Teorema (1968)


TEOREMA
(Teorema - Geometrie der Liebe)
Regisseur: Pier Paolo Pasolini
Italien 1968

Wohin gehen, wenn man befreit wurde?

Pier Paolo Pasolinis Bourgeoisie-Farce, die den Hass rechter Demagogen, überzeugter Kapitalisten und kirchlicher Institutionen auf den Filmemacher von allen seinen Werken wahrscheinlich am besten erklärt. Denn der Filmemacher weiß die Ordnung zu zerstören, auf die die Genannten meinen ein Anrecht zu haben, möglicherweise weil es ihre Konstruktion ist, die Pasolini hier als Pseudoparadies enttarnt, das sich seinen Wert durch eine rigide Sexualmoral, die Ausbeutung der Arbeiterklasse und das Festhalten an einschränkenden patriarchalischen Imaginationen teuer und zum Nachteil anderer erkauft respektive veerbt hat. Die zentrale Figur des Werks, welche mit jedem Mitglied einer großbürgerlichen Familie, plus der Haushälterin, ein sexuelles Abenteuer eingeht, mischt durch, paralysiert, entfernt, schafft eine Orientierungslosigkeit. Die Marschrichtung anzeigende Kompassnadel, derer Gültigkeit man sich noch in einem Augenblick versichern konnte, wird im nächsten schon wieder als unzuverlässig identifiziert. Pasolini inszeniert bürgerliche Konvention als Gefängnis, die Moral als Weltauffassung, die Begierde als Dynamit. Außerehelichen, spontanen und homosexuellen Geschlechtsverkehr denn konsequent als explodierendes Dynamit, welches Kapital, Patriarchat und Ordnung zwischen den Geschlechtern in deren Einzelteile zertrümmert. Dass der Film dabei nie ins anti-religiöse Gewässer abdriftet, sondern eigentlich das Gegenteil tut und Sexualität als Spielart des Glaubens, als Segnung zu begreifen versucht, die man annehmen muss, um sich von den faschistischen Dimensionen einer kapitalistischen Gesellschaft zu befreien, dürfte zu den inhaltlich-philosophisch interessantesten Merkmalen von TEOREMA gehören. Es überrascht daher nicht, dass es auch lobende Stimmen katholischer Gruppierungen gab, die das Thesenspektrum des Films nicht nur auf das gezeigte und gemeinte Sexualverhalten reduzierten. Der Schluss von TEOREMA, in welchem der Vater der Familie nackt durch eine Wüste läuft, visualisiert einerseits das Motiv der Leere und Entfremdung, welches sich durch den gesamten Film zieht, schafft sich jedoch auch eine provokant-utopistische Botschaft, in dem es einen Menschen präsentiert, der frei von materiellen Zwängen und - Pasolinis Lieblingsfeind - Konsumismus ist.

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