Sonntag, 31. März 2013

As Tears Go By

As Tears Go By (Wong gok ka moon)



Hongkong, 1988
Genre: Drama, Komödie
Regisseur: Wong Kar-Wai  
Darsteller: Andy Lau, Maggie Cheung

Wah ist ein Krimineller, der sich in Hongkong als Gangster versucht. Leider ist er jedoch auch damit beschäftigt, seinem naiven und schnell aufbrausenden Freund Fly aus selbst verursachten Schwierigkeiten zu helfen. Als die Liebe zu seiner Cousine Ngor konkreter wird, wird die Beziehung zwischen ihm und Fly auf die Probe gestellt.

Der Vorbote

Kommentar: Obwohl der in Hongkong aufgewachsene Regisseur in seinem Debütfilm noch nicht das Vergnügen hatte, Christopher Doyle als Kameramann an seiner Seite schätzen zu lernen, zeugen viele Passagen von einem selbstbewussten und individuellen Stilbild. Das Spiel mit Effekten, die Experimentierlust mit visuellen Aufrüstungen, die allesamt wenig mit der Beiläufigkeit mäßig talentierter Auftragsarbeiter haben, sitzen hier schon tief in den Bildern und stiften die Handschrift, die sich durch Wongs Karriere als Filmemacher durchzieht. Eigenartige Slow-Motion-Perioden, entzückender Einsatz von Farbfiltern und das Herausgreifen einzelner Töne mit gleichzeitiger Verstummung störender Geräuschquellen, diese Mittel nutzt er in AS TEARS GO BY als Unterstützung zur Charakterisierung von Zuständen, in denen sich seine Entwürfe von Figuren befinden. In seinen besten Phasen verkürzt Wongs Kino den Abstand des Zuschauers zu handelnden Personen, indem er Stationen der Handlungen oder Sequenzen mit kluger Bildgestaltung aufwürzt, sodass die Spannungen und Zustände seriöse Wichtigkeit bekommen - deshalb die Aufmerksamkeit eine passgenaue Lenkung erfährt. Eben weil es in Wongs Bildgestaltung darum geht, Umstände kraftvoll auszudrücken, anstatt nur etwas für das Auge zu bieten, entsteht ein Draht zum Rezipienten. Die Illusion wird ein Stück greifbarer, und damit anregender.

 Der Film setzt in der Wohnung des Schutzgelderpressers und Ganoven Wah ein, der noch zugedeckt im Bett liegt, als das Telefon zu bimmeln beginnt. Die Anruferin ist seine Tante, die ihm die Frage stellt, ob seine Cousine ein paar Tage bei ihm wohnen könnte. Verdutzt guckend, weil von der Existenz einer Cousine überrascht, gibt er sein Okay und wird flugs von einem Klingeln an der Tür überrascht. Da Wah weiter schlafen möchte, gibt er seiner Cousine Ngor den Auftrag, Telefonanrufern zu sagen, dass er sie zurückrufen werde. Als Ngor einen Anruf entgegennimmt, macht sie mit Fly Bekanntschaft, der ein sehr guter Freund von Wah ist und sie für eine der Vergnügungsmatratzen seines Buddys hält. Erst zu später Stunde wacht Wah auf, kann jedoch nicht lange mit Ngor sprechen, da wieder der ungeduldige Fly anruft und ihm sagt, dass er sich immer noch in einer Verhandlung befinde und sein Geschäftspartner nicht dazu bereit sei, die angeforderte Kohle herauszugeben. Die Location wechselt, die miefige Wohnung wird durch ein kleines Restaurant ausgetauscht, wo wir Möchtegernmacker Fly in Aktion erleben dürfen. Scheinbar erfolglos, doch mit großem Eifer, versucht er auf einen gewieft schauenden Typen einzusprechen, der sich von den Überzeugungsversuchen seines Gegenübers völlig unbeeindruckt zeigt. Nach seinem Eintritt in das Lokal macht Wah jedoch keine Mätzchen, schlägt stattdessen mit einer robusten Bierflasche auf den
Kopf des verhandlungsresistenten Zahlungsverweigerers und zückt unerbittlich seinen Revolver, den er schussbereit positioniert. Weil das auf den zuvor noch gewieft guckenden Typen starken Eindruck macht und jener sowieso keine Entscheidungsoptionen hat, willigt er natürlich zwecks der Verhandlungen ein. Geld zählend läuft Wah mit seinem Kumpel aus dem Restaurant, lässt sich von diesem für die Aktion abfeiern und als Bruder bezeichnen.

