Donnerstag, 14. März 2013

Der blaue Engel

Der blaue Engel
 


Deutschland, 1930
Genre: Drama
Regisseur: Josef von Sternberg
Darsteller: Emil Jannings, Marlene Dietrich

Der Gymnasialprofessor Immanuel Rath bekommt eines Tages zufällig mit, dass einige Schüler aus seiner Klasse sich abends im Club "Der Blaue Engel" treffen, obwohl dieser ein Nachtlokal für Erwachsene ist. Als seine erzieherische Tätigkeit sieht er es deshalb an, der Sache auf den Grund zu gehen. Im Nachtklub entdeckt er dann auch die Schüler, bekommt sie jedoch nicht zu fassen. Bei seiner Suche nach den Rotzbengeln begegnet er schicksalhaft der Tänzerin Lola Lola, deren Anblick ihn zuerst verwirrt, dann aber fasziniert.

Amour fou eines Akademikers

Kommentar: Unter der Regie von Josef von Sternberg entstanden, behandelt DER BLAUE ENGEL die Entstehung und die daraus folgenden Auswirkungen einer verhängnisvollen Bindung zwischen zwei Existenzen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Film zeigt, wie der anerkannte Professor Immanuel Rath sich in eine Varieté-Künstlerin verliebt und ihr einen Heiratsantrag macht. Bedauerlicherweise wird er aufgrund seiner sich bis zum Schuldirektor herumgesprochenen Bekanntschaft mit der Nachtklub-Tänzerin aus dem Schuldienst entlassen und muss, als sein Geld aufgebraucht ist, im Nachtklub als Zettelverteiler arbeiten, um die Shows seiner Ehefrau zu unterstützen. Nach mehreren Jahren in der Ehe reißen die wirtschaftlichen Umstände den Professor sogar so weit nach unten, dass er sich als Clown verkleiden muss, um auf der Bühne einen stumpfsinnigen Gehilfen zu spielen. Ferner lässt er sich vom zuständigen Direktor überreden, bei einer Aufführung in seiner Heimatstadt mitzumachen. Obwohl er sich vor Ort wehrt, eine Show vor den Augen der Person aufzuführen, die ihn als angesehenen Professor kannten, wird er auf die Bühne geschubst und muss sich widerwillig dem Gelächter des Publikums aussetzen.

Ein tragisches Schicksal wurde da auf Zelluloid gebannt, welches mit der ursprünglichen Buchvorlage von Heinrich Mann nicht mehr viel zu tun hat. Während in Manns Roman PROFESSOR UNRAT die Gesellschaftskritik an etablierten bürgerlichen Werten deutlich im Vordergrund steht, nutzt von Sternberg die Amour fou eines Akademikers dazu, ein einzelnes Schicksal zu porträtieren. Wo Heinrich Mann Satire auftischt, da bringt der in Wien geborene Regisseur greifbare Tragik ins Spiel; eine menschliche Quälerei, eine grausame Notiz des Abgrundes. Da die filmische Adaption das Hauptaugenmerk auf andere Dinge legt, hat sie auch ihre Daseinsberechtigung.

Das authentische wirkende Variété-Milieu ist nur eines der zahlreichen Qualitätssiegel des packenden Dramas um einen Professor, der sich in eine verhängnisvolle Liebe stürzt, und von welcher er zuletzt flüchtet. Allein, dass Emil Jannings den verwirrt Verliebten und später in Ungnade gefallenen Ehemann mindestens so gut spielt wie Marlene Dietrich ihre Rolle als Tänzerin und Sängerin in einem Nachtlokal, verleiht DER BLAUE ENGEL natürlich eine enorm hohe Dichte an schauspielerischen Glanzleistungen. Von entscheidender und zentraler Bedeutung ist hierbei das makellose Zusammenspiel, welches das Konzentrat des Scheiterns enthält. Jannings und Dietrich als perfektes Paar für ein unperfektes Paar, welches trotz aller ihnen zugrunde liegenden Widersprüchen kein Theater spielt, sich hingegen in gelaunter Stimmung verheiratet, ist grandios. Obschon der gewiefte, auf routiniertes Schauen programmierte Zuschauer die schlaumeierische Nase besitzt, jederzeit die Entwicklung der Handlung zu erriechen, besitzt die Geschichte ihren eigentümlich traurigen Charakter, weil sie das Aufeinanderprallen wie das Auseinandergehen als unlöschbare Akte darstellt. Die Handlungen und Entscheidungen des Professors Immanuel Rath sind und bleiben in diesem Film stets tragische Ereignisse, die sich in seine Lebensgeschichte einbrennen.

Der Fall des Professors erreicht sowohl wegen der Vorhersehbarkeit ein enormes Maß an Traurigkeit als auch infolge einer sofort wirkenden Scham, die sich im Gesicht des Professors verrät, als ihm mit aller Endgültigkeit klar wird, dass er mit der Heirat die Missgestaltung seines Lebens vornahm. Seine Ehefrau, von der er sich nicht lösen kann, nimmt er anschließend als ultimative Personifikation des Reinfalls wahr. Für diese subjektive Umpositionierung des Verhältnisses zu seiner Frau sorgt nicht weniger eine aufmerksame Beobachtung, bei der er mitbekommt, wie Lola Lola sich in einen heftigen Flirt mit einem fremden Mann verwickelt. Sternberg montierte an einer Stelle zwei Szenen, die es mehr als deutlich machen, dass seine Lola Lola nicht nur alle Kredite bei ihm verspielt hat, sondern dass er sich vor ihr wie vor einem gefährlichen Raubtier ängstigt. An besagter Stelle steht Rath im Flur und hört seine Ehefrau einen romantisch anmutenden Hit auf der Bühne trällern, in welchem sie ihre Fixierung auf Liebe thematisiert, sodass er anfängt, am ganzen Körper zu zittern und die Hände vor das Gesicht zu halten. Der Schrecken setzt sich dabei so tief, dass er sich kaum vom Fleck rühren kann. Dabei ließ Sternberg die Szenen effektvoll wechseln, was neben der Emotionalisierung auch zu einer gelungenen Verbildlichung des Machtgefälles zwischen beiden Parteien führt. Emil Jannings als naives Opfer einer Frau und Marlene Dietrich als Femme fatale.

Das in seiner Aussage entschärfte Ende, welches in der Adaption konservativer ausfällt, trübt auf alle Fälle den Gesamtgeschmack, hinterlässt jedoch keine allzu großen Beulen, wenn man mich fragt. Für die später zum Hollywoodsternchen mutierte Marlene Dietrich war es ein sehr wichtiger Film, da er sowohl ihren Durchbruch wie auch den Startschuss für die enge Zusammenarbeit mit Josef von Sternberg bedeutete, mit dem sie zwischen 1930 und 1935 stolze sieben Filme drehte. Überraschenderweise sagte Frau Dietrich später aus, dass der zum Drehzeitpunkt deutlich erfahrenere und bekanntere Emil Jannings sie bei den Arbeiten wenig ernst genommen hätte, was sich mit der nach außen wirkenden harmonischen Kooperation kaum in Verbindung bringen lässt. Anscheinend war doch mehr Schein als Sein im Spiel. Typisch Kino, diese olle Illusionsmaschine.

8/10

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