El jorobado de la Morgue (1973)

EL JOROBADO DE LA MORGUE
(Die Stunde der grausamen Leichen)
Regisseur: Javier Aguirre
Spanien 1973

Bekannt durch seine Rolle des Werwolfs Waldemar Daninsky, die der Schauspieler in mehreren Filmen verkörperte, gehört Paul Naschy zu den großen Namen des spanischen B-Films der Siebzigerjahre. Er hat sie alle gespielt, von Dracula über Mr. Hyde bis zum Phantom der Oper. Die Filme seiner Hauptschaffensphase, zu denen er nicht selten auch die Drehbücher schrieb, waren oft eigenwillige, preisgünstige Verbeugungen vor den Universal- und Hammerproduktionen. EL JOROBADO DE LA MORGUE macht da keine Ausnahme und ist ebenfalls die Art von Schauerkintopp, die mit bescheidenen Mitteln viel hervorzubringen versucht. Er führt das Quasimodo-Thema und Motive aus Mary Shelleys FRANKENSTEIN zusammen und vermischt diese mit gelungenen Goreeffekten, unwahrscheinlicher Polizeiarbeit sowie brennenden Ratten. Letzter Punkt hat leider keinen fiktiven Hintergrund. Im Film werden echte Ratten von Naschy in Brand gesetzt, die daraufhin herumrennen und anfangen, den Schauspieler anzuspringen. Paul Naschy erklärte dies Jahrzehnte später damit, dass zur Zeit der Entstehung niemand sich einen Kopf darum gemacht hat, ob echte Tierquälerei für Erwachsenenentertainment nicht doch ziemlich unethisch sein könnte. Dass das moralische Verständnis spanischer Zensurbehörden franquistischer Gesinnung jedoch dazu führte, jene Szenen herauszukürzen, in denen Paul Naschy als Buckliger nackt zu sehen ist und sich scheinbar weniger an Tieren stieß, welche unter dem Einfluss wirklichen Feuers leidend hüpfen, lässt tief blicken. Dass man vom Anblick eines künstlich Deformierten sogar so schockiert war und daraufhin nicht bloß Szenen streichen ließ, sondern die Aufnahmen vernichtete, erinnert stark an die moralische Panik um Tod Brownings FREAKS. Ein menschliches wie auch intellektuelles Armutszeugnis, das von einer destruktiven Ignoranz zeugt.

In einer kleinen Stadt namens Feldkirch arbeitet Gotho als Aushilfe in einer Leichenhalle. Mit seinem buckligen Aussehen fällt er überall auf und wird von Kindern auch schon mal grundlos mit Steinen beworfen. Neben seinem Buckel und seiner gekrümmten Körperhaltung hat er auch das Problem, ziemlich naiv zu sein. Verliebt ist er in Ilsa, eine sterbenskranke, attraktive Frau, die er öfters im Krankenhaus besucht. Als er ihr eines Tages Blumen vorbeibringen möchte, wird er von einigen Ärzten des mit der Leichenhalle verbundenen Krankenhauses so lange beschimpft und verspottet, bis er sich mit seinen Fäusten zu wehren beginnt. Leider verschwendet er mit dieser Auseinandersetzung so viel Zeit, dass er seine Angebetete Ilsa nicht mehr lebend zu Gesicht bekommt. Als er ein wenig später zwei Pfleger dabei erwischt, wie sie die schon tote Ilsa beklauen wollen, ermordet er die beiden kurzerhand und nimmt die tote Frau in ein geheimes unterirdisches Versteck mit, wo niemand ihr etwas antun kann. Diese Katakomben, die mal als Folterräume in der Zeit der Inquisition dienten, kommen auch Dr. Orla zugute, einem mad scientist, der alle Klischees dieser Figur zu erfüllen scheint. Einst experimentierte dieser, legitimiert durch die Forschung, mit Leichenteilen, um künstliches Leben zu erschaffen, doch nachdem ihm das Geld und jegliche universitäre Unterstützung gestrichen wurden, plant er in den Katakomben, die ihm Gotho zeigt, ein neues Labor zu bauen, damit die Experimente dort im Geheimen fortgeführt werden können. Dem naiven Gotho verspricht er, Ilsa zum Leben zu erwecken. Im Gegenzug fordert er vom Buckligen jedoch neben hundertprozentiger Loyalität auch die Entwendung von Leichenteilen. Später ist dies jedoch nicht genug und der leichtgläubige Mann wird dazu angetrieben, lebendes Menschenmaterial in die Katakomben zu bringen. Zu spät merkt Gotho, dass er vom ergebnisbesessenen Dr. Orla nur ausgenutzt wird, um dessen wissenschaftlicher Reputation zum Aufstieg zu verhelfen. 