Wenngleich die ersten fünfzehn Minuten nach einem Arrangement einer Dreiecksbeziehung aussehen, kristallisiert sich im weiteren Verlauf eine bedauernswerte und eindringliche Qual-der-Wahl-Story heraus. AS TEARS GO BY bietet eine elegische Erzählung über das Sehnen und Erwarten, das Wünschen und Hoffen seiner Figuren, die sich zwar vom Verhalten und von der Veranlagung grundsätzlich unterscheiden, in ihrem Seelenleben jedoch Grundzüge aufweisen, die sie durch unsichtbare Linien einen. Nichtsdestotrotz legt Wong Kar-Wai den Fokus auf die Unterschiedlichkeit zweier Moral- und Ordnungsuniversen, welche er zur Trennung der behandelten Figuren benutzt. Besonders schwierig macht er seine Konstellation aber nicht, weil er die Übertretung der Grenzen nur einer von drei Personen überlässt, während die beiden anderen sich niemals face to face begegnen. Dennoch ist die Gegenüberstellung einer wenig Sicherheit bietenden Unterwelt mit dem Sittlichkeit und Neubeginn versprechenden normalbürgerlichen Leben mehr als passend formuliert, begrenzt sich das Drehbuch doch auf die Teilnahme eines einzigen Individuums an den schwierigen und letztendlich glücklosen Versuchen der Grenzüberschreitung, die an der Vergangenheit, am Charakter und an Verhaltenscodes des Antihelden scheitern. Weil Protagonist Wah nämlich dazu verdammt ist, gleichzeitig den persönlichen Bodyguard für seinen besten und leider Ärger machenden Freund zu spielen und seine Liebesbeziehung mit seiner Cousine Ngor aufrechtzuerhalten, kann er dem Gangstermilieau nicht ohne Weiteres abtrünnig werden. Mit dem unweigerlich ins Unglück stürzenden Wah zeigt Wong Kar-Wai am Ende des Films schließlich Respekt vor seiner Hauptfigur, statt sie an romantisch-idealistische Vorstellungen zu verraten.

Was AS TEARS GO BY im Grunde leistet, ist die Überprüfung von Beziehungen. Wenn Hauptfigur Wah in den letzten Minuten seinem Freund Fly zur Seite steht, anstatt mit seiner Liebe Ngor abzuhauen, ist das genauso ein Akt der Solidarität wie ein Nachweis darüber, welche Verpflichtungen er in der Beziehung zu seinem Gangsterkumpel als zwingend ansieht. Da Behalten der Ehre und Wahren des Gesichts sowie die Stilisierung einer männlicher Freundschaft zur ewigen Brüderlichkeit als Verhaltensformen zum Standardrepertoire eines Kriminellen gehören, wirken diese Kategorien infolgedessen auf ihn ein. Das Problem seines schnell in Rage geratenden Partners wird so zu seinem Problem. Da hilft es auch nicht, dass seine Wünsche dem von Fly diametral entgegenstehen. Wo dieser sich Anerkennung und wenigstens ein Stückchen Ruhm durch Aktivitäten in der Unterwelt verschaffen möchte, hat Wah mit diesem Kapitel des seiner Ansicht nach nichts bringenden Kampfes schon abgeschlossen, da er um die schnell verblassten Träume von Aufstieg und Geldzuwachs bestens Bescheid weiß.

AS TEARS GO BY ist ein alles in allem mehr als genießbarer und schmucker Film über Liebe und Freundschaft, die Schwierigkeiten des Ausstiegs sowie der Suche nach persönlichem Glück. Die Unausgereiftheit des Skripts, welche insbesondere bezüglich der Liebesgeschichte zwischen Wah und Ngor auffällt, lässt sich ertragen, namentlich weil ein gewisser Mangel an erzählerischer Reife sich sowieso in so gut wie jedem Debüt als Krankheit (oder Segen) aufspüren lässt. In der Tradition der heroic bloodshed movies stehend, vergisst der zeitweise im Milieu der zwielichtig agierenden Hongkonger spielende Streifen auch nicht eine komödiantische Ebene einzubauen, die sich jedoch zum Schlussspurt hin mehr und mehr verflüchtigt. Die Bilder sind hinreißend bis köstlich, auch wenn der hier präsentierte visuelle Duktus nicht mehr als ein Vorbote auf das ist, was den Zuschauer in Wong Kar-Wais späteren Werken erwartet.


6/10

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