Freitag, 26. April 2013

Fellinis Casanova

Fellinis Casanova (Il Casanova di Federico Fellini)



Italien, 1976
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Federico Fellini
Darsteller: Donald Sutherland, Sandra Elaine Allen

Wenn es eins gibt, was Giacomo Casanova gut kann, dann Frauen verführen und sie beglücken. Das beweist er an verschiedenen Höfen in Europa, bis er schließlich so alt wird, dass sich keiner mehr für ihn interessiert. In Böhmen, seiner letzten Station, arbeitet er als Bibliothekar bei einem Grafen und muss sich von Bediensteten provozieren lassen und schließlich seine Bedeutungslosigkeit eingestehen.

Der Niedergang eines Stechers

Kommentar: Fröhlich-bunte Tragikomödie, die durch die mit barocker Ausstattung ausstaffierten Palast- und Residenzbauten den europäischen Dekadenzerscheinungen eine fassbare und faszinierende Form der gesellschaftlich-kulturellen Verflachung gibt, welche gleichzeitig die perfekten Bedingungen für den in FELLINIS CASANOVA porträtierten Frauenverzauberer stellt. Dabei gestaltet sich die Abfolge der Ereignisse wie eine Treppe nach unten, bei der es Stufe für Stufe abwärtsgeht, bis man schließlich auf dem Boden der Tatsachen angelangt. So ist der mit einer Laufzeit von über zwei Stunden gesegnete Streifen ein meisterhaftes Stück einer frechen, aber würdevollen Demontage seiner kultigen Hauptfigur, die im Glauben ist, dass ihre besonderen Gaben hinsichtlich der vielfach erprobten Matratzensport-Aktivitäten auf geistige und kulturelle Bildung zurückzuführen seien. Nicht weniger denkwürdig gestaltet sich für den Sichter ebenso der mechanische Vogel, der in Phasen des Geschlechtsverkehrs für kurze Zeit auftaucht und den spaßigen wie schrulligen Hymnus der Geilheit anstimmt. Zum Ende hin verdichtet sich jedoch die trübe Stimmung und erreicht mit einer eindeutigen Demütigung von Casanovas Person während seines Auftritts vor der eingeladenen Gesellschaft seines Arbeitgebers ihren gemeinen Höhepunkt. Seine neorealistischen Wurzeln hinter sich lassend, spricht Federico Fellini in FELLINIS CASANOVA, wie in anderen Werken der selben Schaffensperiode, mehr mit den Worten seiner Fantasie statt der Realität und kreiert auf dieser Grundlage anziehende Bilder, deren Pracht und innewohnender Wahnsinn keine Bezüge mehr zu seinen ersten Arbeiten zu enthalten scheinen.

7/10

2 Kommentare:

david hat gesagt…

CASANOVA ist mein zweitliebster Film Fellinis (hinter LA DOLCE VITA), wenngleich ich das erst bei der dritten Sichtung begriffen habe. Sicherlich beinhaltet der Film aber die bizarrste Rolle, die Donald Sutherland je gespielt hat.
Thematisch und dramaturgisch sehe ich aber durchaus Parallelen zu LA DOLCE VITA (ist zwar nicht ein „erstes“ Werk, gehört aber sicherlich zur ersten Schaffensphase). Einerseits ist CASANOVA wie LA DOLCE VITA das Portrait eines Mannes, der sich immer mehr in Verzweiflung verliert, egal, wie viele Mätressen er findet oder wie viele Parties er besucht. Am Ende bleiben nur noch wehmütige Erinnerungen an die schöne mechanische Puppe (bzw. an das engelhafte kellnernde Mädchen aus Peruggia) und Leere zurück. Gewissermaßen ein Psychogramm eines lächerlichen Menschen, der fast alle Emotionen verloren hat. Andererseits zerbricht auch hier die sehr groß angelegte Struktur des Films in scheinbar unzusammenhängende Episoden, die aber allesamt durch den starken Bezug auf die Hauptfigur zusammengehalten werden.

Eule hat gesagt…

LA DOLCE VITA hab ich bisher leider noch nicht gesichtet, wofür ich mich aber auch schäme. :D

Mir persönlich gefällt seine neorealistische Periode etwas besser, wenngleich ich natürlich längst nicht alle Filme einer bestimmten Phase kenne.

Na, aber wenn LA DOLCE VITA thematisch und dramaturgisch CASANOVA ähnelt (hab selbst glaub ich noch nichts über LA DOLCE VITA gelesen), sollte er mir ja auch gefallen.

Den einzigen großen Schwachpunkt, den ich bei CASANOVA ausgemacht hab, ist seine Spielzeit, die mir - auch aufgrund der episodenhaften Struktur - etwas zu lang vorkam.

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