Sonntag, 17. November 2013

Das Rettungsboot

LIFEBOAT
USA,1944
Genre: Drama
Dauer: 97 Minuten

Regisseur: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Steinbeck, Jo Swerling, Alfred Hitchcock
Darsteller: Tallulah Bankhead, William Bendix, Walter Slezak, Mary Anderson, John Hodiak, Henry Hull, Heather Angel, Hume Cronyn

Ein amerikanisches Schiff wird von einem deutschen U-Boot torpediert, woraufhin beide Fahrzeuge sinken. Insgesamt können sich nach der Attacke jedoch zehn Passagiere auf ein kleines Rettungsboot retten, unter anderem auch ein Deutscher, der, wie es sich später rausstellen wird, nicht ein Matrose, sondern Kapitän des U-Boots gewesen ist. Nach einer emotional geladenen Diskussion, wie man mit dem Deutschen verfahren soll, einigt man sich mehr oder wenig zufriedenstellend darauf, ihn auf dem Boot zu lassen, da er den Status eines Kriegsgefangenen hat. Doch die moralischen und juristischen Argumentationen seiner Verteidiger, die ihm das Leben retten, nutzt der Deutsche schamlos aus, indem er vorgibt, kein Englisch zu verstehen und zu sprechen. Des Weiteren bringt er sie vom Kurs auf die Bermudainseln ab, die alle anderen Insassen zu erreichen hoffen, und überredet sie eine andere Richtung einzuschlagen, in welcher er ein deutsches Schiff erwartet. Den Amerikanern machen aber nicht nur der Nazi oder das Unwissen über ihre tatsächliche Position auf dem Meer sorgen, sondern auch der Mangel an Essensrationen und Wasser. Sie werden immer müder und ihre anfangs noch positive Einstellung nimmt stetig ab.

Steinbecks (FRÜCHTE DES ZORNS, VON MÄUSEN UND MENSCHEN) von mehreren Autoren bearbeitetes Drehbuch liefert einen Kommentar zum Kriegsgeschehen während des Zweiten Weltkriegs ab und provozierte die zeitgenössischen Kritiker und Kenner damit, dass es einen Deutschen als heimtückischen Antagonisten aufwies, der die Amerikaner an der Nase herumführte und sich step by step hochlügen konnte, obwohl neun Menschen konsequent gegen ihn hätten sein müssen. Diesen Angriffspunkt (der in meinen Augen gar keiner ist) kann man heute eigentlich nur aufgreifen, wenn man auch erwartet, dass das Übel, das für die Katastrophe mitverantwortlich ist, außer Reichweite gebracht wird, in der er den anderen, den "Guten", moralisch, physisch, seelisch oder sonst wie Schaden zufügen kann. Die Macher ließen sich aber nicht auf das Spiel ein, ein gewünschtes Menschenbild zu skizzieren, sondern organisierten eine Situation, in welcher sie die Nicht-Nazis auf die Probe stellen, die zwischen unterschiedlichen Werten verfangen sind und darum in der Klemme stecken. Dass der Deutsche die Uneinigkeit und die Unaufmerksamkeit der anderen sowie die später ihm freiwillig übergebene Führung ausnutzen kann, reproduziert nicht das Bild von einer überlegenen Rasse, viel mehr lässt die Listigkeit ihn noch böser werden, was ihn und - weil er der einzige Nazi auf dem Schiff ist - die Vertreter derselben Ideologie als hochgefährlich für das Zusammenleben einstuft. Wenn man es aus einer konstruierten Perspektive der Nazis sah, wie es viele Kommentatoren nach dem Release taten, dann äußerte man seine Bedenken natürlich nicht ohne gute Gründe, doch verschwieg man damit auch einige Elemente oder simplifizierte die Konstellation nur unnötig.

