#3
DELLAMORTE DELLAMORE
Regisseur: Michele Soavi
Italien/Frankreich/Deutschland 1994

 [Im Vorfeld]
Das italienische Horrorkino der Neunzigerjahre ist eines, welches auf der Landkarte meiner persönlichen Seherfahrungen noch nichts weiter als einen weißen Fleck darstellt. Selbst Argentos LA SINDROME DI STENDHAL bin ich bis zum heutigen Tag erfolgreich ausgewichen. Der Film DELLAMORTE DELLAMORE verfolgt mich aber genau so lange und die gemischte Rezeption hat einen Anteil dran, dass ich mich ihm bisher nicht nähern wollte. Regisseur Michele Soavi, der in den Achtzigern auch Darsteller war, ist kein Unbekannter und erschuf vorher mindestens zwei Filme, die von der Liebhabergemeinde selten unter den Tisch gekehrt werden, wenn es um dolle Beispiele italienischer Genre-Könnerschaft geht, als die Industrie bereits aus ihren künstlerischen Fugen geriet: DELIRIA (1987) und LA CHIESA (1989). Die Aussichten, dass der Film kein Totalmurks wird, stehen demnach gar nicht mal so übel.


[Im Geschehen]
Nach bereits wenigen Minuten kann man ahnen, warum DELLAMORTE DELLAMORE nicht von allen Seiten Liebe entgegengebracht wird. Zum einen wartet auf den Zuschauer ein postmoderner Antigenrefilm, zum anderen wählt Soavi auch noch einen besessen künstlerischer Anstrich. Vollkommen verständlich, dass sich da einige fragten, was aus ihrem geliebten Subgenre des Zombiefilms gemacht wurde. Die Gewöhnung an einen anderen Umgang mit dem Stoff begann eigentlich erst ein Jahrzehnt später. Werke wie PONTYPOOL (2008), WARM BODIES (2013) oder MAGGIE (2015) näherten sich der Untoten-Thematik von unkonventionelleren Seiten an. Soavis Versuch, einen feingliedrigen Zombiefilm zu drehen, der sich der poetischen Beleuchtung von Liebe und Tod verpflichtet fühlt, musste zwangsläufig anecken. Je weiter der Film voranschreitet, desto mehr begreife ich die gemischten und oftmals zurückhaltenden Meinungen. Zeitgleich stehe ich auf der Seite derer, die in DELLAMORTE DELLAMORE ein geglücktes Experiment sehen, das um neue Ausdrucksformen im Bereich des Horrorfilms ringt. Die famos poetische Bildsprache, die berührende Sentimentalität sowie die Prise gekünstelter Lässigkeit haben überhaupt nichts mit dem Eurokultstoff zu tun, den man sonst aus dem Land kennt. Michele Soavi ist nicht der Mann für Hingerotztes, Exzessfreudiges oder Psychotronisches und kriegt es sogar hin, dass sein Werk trotz des Humors und einiger klamaukig-absurder Aktionen, eine ernsthafte Auseinandersetzung bleibt. Um was geht es eigentlich? Die Friedhofswärter Francesco Dellamorte und dessen etwas zurückgebliebene Kollege Gnaghi haben im Städtchen Buffalora viel zu tun und dürfen sich keine Fehler erlauben. Die Ruhestätte der Stadt hat nämlich ein Geheimnis: Hier ruhen die Toten nicht für immer, nachdem man sie unter die Erde platziert, sondern stehen nach sieben Tagen wieder auf. Es liegt also an Francesco und Gnaghi, die Auferstandenen per Kopfschuss endgültig ins Totenreich zu schicken. Als die beiden ungleichen Totengräber sich unabhängig voneinander in zwei Frauen vergucken, die ihnen den Kopf verdrehen, wird ihr Trott des Alltags allerdings durchbrochen. Es kommt zu unerwarteten und sehr unerfreulichen Folgen, die der Regisseur zunächst durch die Perspektive eines tragischen Gruselmärchens ablaufen lässt, bevor DELLAMORTE DELLAMORE in den Klimabereich einer Charakterstudie abrutscht, die von moralischen Zweifeln und Depressionen erzählt.


