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Sedmikrásky (1966)


SEDMIKRÁSKY
(Tausendschönchen)
Regisseurin: Věra Chytilová
Tschechoslowakei 1966

Ein wildes Fest

In welchem Film essen sich zwei junge Frauen durch den Film, mopsen Geld, quetschen alte Männer in den Zug, teilen Wurst und Eier mit einer Schere, gehen nie arbeiten und haben ganz viel Spaß dabei, besonders ungezogen zu sein? SEDMIKRÁSKY natürlich, ein Höhepunkt der Tschechischen Neuen Welle, welcher damit beginnt, dass wir zwei an Marionetten  oder Aufziehpuppen erinnernde Frauen bei der Entscheidung zusehen, mit der Welt eins zu werden, also verdorben zu sein. Den Gedanken an eine nachvollziehbare Plotstruktur hinter sich lassend schiebt Vera Chytilová unsere beiden Protagonistinnen in die Bilder von Dekadenz, Sünde, Hedonismus und Faulheit. Sie begibt sich auf die Gleise von Jean-Luc Godard und lässt ihre audiovisuelle Einfallskraft sicherlich insbesondere von UNE FEMME EST UNE FEMME (1961) anspornen. Assoziativ, symbolisch und assoziativ-symbolisch ist ihre Filmsprache, die im Anarchischen zu ihrer Ordnung finden möchte. Wilde Farbfilter oder gleich das Weglassen von Farben, Collagen, gelegentlich schnelle Schnittfolgen und auditiver Schabernack runden das filmische Erlebnis ab, welches bei den Zensoren in Tschechien aneckte. So musste Chytilová für diesen Spaß einen teuren Preis zahlen: bis 1975 dauerte in ihrer Heimat ein Berufsverbot. Die Richtigkeit der zentralen These des Films, nämlich dass in der Welt vieles falsch läuft, konnte damit kaum eindrucksvoller bestätigt werden. Das Zeigen leicht bekleideter Frauen und ihres fiesen Widerstandes gegen gesellschaftliche Normen hatte eine bewusst provokative Wirkung, die Menschen mit dem Kopf auf ihre Konditionierung stoßen sollte. Wenn männlichen Teilnehmern absichtlich das Herz gebrochen wird und deren Liebesbekundungen sich im Rausch eines spielerischen Wurstschneidens verlieren, entsendet SEDMIKRÁSKY das Signal, das traditionelle Bild von braver Weiblichkeit zur Ausmusterung freizugeben. Im Speziellen scheint mir TAUSENDSCHÖNCHEN (deutscher Titel) also eine feministischen Kommentierung des Zeitgeists, im Allgemeinen ein Plädoyer für sozialen Ungehorsam zu sein, an welches sich die Warnung anschließt, sich nicht zum Zahnrad im System machen zu lassen. Weil unsere Antiheldinnen jedoch scheitern und quasi selbstzerstörerisch agieren, muss man vorsichtig damit sein, dem Film eine vollumfängliche Zustimmung für die normverletzenden Aktionen der Protagonistinnen zuzuschreiben. Dennoch glaube ich, dass er auf der Seite der Verdorbenen steht und das Chaos der Form nicht bloß dazu da ist, sich auf verzweifelte Weise in Experimenten zu ergehen und Godard zu kopieren, sondern um die Mentalität der jungen Frauen nach außen zu kehren.

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