Montag, 27. Januar 2014

Der Prozeß

Der Prozeß
Franz Kafka

(Der Process, 1925, Deutsch)

Die Deutungsvielfalt ist erstaunlich
Die Erwartung an eine Besserung der Situation von Josef K. gibt der Leser irgendwann mit einem unguten Gefühl auf, weil er das böse Ende des Angeklagten schon herankommen sieht. Der Prozess legt sich wie ein Fluch über die genannte Figur und gibt dieser keine Ruhe, um sich Gedanken über andere Dinge als die Entscheidung beim Gericht zu kümmern. Die Frage, weshalb er sich vor irgendeinem Gesetz, welches anscheinend niemand genau kennt, zu verantworten hat,  gerät für Josef K irgendwann aus dem Blickfeld. Er steigert sich im Verlauf des Buches so sehr in die Idee, dem Prozess eine glückliche Wendung geben zu können, dass ihm die Realisierung eines unzusammensetzbaren Haufens von Puzzleteilen nicht in den Kopf kommt. So wird der eigentlich unauffällige Prokurist, der sich keiner Schuld bewusst ist, zum Sklaven einer mysteriösen Ordnung. Doch vermutlich nicht deshalb, da er Opfer der Justiz wird, sondern, weil er zum Leidwesen seiner selbst, sich als Protagonist begreift. Letztendlich ist der DER PROZESS schwierig zu durchschauen, der Erfolg möglicher Entscheidungsvarianten, die Josef K. hat, kaum einzuschätzen und sowieso von Interpretationswegen abhängig.

Aber rasch an den Anfang. Ohne Umschweife kommt die Handlung in Fahrt, in der Josef K. Besuch von zwei Wächtern bekommt, welche ihn verhaften. Zutiefst verwirrt glaubt K. erst einmal an einen behördlichen Fehler, denkt sogar an einen Scherz. Doch ein gebildeter Aufseher gibt ihm im ernsten Ton zu verstehen, dass dies mitnichten so sei, K. jedoch keine beruflichen Schwierigkeiten dadurch hätte, da er weiterhin seinen alltäglichen Beschäftigungen und seiner Arbeit in der Bank nachgehen könnte. Genau wie die beiden Wächter keine Auskunft über den Grund der Verhaftung geben konnten, erklärt auch der Aufseher, dass er keine Informationen dieser Art vermelden dürfe. Obwohl Josef K. aufgrund seiner unbeschränkten Freiheit der Verhaftung keine große Aufmerksamkeit schenkt, beginnt er sich, nach einem Besuch im Gerichtssaal, stärker und intensiver mit seinem Fall zu beschäftigen. Auf diese Weise erforscht er Motive sowie Handlungsoptionen des Gerichts und stößt bei seiner Suche - seinen Ansprüchen an Freiheitsbedingungen folgend - auf einen undurchdringlichen Dschungel, in welchem er zu verschwinden droht.

"Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus."

Kafkas Erzählung, die erst nach seinem Tod veröffentlicht und zu Lebzeiten nicht fertiggestellt wurde, ist ein imposanter Blick auf eine Figur und ein System; ein Blick, der ein Verhältnis zwischen Macht und Unterwerfung aufzeigen könnte, wobei sich DER PROZESS ebenso wie eine Parabel über den Faschismus liest. Der kühle Erzählstil von Kafka spielt im Zusammenhang mehrerer Ereignisse mit einer Atmosphäre, die der Horrorstimmung sehr ähnelt, wie etwa an den Stellen mit Kaufmann Block, der ähnliche Probleme wie K. hat und sich einem Anwalt unterwürfig zeigen muss, damit dieser überhaupt die Bereitschaft zeigt, an seinem Fall zu arbeiten. Weiterhin bleiben für den Leser verschiedene Beweggründe unaufgedeckt, was auch die gesamte Sicht auf K. verdunkelt. Dass sich vor einem die Fragen auftürmen, bleibt jedoch nicht ohne Reiz.

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