[Im Großen und Ganzen]
Man kann sich sicherlich über die Besetzung der Hauptrolle streiten, welche von Rupert Everett übernommen wird. Der Kerl schauspielert sich zwar solide durch den Plot - dennoch kann man das Gefühl nicht abschütteln, dass seine Performance relativ austauschbar wirkt. Das fällt augenscheinlich in der letzten halben Stunde auf, wenn sein Charakter sukzessive depressiver wird. Dieser ohnehin unwichtige Makel beraubt den Film aber nicht um seine Verdienste in Sachen Filmsprache und Ästhetik, die sich Michele Soavi bei Leuten wie Dario Argento oder Sam Raimi abgeschaut und um neue Aspekte erweitert hat.

A HAUNTED HOUSE
Regisseur: Michael Tiddes
USA 2013

Get the fuck out of the house!

Kaum in das neue Haus eingezogen, stellt das junge Paar Kisha und Malcolm fest, dass in ihrem Heim ein Geist zu wohnen scheint, der Unfugtreiben auf der Liste seiner Hobbys ganz oben zu stehen hat. Auch die Kameras, die überall im und um das Haus herum installiert sind, halten seine stumpfsinnig-ulkigen bis aggressiven Aktivitäten nicht auf. Als dann auch noch Kishas Körper vom Geist beansprucht wird, muss ein Exorzist zu Rate gezogen werden, um das Übernatürliche zu bändigen. A HAUNTED HOUSE folgt der Tradition von SCARY MOVIE und Konsorten, welche Genremuster und Franchiseeigenheiten parodieren, die dem Massenpublikum wohlbekannt sind. PARANORMAL ACTIVITY ist hierbei das Hauptziel dieses Films, der im Allgemeinen ebenso das Found-Footage-Genre verlacht. Also darf die Kamera nie fehlen, als ständiger Begleiter eines afroamerikanische Ehepaars, das in eine weiße Nachbarschaft gezogen ist. Wenn A HAUNTED HOUSE ein Film über die stetige ökonomische Angleichung von schwarzen und weißen Menschen ist, dann kann man in ihm auch das zweifelhafte Gebot einer kulturellen Harmonisierung sehen. 1983 fragte Eddie Murphy noch: "Why don’t white people just leave the house when there’s a ghost in the house?" Das Zitat zeugt insofern von besonderer Beobachtungsgabe, da man davon ausgehen kann, dass Murphy nicht in die Zukunft sehen bzw. den Anstieg von Haunted-House-Streifen ab 2009 antizipieren konnte, die durch die Bank weg mit weißen Menschen als Hauptakteure bestückt wurden. Und auch Komiker Marlon Wayans, der wunderbar den zunächst lockeren Malcolm spielt, stellt klar, dass Ausziehen die beste Idee sei und nur weiße Leute drinbleiben würden. Aber was tut man nicht alles, um sich der weißen Mehrheitsgesellschaft anzupassen? Drei Wochen alte Milch trinken und sich über den Fußboden ziehen lassen, gehören noch zu den netteren Sachen, die das Pärchen durchmachen muss, denn auch Vergewaltigungen gehören zum Repertoire der unsichtbaren Entität. Natürlich trampelt GHOST MOVIE (deutscher Titel) da auf politisch-korrekten Darbietungen und so wird nichtkonsensueller Sex als Bagatelle oder Spaß verkauft. Gleichzeitig kann ich mich nicht daran erinnern, im Mainstreamkino je einen Mann gesehen zu haben, der ohne das Hinzuziehen einer Decke als Zensurhilfe ins Poloch gebumst wird. Man wünscht dem Film natürlich mehr Feingefühl und Reflexionsvermögen, vielleicht sogar mehr Anstand, doch im Grunde genommen überzeugen die Einfälle der Macher, welche die Marotten der PARANORMAL ACTIVITY-Filme aufs Korn nehmen oder die zementierten Genreverhältnisse auf den Kopf stellen. Insbesondere die visuelle Imitation des Ausgangsmaterials ist herrlich schräg ausgefallen.


