Longshot (1981)

LONGSHOT
(Longshot - Ihre Chance ist 1:1000)
Regisseur: E.W. Swackhamer
USA 1981

A little luck could make it true, I' m lookin' for a long shot to come through. Ein poppiger Song von Marie Cain läutet das Geschehen ein, welches alle bekannten Formeln des Jugendsportfilms durchexerzieren wird. Von rebellierenden Gören und besorgten Eltern über den Sunnyboy und seinen bei Mädchen abblitzenden Kumpel bis zu den Last-Minute-Fügungen, die zum Gewinn führen, werden alle Zutaten hübscht aufgereiht. Doch LONGSHOT schaut man in erster Linie nicht aufgrund der Hoffnung auf Novitäten auf narrativer Ebene an, sondern der Sportart, die man wohl sonst kein einziges Mal in einem professionell produzierten Realfilm* in den Mittelpunkt gestellt bekommt: Tischfußball! In Deutschland ist dieser erst seit 2010 offiziell als Sport anerkannt und der Durchschnittsmensch verbindet ihn bekanntlich weniger mit anstrengendem Training als vielmehr mit Kneipengestank, Jugendkellern, Pfadfinderheimen und lockeren Arbeitspausen. Tischfußball wird von der Allgemeinheit spontan genoßen und wer zwei gesunde Hände besitzt, hat sich bereits fürs Mitspielen qualifiziert. In der Schweiz nennt man die Sportart Töggelä, in Lichtenstein häufig Tschüttala und die Amerikaner sagen dazu umgangssprachlich meistens Foosball, was für Deutsche unheimlich komisch klingen kann. Dem Star des Films, Leif Garrett, dessen Status als Jugendidol und erfolgreicher Popsänger ihm Anfang der Achtziger bereits zu entgleiten drohte, war es scheinbar auch peinlich, in einem foosball movie mitgespielt zu haben. Produzenten und Verträge trugen seiner Auffassung nach jedoch die Schuld daran, dass er sich auf dieses Niveau begeben musste. Armer Leif. Tatsächlich gehört LONGSHOT zu der Sorte Film, dessen Hauptfigur im Vergleich zu seinen ihn umkreisenden Nebencharakteren eine uninteressante Wirkung mitbringt. Dies einzig Leif Garrett anzukreiden und die Oberflächlichkeit des Drehbuchs unerwähnt zu lassen, wäre jedoch ziemlich vermessen. Die eher verhaltene Begeisterung des Darstellers und sein niedergeschriebener Charakter bedingen sich vielmehr gegenseitig, wodurch das Spiel nie hinter die Beschaffung einer Illusion tritt. Glücklicherweise balanciert der restliche Cast diesen Umstand bis zu einem gewissen Grad wieder aus.

Im Mittelpunkt steht Paul Rogers, der als großes Fußballtalent gilt und auf seinen Studienplatz verzichtet, um sein Können auf europäischem Boden auszubauen. Doch dafür benötigt er dringend 50.000 Dollar. Zum Glück ist unser Schönling nicht bloß auf dem Rasen ein Ass, sondern auch am Kicker. Wie es der Zufall will, findet bald eine Tischfußballmeisterschaft statt, bei dem das Siegerteam ein hübsches Sümmchen als Preisgeld abstauben kann. Also holt er seinen besten Kumpel Leroy ins Boot, der sich jedoch kurze Zeit später bei einer Auseinandersetzung die Hand bricht. Aber Paul braucht nicht lange, um kompatiblen Ersatz für seinen unterbelichteten Freund zu finden: die bubenhafte Maxine. Ein rotzfreches, mal so gar nicht auf den Mund gefallenes Mädchen, welches um ihre Fähigkeiten in der Verteidigung bestens Bescheid weiß und Selbstbewusstsein in Hülle und Fülle besitzt. Die Vierte im Bunde ist das love interest unseres Helden. Zöe stammt aus Frankreich und wird von Papa eigentlich auch dorthin zurückgeschickt. Doch anstatt in die Heimat zu fliegen, verkauft sie das Ticket, um der Truppe den Trip zur Kickermeisterschaft in Lake Tahoe zu ermöglichen.

