Dienstag, 5. November 2013

Mason & Dixon

Mason & Dixon
Thomas Pynchon

(Mason & Dixon, 1997, Englisch)

Zwischen Tatsachen und Fantasien
Bei MASON & DIXON handelt es sich um einen Reise- und Abenteuerroman der etwas anderen Art, einem Buch über die unkonventionelle Freundschaft zweier Männer und ein metafiktionales Werk, das auch noch historische Realität und Fiktion miteinander vermischt. Auf mehreren hundert Seiten breitet Autor Pynchon ein mitreißendes und komplexes Netzwerk aus, vor dem zu kapitulieren wahrlich keine Schande ist. Er schreibt über die Ziehung der Grenzlinie zwischen Pennsylvania und Maryland, die Mitte des 18. Jahrhunderts real stattfand. Die Hauptfiguren, die diese Grenze bestimmen, sind der Astronom Charles Mason und der Landvermesser Jeremiah Dixon, die einen Auftrag annehmen, der sie nach Amerika führt, wo eine Menge an Arbeit und interessanten Mitmenschen auf sie wartet. Sie treffen dort unter anderem auf Personen, die ihnen und ihren Messinstrumenten nicht trauen, auf einen französischen Koch, der über die dunklen Geheimnisse einer selbstständig gewordenen, mechanischen Ente plaudert und auf einen chinesischen Feng-Shui-Meister, der mit geometrischen Linien und Tangenten mal so gar nichts anfangen kann und dieses Abwehrverhalten mit verworrenen Theorien zu begründen versucht.

Die erste Expedition von Mason und Dixon findet in Südafrika statt, wo sie einen Venusdurchgang (die Venus zieht vor der Sonne vorbei) beobachten und bei einer niederländischen Familie hausen. Im Gegensatz zu dem Auftrag in Amerika ist dieser Teil relativ kurz gehalten, aber immens wichtig, weil dort der gesamte Nährboden für die psychologische Entwicklung der Hauptfiguren vorbereitet wird. Egal ob es der eigentlich unnötige Zank zwischen Mason und Dixon ist, das Misstrauen gegenüber dem offiziellen Arbeitgeber, der Royal Society, einer britischen Gesellschaft für wissenschaftliche Arbeiten, oder ob es um die kritische Beurteilung der Sklaverei geht - in der Kapkolonie in Südafrika zeichnen sich die ersten kräftigen Striche ab, die uns über die Rollen der beiden Protagonisten und ihrer Beziehung zu sich selbst sowie ihrer Umwelt informieren. Aus dieser ersten Reise kreiert Thomas Pynchon den Start für einen verschlungenen Plot mit etlichen Nebenerzählungen, den nur eine ausgezeichnete dichterische Leistung davor bewahrt, vor lauter Gewicht einzubrechen. Denn tatsächlich legt der amerikanische Autor - wie man es von ihm gewohnt ist - zwischen, neben und in die Erzählung mit all ihren Kreuzungen und Gabelungen auch noch Brocken von trivialen und absurden Geschichten hin. So wie viele Schreiber von Kriminalromanen von einer überraschenden Entdeckung zur nächsten springen, sich von einem Twist zum anderen bewegen, um immer noch einen draufzulegen, so stapelt Pynchon auch seine Ereignisse, die in den seltensten Fällen an einem spurlos vorbeiziehen, selbst wenn sie für die Handlung irrelevant erscheinen.

"Dann und wann, und nur halb im Scherz, nimmt er einen Stellwinkel zur Hand und mißt den immer geringer werdenden Abstand zwischen seiner Nasenspitze und dem Papier, denn unter Landmessern heißt es, aus dem Grad der Annäherung zwischen denselben lasse sich darauf schließen, wie lange ein Zeichner schon über der Arbeit gessesen habe - und wenn seine Nase zuletzt das Papier berühre, so sei es an der Zeit, sich zur Ruhe zu setzen."

Der riesige Schwall von Begebenheiten und Namen kann einen ziemlich erschlagen, doch wenn man schon Bücher wie V. oder GEGEN DEN TAG des gleichen Autors gelesen hat, wird man sich nicht gänzlich verloren vorkommen, zumal die meisten anderen Werke Pynchons mehr Brüche in der Kontinuität aufweisen und sich stärker auf die Merkfähigkeit des Rezipienten verlassen. Wo dem Roman aber ein großes Figurengeflecht fehlt, dort baut er auf die Vorteile einer beschränkten Auswahl, durch die er profunde Persönlichkeitsbeschreibungen zu erzeugen versucht. Die beiden Protagonisten fallen zwar häufig als trinkfreudige Chaoten auf, die kaum an einer Schankstube vorbeiziehen können, ohne diese zu besuchen, aber ansonsten haben wir hier zwei Sympathieträger mit Verantwortungsbewusstsein, deren Lebensgeschichten in verschiedenen Kapiteln auseinandergefaltet werden. Mit Zirkumferentor und Zenitsektor, zwei heute kaum noch bekannten Messwerkzeugen, ziehen sie durch ein Amerika, in dem die Politik kompliziert ist, religiöse Gemeinschaften sich feindlich gegenüberstehen, ganze Indianerstämme abgeschlachtet werden und die Sklaverei alltäglich ist. Sie haben auf der ganzen Reise, obwohl sie Unmengen von Menschen treffen und viele Arbeiter beschäftigen, die ihnen bei der Ziehung der Grenzlinie helfen, eigentlich immer nur sich selbst. Das Tragische an der Sache ist nur, dass sie dies erst spät erkennen.

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