#2
NOROI
Regisseur: Kôji Shiraishi
Japan 2005

 [Im Vorfeld]
NOROI: THE CURSE gehört noch zu jenem Ansturm von J-Horror, welcher mit RINGU (1998) begann. Das war nun schon vor quasi zwei Jahrzehnten. Als die Videotheken mit immer mehr Gruselflicks aus Fernost aufgestockt wurden. Als es noch Videotheken gab. Filmemacher Koji Shiraishi wählte damals eine untypische Form, seine Geschichte zu erzählen. Zwar handelt auch sein Film von übernatürlichen Phänomenen, doch verpackte er sein Spiel mit der Angst in eine Found-Footage-Ästhetik und drehte eine Art fiktionale Dokumentation. Ich habe mich nun schon sehr lange um den Film gedrückt, weil ich Beiträge aus der Found-Footage-Ecke künstlerisch selten besonders interessant finde. Wackelbewegungen, Stöhn- sowie Schluchzgeräuschen und scheinbar authentischen menschlichen Reaktionen, wie sie auch der Realität entnommen sein könnten, verweigere ich mich meistens, weil mir hierbei das Schöpfungsniveau fehlt. Doch soll man seine Meinungen nicht ständig überprüfen? Eben.


[Im Geschehen]
Die Fakedoku handelt von paranormalen Begebenheiten, die der ambitionierte Filmemacher Masafumi Kobayashi anhand mehrerer seltsamer Ereignisse mit seinem Kameramann Miyajima untersucht. Dabei decken die beiden einen alten Fluch auf, welcher mit der abgerissenen Stadt Shimokage zusammenhängt, deren Bewohner ein regelmäßiges Ritual für einen fiesen Dämon abhielten. Die Fertigstellung dieser verstörenden Dokumentation wird Kobayashi jedoch nicht miterleben, da er während der Arbeiten an dem Film spurlos verschwindet. Schon früh zeigt sich, dass NOROI ein eigenwilliges Erlebnis sein möchte. Dass der Dokumentarist Kobayashi seinen Interviewpartnern trocken und mit journalistischem Anspruch gegenübertritt, hebt das Geschehen vom filmkulturellen Klima eines ständigen Medienpessimismus ab. Ja, ich schau besonders dich an, MANN BEISST HUND. So hat man bei der Hauptfigur das Gefühl, dass sie wirklich jemand ist, die sich fragt, was da hinter dem hässlichen Vorhang lauern mag und der wenig daran gelegen ist, mit sensationalistischen Offenbarungen das Publikum anzuheizen. Die Neugier, mit der Kobayashi durch den Film läuft, einen Krümel Anhaltspunkt nach dem anderen aufsammelnd, steckt dann natürlich auch an. Nicht zuletzt dieser Kniff erlaubt ein Eintauchen in einen fiktionalen Rahmen, der übrigens von mehreren anderen flankiert wird. Denn auch eigens inszenierte Fernsehsendungen, Archivaufnahmen oder Überwachungskamerasichtungen finden Eingang in NOROI, der durch diese Art von fiktionalen Dopplungen zu einer authentischen Reise in ein Mysterium wird. Viel authentischer als Stöhn- und Schluchzgeräusche oder Wackeldackeleinlagen mit der Kamera es jemals sein könnten. Regisseur Kôji Shiraishi ist es hiermit gelungen, ein originell-organisches Netzwerk aus Rätseln und Ängsten zu erschaffen, in dem selbst wir, als Zuschauer in einem gefahrenlosen Rahmen des Filmekonsumierens, uns immer mehr zu verlieren drohen. Die recherchiert-ausgewählte Wirklichkeitsdarlegung, konträr zu einer ungefiltert gefilmten Pseudorealität, wie etwa die von BLAIR WITCH PROJECT, erlaubt meiner Meinung nach ja schon von Natur aus, eine intellektuelle Perspektive des Filmemachers festzustellen. Hier regiert nicht der ausgewählte Zufall, sondern der Blick eines Gestalters. Die Schönheit bei NOROI liegt definitiv im Strukturellen, nicht in sich fortpflanzenden Beliebigkeiten.



