mit einem Mitarbeiter der Herstellerfirma mit, der sich überrascht zeigt und erst selbst versichern muss, um das zu glauben. Überhaupt scheint dieser Mensch gar nichts über die Abläufe in der Firma zu wissen. Dass der zuständige Chef für die Technik vor acht Monaten ertrunken ist, erfährt er erst in einem Gespräch mit seiner Sekretärin. Da er allein nichts entscheiden kann oder will, bietet er Varakin an, in zwei Wochen wiederzukommen. In Ermangelung an alternativen Lösungen muss sich der verwirrte Besucher damit zufriedengeben, nicht ahnend, dass die Strangeness der Menschen noch weitaus derber ausfallen kann.

Als er sich schließlich zur Überbrückung der Zeit bis zu seiner Abreise in ein Restaurant geht, bedient ihn ein aufdringlicher Kellner, der  trotz des Widerwillens Varakins einen Kuchen aufs Haus serviert und unverschämt droht, dass der zuständige Koch sich umbringen würde, wenn Varakin den Kuchen nicht esse. Das Besondere an der Backware ist, dass sie eine Nachahmung des Kopfes und Gesichts Varakins darstellt, der sich von dieser Idee natürlich gar nicht begeistert zeigt und die Drohungen für einen schlechten Scherz hält. Aus diesem Grund weigert er sich schließlich den Kuchen zu probieren, was dazu führt, dass sich der Koch tatsächlich erschießt. Ein Beamter erzählt Varakin später, er dürfe die Stadt bis auf Weiteres nicht verlassen, weil er im Selbstmordfall ein Augenzeuge gewesen sei.

 Man könnte die Handlung weiter ausführen, um noch zahlreiche andere Schrulligkeiten und verrückte Szenen hervorzuheben, aber das würde zu weit führen. Es reicht die Bemerkung, dass die Verstrickungen, in die unser Antiheld Aleksei Varakin gerät, und die Konfrontationen mit den Einwohnern später noch absurder werden, deshalb die zwei hier dargestellten Sequenzen noch weit von der Klimax der Geschichte entfernt sind, falls es eine solche bestimmte überhaupt gibt. GOROD ZERO behandelt im weiteren Verlauf noch das beliebte Thema Identitätsverlust und kriegt es hin, eine der seltsamsten Durchwanderungen einer Galerie zu präsentieren. Fast zwölf Minuten müssen wir und Varakin uns von einem Museumsführer die essenziellsten Punkte der Historie des nicht namentlich gekennzeichneten Städtchens anschauen und anhören. Mit unglaublicher Freude erzählt dieser von bekannten Persönlichkeiten und relevanten Vorkommnissen, derweil durch exquisite Kameraarbeit und Beleuchtungsstrategie allerlei Gegenstände und Wachsfiguren
den Bildraum füllen. Obwohl hier ebenfalls Komik und Schrecken Händchen halten, gleicht die Ausstellung mehr einem Gruselkabinett, welches man am liebsten nie hätte betreten sollen. Vermutlich spielt diese wirklich lange Beinah-Monolognummer des stolzen Museumsführers auf die Behandlung der Geschichte an, die doch ständig aufpoliert, verschönert, verschleiert, verkürzt und überhöht wird, in der unliebsame Teilstücke einfach mal ausgelassen oder umgedichtet werden. Es lässt sich hier zwar ein universeller Kern finden, doch ist es wohl Shakhnazarovs Anspielung auf den Umgang der sowjetischen Medien, Politiker und Bevölkerung mit der eigenen Vergangenheit. GOROD ZERO hält noch weitere Bezugspunkte zur sozialen Lage in der UdSSR bereit, die speziell auf die Zeit der Umstrukturierung zielen. Manch russischer Kritiker bezeichnet den Film gar als Allegorie auf die Perestroika, wobei ich es mir allerdings nicht anmaße, in diesen Tenor einzustimmen.

Diese Komödie ist eine kleine Kostbarkeit, prallvoll mit abstrusen Verstrickungen und genialen Einfällen. Reich an sonderbarem Unsinn und Subtext, außerdem fordernd wie Angst machend. Des Weiteren ist sie keinesfalls mit Godards ALPHAVILLE zu vergleichen, der zwar mit einer nicht unähnlichen Prämisse arbeitet, jedoch einen anderen Weg einschlägt. Letzten Endes aber, als unvermeidliches Abschlussfazit muss das gesagt werden, ist der Film reich an Zu- und Eingängen, denn wie viel hier von einer surrealen Komödie, einem existenziellen Drama, einem subtilen Kriminalthriller, einer Dystopie, einem Traum, oder einer Allegorie steckt, liegt bei jedem Sichter selbst, weil GOROD ZERO ausgeklügelt erscheint und seinem Publikum sowie deren Urteilskraft vertraut.


9/10

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