LONGSHOT ist einer dieser vergessenen Streifen aus den eighties, die nicht die Ehre hatten, in Kultkreise aufzusteigen. Von ihnen gibt es eine unheimliche Menge und bei diesem mag sicherlich neben der schlechten Verfügbarkeit nicht zuletzt der Umstand beigetragen haben, dass er einen Sport thematisiert, den nicht wenige Leute wahrscheinlich nicht einmal als solchen ernstnehmen. Doch Tischfußball ist nicht bloß eine Randsportart, er steht auch im Verdacht, eine geringe visuelle Wirkung mitzubringen. Man bedenke: Das Spielfeld ist klein, die Spielfiguren zu eng beieinander und die Drehbewegungen ziemlich schnell. Kann man einen solchen Sport auf eine Weise filmen, dass das Publikum nicht die Übersichtlichkeit verliert und dass dabei aus dem Spielgeschehen Spannung gezogen wird? Da der Film die letzte Partie durchaus mit viel Aufwand fotografiert, sehr unterschiedliche Kameraeinstellungen zum Einsatz kommen und vernünftige Schnittmuster angewandt werden, entsteht tatsächlich eine verhaltene Spieldramatik, die sich durch das Hin und Her auf dem Kickerfeld manifestiert. Doch im Vergleich mit den optischen Spektakelmöglichkeiten anderer Sportarten, sieht selbst das halbwegs aufwendig inszenierte Finale wie ein schlechter Scherz aus. Macht nix, ich habe trotzdem mitgefiebert. Der titelgebende Distanzschuss ins Eckige, der die Reise nach Europa sicherstellt, wird selbstverständlich in Zeitlupe zelebriert, so viel Pathos und Gloria gönnt man sich gerne. Allgemein ist es rein filmgeschichtstechnisch erstaunlich, dass Tischfußball bereits 1981 zum Thema gemacht wurde. Man würde nämlich denken, dass dies ein Sport wäre, dem man sich annehme, wenn alles schon mal verfilmt wurde. E.W. Swackhamer und sein Team sahen das offenbar jedoch anders, gleichwohl künstlerische Kriterien sicherlich hinter finanziellen Überlegungen gedacht wurden. Mehr als einen handelsüblichen Kickertisch und einen Haufen Statisten braucht es eben nicht, um eine Partie mitsamt einer authentischen Stimmung aufzuziehen. Diese Einsparungen gingen bei der Schauspielerriege aber nicht weiter, auch wenn man bei einem solchen Projekt denken könnte, dass sie aus Dastellern besteht, die in den Castings der großformatigeren Produktionen für die Rolle des Liftjungen oder des Beikochs abgelehnt wurden. Neben dem bereits erwähnten, nicht ganz billigen und schon Kino-erfahrenen Leif Garrett spielen noch Linda Manz und Ralph Seymour mit. Manz darf das Tischfußball-Wunderkind Maxine verkörpern und bekam vor diesem Projekt in Mallicks DAYS OF HEAVEN einen prominenten Platz sowie die Hauptrolle in OUT OF THE BLUE, einer Regiearbeit von Dennis Hopper. Seymour konnte zwar nie einen prominenten Platz in einem Kinofilmcast ergattern, spielte jedoch immerhin kleinere Rollen in Filmen wie RAIN MAN oder GHOULIES. In LONGSHOT interpretiert er den ständig von Frauen träumenden Typus Mann, der jedoch keine abbekommt. Kein Aufgebot an Gesichtern, für die man den kleinen Finger hergeben würde, aber immerhin haben diese den Zug zu respektablen Darbietungen, die das Einfühlen ermöglichen.

Regisseur Egbert Warnderink Swackhamer Jr. war fast ausschließlich für das Fernsehen aktiv und hat bis 1992 viele TV-Filme realisiert. 1971 kam MAN AND BOY in die amerikanischen Kinos, ein Western mit Bill Cosby in der führenden Rolle und Swackhamers einziger weiterer Kinofilm neben LONGSHOT. Schaut man sich allerdings die Produktionswerte und insbesondere den mickrigen Aufwand in einigen Sequenzen des Films an, fällt einem schwer, ihn als Produktion für die breite Leinwand zu identifizieren und auch zu akzeptieren. Für die Geschichtsschreibung wird LONGSHOT nie über die Existenz einer unwichtigen Fußnote hinauskommen und nur Komplettisten mit erweitertem Suchradius ansprechen, die für Obskuritäten stets ein offenes Auge haben. Ein Aspekt der Erzählung, der mir wichtig erscheint, ist die Frage, wann ein Ausnutzungsverhältnis in freundschaftlichen Beziehungen beginnt und wie man darauf reagieren sollte. Im späteren Verlauf wird die minderjährige Maxine der Hauptfigur Paul den Vorwurf machen, dass er sie nur dazu benutze, um sich den Traum von Europa zu erfüllen. Was vielleicht wie ein typischer Drehbuchkniff ausschaut, der im letzten Akt noch einmal einen Konflikt ausbrechen lassen will, entbehrt nicht einer gewissen Wahrheit, der durch den nicht von großen Inspirationen geschriebenen Charakter Paul, den Leif Garrett mimt, noch einmal unterstrichen wird. Ohnehin: Warum sollen wir mit einem Typen mitfiebern, bei dem eh schon alles perfekt läuft und der jetzt noch das Sahnehäubchen haben will? Während er für den Rest der Truppe keine Anstrengungen unternimmt, kommt ihm ständig die Hilfe anderer und das Glück zugeflogen. In einer der letzten Einstellungen des Films gesteht Paul seinem besten Freund Leroy, dass er auch ihn wohl auf irgendeine Art ausgenutzt habe. Das Thema wird dann leider schnell beiseite gewischt, doch dass es überhaupt in eine Handlung eingeflochten wurde, erfreut doch ungemein.

* Der argentinische Animationsfilm METEGOL (Fußball - Großes Spiel mit kleinen Helden) aus dem Jahr 2013 ist eine Alternative.

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