[Im Großen und Ganzen]
Es ist unschwer zu erkennen, dass dieser Film mich trotz meiner skeptischen Haltung in Richtung found footage abholen konnte. Der formale Aspekt wird hier nicht bloß atmosphärisch gewinnbringend eingesetzt, sondern dient zur Erbauung eines eigenen Universums, welches durch allerhand Medien genährt wird. NOROI kann mitunter furchtbar komplex sein, driftet gen Ende gar in sogenannte Mindfucksphären vor, aber er behält stets eine gesunde Balance zwischen Erklären und Zeigen. Der Streifen ist übrigens nicht die einzige Mockumentary, die Kôji Shiraishi gedreht hat. Zwischen 2009 und 2011 drehte er noch einige weitere Filme in diesem Stil.

A CLOCKWORK ORANGE
(Uhrwerk Orange)
Regisseur: Stanley Kubrick
UK/USA 1971

Ein wenig Ultrabrutale

Wenn Alex und seine Droogs mal nicht in der Korova-Milchbar abhängen, sind sie auf der Suche nach ein wenig Ultrabrutale. Sie schlagen Obdachlose zusammen, prügeln einen alten Knacker in den Rollstuhl und vergewaltigen seine Frau. "I'm singin' in the rain, just singin' in the rain / what a glorious feeling, I'm happy again..." Alex, der diesen Song trällert, während er in den regelmäßigen Singpausen den wehrlosen Mann am Boden tritt, hat das Lied nicht falsch verstanden, er setzt es bloß in eine neue Beziehung. Der Sound seines heiligen Ludwig Van wird später auch in eine neue Beziehung gesetzt, das ist eine der vielen bitteren Ironien, die Alex DeLarge schlucken wird. Kubrick webt einen ikonischen Moment an den anderen und dringt für seine Zeit wagemutig an die Grenzen des Zeigbaren vor, obschon er Burgess' Roman in Teilen abschwächt. A CLOCKWORK ORANGE untersucht die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Freiheit und Zwang und rechnet darüber hinaus mit Korrekturen menschlichen Verhaltens sowie dem damals in Mode gekommenen Neobehaviorismus ab. Nicht Alex ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt? Die im Film gezeigte Gesellschaft wird zwar nur umrissen, doch man gibt uns zu verstehen, dass sie kalt und die Menschen unnahbar sind. Alex ist bei Weitem kein Schönheitsfehler einer tadellos-einwandfreien Gesellschaft, sondern nur ein Sündenbock, auf dem man den Finger zeigen und sich besser fühlen kann. Steif, mechanisch und unterkühlt bewegen sich schließlich die unsympathischen Bewohner einer nicht näher definierten Zukunft, die nicht mal unbedingt eine sein muss. Mir schien immer, als würde Stanley Kubrick bloß schon vorhandene Elemente auf die Spitze treiben. Jugendslang, Therapien, Autoritarismus, die Frage nach der richtigen Bestrafung jugendlicher Serientäter und natürlich auch die sexuelle Revolution waren durchaus brennende Themen der Sechziger- bzw. Siebzigerjahre. Die zahlreichen sexualisierten Objekte etwa, die sich in minimalistischen Pop-Art-Einrichtungen wiederfinden, weisen eher markante Linien zur Parodie eines Zeitgeists auf, als zu einer Zukunftsperspektive. Doch Kategorisierungen bringen wenig, gerade wenn man es mit einem solch komplexen Werk wie diesem zu tun hat, welches zum bösesten, zynischsten und leider meist missverstandenen aller Kubricks wurde. Linke wie rechte Subkulturen und Extremströmungen eignen sich den Film bis heute gerne an. Lustigerweise brachte Kubrick die Aussage, dass extreme linke und rechte Positionen beide moralisch verwerflich agieren können und bloß zwei Seiten einer Medaille seien, selbstsicher bereits in seinem Film unter. Dass er aus Alex einen sympathischen Macho macht, der vom Staat zum Kerlchen ohne freien Willen konditioniert wird, mit dem wir Mitleid empfinden sollen, ist zwar beunruhigend, aber von großem Wert. Erst die Identifikation entfernt uns von einer selbstgerechten Aufstellung einer Individualschuld, bei der wir bloß einen empathielosen Vergewaltiger wahrnehmen.


