Samstag, 18. Februar 2012

Orly

Orly



Deutschland/Frankreich, 2010
Genre: Drama
Regisseur: Angela Schanelec
Darsteller: Natacha Régnier, Bruno Todeschini

Am Flughafen Orly (Frankreich), in den Wintertagen: Die Abflughalle ist voll mit Menschen. Darunter auch Juliette und Vincent. Sie sind zufällig in ein Gespräch gekommen, reden über persönliche Dinge und reflektieren ihr Berufs- und Familienleben. Am anderen Ende der Halle sitzen Mutter und Sohn, sie warten auf den Flug, der sie zur Beerdigung des Vaters fliegen soll. Mit interessanten Gesprächsthemen tun sie sich schwer, doch wollen sie die Wartezeit nicht stumm verbringen und lassen sich auf eine Konversation über Privates ein.

Kommentar: Es muss sie einfach geben. Regisseure, die eine ganz eigene Vorstellung von Kino haben und sich nicht den Erwartungen des Zuschauers beugen. Die den Anspruch haben, Filmen eine eigene Handschrift zu geben, eine unverwechselbare Form und die in der Lage sind diese willkommenen Stärken als unerzwungen und natürlich zu verkaufen. Als solche Persönlichkeit lässt sich in jedem Fall die deutsche Regisseurin Angela Schanalec ausmachen. Das Arbeiten mit Statisten überlässt sie anderen, genauso wie das Vertrauen in Geräuschen von der Tonspur. Beide dieser Ansichten spielen für "Orly" eine große Bedeutung. Oder anders gesagt: Der Film erfährt durch die konsequente Nicht-Beschneidung der zwei Realitätsfaktoren - originale Menschen und originale Geräusche - überhaupt erst eine Lebendigkeit.

Der zentrale Ort der Handlung ist der Wartebereich einer Flugzeughalle. Schreiende Babys, küssende Paare, nachdenkliche Rentner - sie alle warten hier, um in ein Flugzeug zu steigen, der sie an einen anderen Platz bringt. Als Zuschauer spielt man die Rolle des alltagsbeobachtenden Zeugen. "Orly" ist damit reines Beobachtungs- und Analysekino, das sich der Frage annimmt, wie das Warten in einem öffentlichen Raum sich als Zweck für Privates anbietet und welche Wirkung es auf den Menschen ausübt.

Ohne dramaturgische Ansätze verfolgt der Film vier unterschiedliche Geschichten, die sich an einem Wintertag in der Flughafenhalle Orly-Sud abspielen. Gezeigt werden: Eine Frau und ein Mann, die sich zufällig begegnen; Mutter und Sohn auf dem Weg zu einer Beerdigung; ein junges Paar, deren Beziehung nicht mehr lange anzuhalten scheint; und eine Alleinreisende, die einen Brief ihres Liebhabers verarbeitet. Dabei lässt die Regisseurin eine Verbindung zwischen den Erzählungen weg und schweißt die Figuren nur des Hauptthemas wegen zusammen: die Intimität in der Öffentlichkeit. Mehrmals illustriert die Kamera mit Hilfe der Protagonisten eine Art illusorische Isolation, wenn sie Gespräche oder Blicke aufzeichnet, die sehr Vertrauliches beinhalten und in der die Charaktere glauben ganz allein zu sein. Für gesellschaftskritische Ansätze ist Schanelec jedoch nicht zu haben, ihr geht es in erster Linie um die Wirkung des Raums. Die Wartehalle manipuliere die Menschen, so ihre These. Und tatsächlich bietet sie mit den langen Kameraeinstellungen, die manchmal sehr beobachtend, manchmal sogar voyeuristisch daherkommen, den unzweifelhaften Beleg dafür. Das Untertauchen in der Menschenmenge entlockt schließlich Geheimes. Das Warten in einer Flughafenhalle ist jedoch gleichzeitig auch Stillstand und konträr zu dem beweglichen Drumherum. In "Orly" sieht man das Ergebnis an den Blicken der Figuren, wenn kaum gesprochen wird. Ihre Augen zielen auf vorbeilaufende und geschäftige Menschen, ihre Sehnsucht gilt der Aktivität.

Frau Schanelec schuf einen überzeugenden Film, welches nur das Licht des Flughafens verwendet und für die meisten Szenen das Teleobjektiv nutzt. Für eine gehörige Portion Realismus sorgt die von den Machern kaum kontrollierte Aktivität der Flughafenbesucher, da auf die Arbeit mit Statisten streng verzichtet wurde. Des Weiteren ist die Soundkulisse in ihrer Einfachheit unschätzbar effektiv. Der Lärm in der Flughafenhalle hat für den Ort der Anonymität eine besonders expressive Wirkung und nur aufgrund einer Fokussierung auf Einzelpersonen bleiben Individualitäten erhalten, statt dass sie in der Masse verschwinden. Als Schanelec jedoch mit ihrer starren Einschränkung bezüglich der Hintergrundmusik einmal tatsächlich bricht, untermauert sie ihre ganze Genialität. Doch diesen Moment mit Worten schildern? Auf keinen Fall. Das käme einem Spoiler gleich.

6/10

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