Den größten Clou, den sich Naschy mit der Darstellung des Buckligen leistet, ist die Natürlichkeit des Spiels. Während er zum Beispiel in der Rolle des Waldemar Daninsky nach dessen Verwandlung ein typisch haariges Werwolfgesicht vorzuweisen hat, verzichtet er in DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN (deutscher Titel) komplett auf jeglichen Make-up-Schnickschnack und schwört auf seine schauspielerische Begabung. Plus den künstlichen Buckel, bien sûr. Das ist nicht nur mutig, es unterstreicht in dem ohnehin schon sehr interessanten Charakter des Gotho auch eine Menschlichkeit, die dadurch nicht nur behauptet bleibt. Gotho, welcher übrigens mit Vornamen Wolfgang heißt (Wolfgang Gotho, wahrscheinlich eine Referenz an Mozart und Goethe), ist zwar ein kaltblütiger Mörder, ein zu heftigsten Gräueltaten fähiger Killer im Pelz eines kindgebliebenen Erwachsenen, aber auch eine Existenz, die Leid, Schmerz, Trauer sowie Ausgrenzung und Ausbeutung erfährt. Teilweise empfindet man Verständnis für diesen Kerl, der die Körperkraft von drei ausgewachsenen Männern zu vereinen scheint. Sein ganzes Leben ist er wahrscheinlich umhergeschubst worden, hat viel Niedertracht erfahren und einiges einstecken müssen. Dass er in einer Leichenhalle arbeitet, ist möglicherweise nicht einmal ein Zufall. Wo sonst sollte eine solche Seele arbeiten können? Die moralische Verstörtheit der Gesellschaft zeigt sich insbesondere, als der Film uns klar macht, dass nicht nur Kinder diesem armen Mann mit Bezeichnungen wie Affe zusetzen. Auch Wissenschaftler, die mal studiert haben und der gesellschaftlichen Aufklärung von allen sozialen Gruppen am nahestehendsten sein sollten, schrecken nicht davor zurück, diesen Kerl immer wieder rhetorisch in irgendein ungeliebtes Tier zu verwandeln ("Dass man so eine Kröte frei rumlaufen lässt, ist ein Skandal!"). Diese Eskalationen zu zeigen, hängt mit der Schmierigkeit eines B-Films selbstverständlich eng zusammen, dennoch ist eine substanzielle Motivation, dem Charakter einen psychosozialen Einflussrahmen zu schreiben, nicht von der Hand zu weisen. Der Tod ist wie mein Bruder, er lässt mich nicht allein. So lauten die Worte des Wolfgang Gotho, freilich nur in der deutschen Fassung, in denen sich Melancholie und Nihilismus gegenseitig befruchten. Diese erfahrenen Unmenschlichkeiten hätte Paul Naschy in ein Gesicht einritzen können, in dem sich die Schwere eines Menschenlebens leicht ablesen ließe. Doch er vermenschlichte die Figur mit einer natürlichen Darbietung, die für das Tragische des Charakters empfindsam macht, selbst wenn dieser in seinem psychischen Verfall Kopfabtrennungen den Diskussionen vorzieht.

Das Drehbuch wurde von Naschy in einem kurzen Zeitraum fast vollständig selbst verfasst und die Geschichte um einen Wissenschaftler, der mit Versprechen korrumpiert und alle Bedenken über Bord wirft, während ein Blauäugiger die Drecksarbeit vollführt und sich eine bessere Zukunft erhofft, lässt sich diktaturkritisch lesen, gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Francoregime. Der Film ist die zweite Zusammenarbeit mit Regisseur Javier Aguirre, die 1973 neben EL GRAN AMOR DEL CONDE DRÁCULA veröffentlicht wurde. Aguirre fühlte sich in diesen Jahren vor allem im Komödienfach wohl, weshalb es überrascht, wie ernst sich DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN zu seinem Sujet verhält. Trotzdem ziehen sich durch den Film Absonderlichkeiten, die in einer falschen Grammzahl das Werk sicherlich ins Verderben stürzen würden. Das beginnt schon mit der bayerisch angehauchten Dreivierteltaktmusik, die zu einer Szene in einer Taverne führt, welche uns zwei testosterongesteuerte Männer beim Bierwetttrinken zeigt, bei dem der größere Idiot gewinnt. Doch auch der Übergang des Dr. Orla von einem normal wirkenden Arzt in eine Kreatur, die Gott spielen möchte und für den wissenschaftlichen Fortschritt über Leichen geht, wird nicht schlüssig behandelt, passiert quasi von einer Szene zur nächsten. Die Erörterungen von Ärzten wie auch der Polizisten scheinen sich auch irgendwann mit den Gräueltaten Gothos und den steigenden Ansprüchen des mad scientist abzuwechseln, was zu einer Abnutzung des Interesses führen kann. Gerade Menschen, die sich nicht zu den Schundverfechtern zählen, können in diesem Teil der Geschichte möglicherweise Zähigkeit und einen gewissen Stillstand erkennen. Doch zum Ende hin belohnt EL JOROBADO DE LA MORGUE ganz sicher auch die Schundskeptiker mit blubbernden Säurebädern, die gefüttert werden, Gothos Berserkerauftreten und Orlas schleimiger Kreation, die ihrer Existenz vorher nur als Schrei nach Nahrung hinter einer Tür Ausdruck verlieh. Mit der Ader des vor-ironischen Zeitalters gesegnet, verrät DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN seine Hauptfigur an keiner Stelle, verherrlicht weder ihre Bösartigkeit noch untergräbt er ihren Schmerz.

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