#1
CARRY ON SCREAMING!
(Ist ja irre – Alarm im Gruselschloß)
Regisseur: Gerald Thomas
UK 1966

 [Im Vorfeld]
Die Carry-On-Reihe war ein britisches Filmfranchise, das aus 31 abendfüllenden Filmen besteht, die hauptsächlich zwischen 1958 und 1978 veröffentlicht wurden. Die Komödien machten sich über verschiedene Berufszweige und britische Institutionen sowie Gewohnheiten lustig, referenzierten jedoch auch immer wieder auf filmische Popkultur. CARRY ON SCREAMING! ist eine liebenswert-augenzwinkernde Hommage an die Hammer- und Universalfilme, die wieder einmal von Stammregisseur Gerald Thomas inszeniert wurde und von Leinwandgesichtern gefüllt wird, die man ebenfalls von anderen Carry-On-Produktionen kannte. In Deutschland wird das Franchise allerdings weniger beachtet und auch ich selbst stieß vor einigen Wochen eher zufällig drauf. CARRY ON SCREAMING! ist also meine erste Begegnung mit diesem britischen Phänomen.


[Im Geschehen]
Zunächst einmal fällt natürlich der Charme auf, der durch Requisiten, Make-up und Handlungsorte generiert wird. Das große Anwesen, das im Innern eher schaurig als gemütlich wirkt, besitzt natürlich seine Geheimgänge und der es umgebende Wald wartet mit einer Menge Nebel auf. Dazu gesellen sich eine Kreatur namens Oddbod, der optisch eine Kreuzung zwischen Frankensteins Monster und dem Wolf Man sein könnte, und ein ungleiches Geschwisterpärchen, welches junge Damen in Schaufensterpuppen verwandelt. Klingt alles irgendwie bekannt? Dann hat der Film als spoof comedy alles richtig gemacht - wobei sich mir ehrlicherweise die Referenzen an ältere US-Horrorklassiker eher erschlossen haben, obwohl der Film doch die Welle der Hammer-Filme aufs Korn nehmen möchte. Das ist wahrscheinlich auch nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Filme des Studios eine Fortführung des klassischen Materials waren. Ohnehin: Sobald es weniger um Inhalt geht, sondern um Visualität und Atmosphäre, könnte der Film von Weitem auch tatsächlich von der Produktionsfirma aus London produziert worden sein. Leider nimmt es CARRY ON SCREAMNG! mit dem Humor gegen Ende nicht mehr ganz genau und ist mehr bemüht, bewährte Formeln abzuspulen, um seinen Plot zufriedenstellend abzuarbeiten. Hier ähnelt der Streifen dann auch am ehesten seinen Vorbildern, was ihm seine ironische Frechdachsmentalität raubt. Erstaunt war ich jedoch über den Dialogwitz, da ich nicht unbedingt erwartet hätte, dass dieser irgendwelche Bäume ausreißen könnte. Doch ich habe gelacht, meine Freunde. Der ein oder andere Gag mag verkalkt sein oder durch falsches Timing torpediert werden, der Großteil der Nummern bleibt jedoch überaus positiv in Erinnerung. Viele dieser Dialoge würden auch in aktuellen Produktionen glänzen, da bin ich mir sicher. "Oddbod, what happened to your ear?... Oh, never mind, ear today, gone tomorrow."