Da der Dreh- und Angelpunkt im ganzen Film ein Boot mit zehn Passagieren ist, sehen wir über 90 Minuten lang nichts anderes, als ein schwimmendes Fahrzeug und Menschen darauf, die um das Boot herum zu allen Richtungen ständig das gleiche Bild sehen müssen, nämlich das Meer und den wolkenverhangenen Himmel, die sich in der weiten Ferne zu berühren scheinen. An Bord sind drei Frauen und sieben Männer, die alle unterschiedliche Positionen in der Gesellschaft haben und auf dem kleinen Raum irgendwie miteinander auskommen müssen. Da der Nazi zuerst vorgibt, dass er über keine englischen Sprachkenntnisse verfügt, beseitigt Connie Porter, eine Reporterin, die Sprachbarriere, indem sie zur Verständigung mit dem U-Boot-Passagier Willi ihr Deutsch gebraucht und zwischen ihm und den anderen Amerikanern vermittelt. Diese sind gar nicht gut auf ihn zu sprechen, manche möchten ihn gar aus dem Boot werfen und im Meer sterben lassen. Erst als Willi dem Deutschamerikaner Gus Smith (der ursprünglich "Schmidt" hieß, aber seinen Namen aus Scham vor seinen Landsleuten in "Smith" ändern ließ) ein Bein amputiert, kann er die Stimmung gegen sich ein wenig lockern, wenngleich die Ressentiments noch größtenteils bestehen bleiben. Da er der Kapitän des vermaledeiten U-Boots gewesen ist, vertraut man in seine Kenntnisse auf dem Meer und auch darauf, dass er sie nicht hinters Licht führt. Als sie ihn jedoch der Lüge überführen und sogar einen Kompass bei ihm entdecken, sieht es zuerst so aus, als ob sie bald nur noch zu neunt auf dem Boot sein würden. Doch als dann ein sehr heftiger Sturm das Boot zum Wackeln bringt und das Wasser rein- und rausströmt, ändern sich schlagartig die Verhältnisse. Der Deutsche übernimmt im wahrsten Sinne des Wortes das Ruder, packt sein sehr gutes Englisch aus und bringt den Rest dazu, nicht mehr die Stimme gegen ihn zu erheben.

Wie der Rest des Films folgt diese Umkehr der Konstellation einem realistischen Gedanken. Auf diese eine Situation hat der Deutsche nämlich wie eine Katze vor dem Mauseloch gewartet und die Bedingungen im Vorhinein so verändert und manipuliert, dass er ein leichtes Spiel haben würde. Realistisch und psychologisch nachvollziehbar ist es auch deshalb, weil die Mitglieder erschöpft und mit ihren Kräften schon am Ende sind, während der Nazi seine physische und mentale Kraft daraus zieht, dass er auf ein Schiff steuert, das ihn schon freundlich empfangen wird. Das Üble aus seinem Charakter scheint für die Amerikaner paradoxerweise zu verschwinden, sitzend und liegend scherzt man sogar augenzwinkernd über die deutsche Vorstellung vom Herrenmenschen und fühlt sich mit der Führung eines Mannes, der Tage zuvor noch ein Passagierschiff versenkt hat, zufrieden, denn schließlich nimmt er ihnen die Last ab, sich mit der Fahrt zu beschäftigen. Das Betrügerische des Deutschen offenbart sich dem Zuschauer immer früher als den Charakteren, weil DAS RETTUNGSBOOT die Geschichte aus zwei Blickwinkeln betrachtet, oder zumindest noch einen zweiten Blickwinkel hinzuzieht. Aus dieser von Hitchcock angewendeten Methode, das Unheilvolle im Vorfeld aufzudecken, speist sich die klassische Spannung, da sie Fragen nach der Reaktion der Beteiligten aufwirft. Eine andere Antwort darauf, warum der Film in jeder Minute fesselnd ist, findet man in der Kompaktheit der Geschichte, die sich auf einer begrenzten Spielfläche abspielt. DAS RETTUNGSBOOT ist im Prinzip ein Kammerspiel unter offenem Himmel, ein Vorgänger zu Klassikern wie BEI ANRUF MORD oder COCKTAIL FÜR EINE LEICHE, welches dazu noch den Hintergrund des Krieges nutzt, um für Aktivität gegen Menschenverbrecher zu werben. Was allerdings nicht bedeutet, dass er, wenn man eine Aussage aus dem Geschehen ziehen möchte, von seinem zeitlichen Kontext nicht zu trennen ist.

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