[Im Großen und Ganzen]
Die Inszenierung trägt keine individuellen Abdrücke, dafür wurden auch einfach zu viele Carry-On-Filme in zu wenig Zeit für zu wenig Geld in Auftrag gegeben. Dennoch schafft man es, ein gewisses Flair zu wecken, obschon das viktorianische England sich ja nicht sonderlich von dem unterscheidet, was die Hammer Films darunter verstanden. Auf Schauspieler- und Schauspielerinnenseite vertraute man meistens auf britische Gesichter, die das Stammpublikum bereits durch zahlreiche frühere Werke der Carry-On-Reihe lieb gewonnen hatte. Kenneth Williams und Jim Dale etwa gehörten zum festen Ensemble und schwitzen hier Humor aus jeder Pore. Als Femme fatale mit wohlig rauchigem Organ bezaubert Fenella Fielding, die letztes Jahr im Alter von 90 Jahren verstarb. Besonders ihnen ist es zu verdanken, dass IST JA IRRE - ALARM IM GRUSELSCHLOSS (deutscher Titel) eine sympathisch-klamaukige Angelegenheit bleibt, der man für kleine Patzer gegen Ende nicht wirklich böse sein kann.

KÁRHOZAT
(Verdammnis)
Regisseur: Béla Tarr
Ungarn 1988

Der Köter

Tarrs beeindruckende Schwarz-Weiß-Fotografie ist stets ein Fest für cinephile Träumer. Für alle, die an die Poesie von Kinobildern glauben, welche nicht geräuschlos an uns vorbeigehen, mögen sie auch noch so ruhig sein. In KÁRHOZAT lebt die Gemeinschaft eines kleinen sowjetischen Städtchens vor sich hin und feiert zu feierlichen Klängen in der Bar Titanik. Ständig regnet es, Tausende von Tropfen, die scharf auf dem Asphalt landen. Immer wieder laufen Hunde auf den Gehwegen, die auf der Suche nach Nahrung sind. Oder menschlicher Zuneigung. Gern auch vor der Titanik, dessen Fenster hell beleuchtet sind und wo Menschen Menschen kennenlernen oder Pläne schmieden. So wie der Barkeeper, der Karrer einen Job anbietet, bei dem es um Schmuggeln von Ware geht. Karrer ist die hoffnungslose Hauptfigur dieses desillusionierten Panoramas, das uns eine Stadt im Verfall zeigt. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass von allen Bewohnern dieser Karrer bereits die aufregendste Persönlichkeit darstellt. Schließlich ist er in eine Sängerin verliebt, die bereits vergeben ist. Peinlich bittet er vor ihrer Wohnung um Einlass, aber sie lässt ihn abblitzen. Irgendwie muss ihr Lover doch aus dem Weg zu schaffen sein? Eine Dreiecksgeschichte bahnt sich an, ein Klassiker filmischer Narration und fast ein Versprechen von dramatischen Wendungen und Geheul. Selbstverständlich fasst der Ungare Tarr seine Geschichte allerdings anders an, als es Produkte tun, die sich in der unerbittlichen Zange des Marktes befinden. Sein Film bleibt in der pechschwarzen Tristesse kleben, die alle Gesichter so grausam schal macht. KÁRHOZAT ist zuvorderst trockenster Existenzialismus, dem gar nicht daran gelegen sein kann, an Langeweile und Monotonie Zierrat anzubringen. Dementsprechend zeugt jede Faser des Films von einer Welt, die aus kläglichen Aussichten, stumpfen Zerstreuungen und müden Gesprächen besteht. Immerhin sorgt ein zutiefst subtiler, sehr undurchsichtiger Humor dafür, dass man nicht das Gefühl hat, das Funktionieren dieser Welt komplett verstanden zu haben. VERDAMMNIS (deutscher Titel) ist ein Arthouse Noir, der uns einen Protagonisten zeigt, der immer mehr den moralischen Boden unter seinen Füßen verliert. Der vom Selbstmord seiner Ehefrau so mechanisch erzählt, als lese er die Packungsbeilage eines Arzneimittels vor. Mit gemischten Gefühlen, irgendwo zwischen Ekel und Faszination, schaut man dann seinem Blick in den Abgrund zu. Seinem Blick in die Augen eines Köters. Seinem Blick in sich selbst.