Dienstag, 22. April 2014

Kamennyy tsvetok (1946)

Nach Jahren der Arbeit mit dem Gestein Malachit schafft es der alte und talentierte Steinbearbeiter Prokopjitsch kaum noch, sein Handwerk auszuüben, da die Arbeit ihm gesundheitlich schon ziemlich zugesetzt hat. Nachdem er den Auftrag eines reichen Gutsherren bekommt, eine hochwertige Schatulle zu produzieren, klappt der Mann bei seiner handwerklichen Tätigkeit zusammen und sieht vorerst keine Chance, der Strafe des Gutsherren zu entkommen, die ihm droht, wenn er die fertige Schatulle nicht pünktlich abliefern kann. Danilo, Prokopjitschs junger Protegé, setzt, von seinem Meister unbemerkt, die Arbeit an der Schatulle jedoch fort. Als der Gutsherr mit seiner Frau den fertigen Gegenstand sieht, sind beide vollkommen begeistert von Danilos Fertigkeit und so vergibt die Gutsherrin einen weiteren Auftrag. Dieses Mal soll Danilo einen Kelch herstellen, der einer Blüte ähnlich aussehen soll. Nach der Fertigstellung ist der bewunderte Künstler allerdings gar nicht glücklich, auch wenn jeder andere ihm erzählt, dass er sagenhafte Arbeit geleistet hat. Danilo betrachtet sein Werk dagegen als zu gewöhnlich und nicht lebendig genug.

Ästhetisch schöne Farbspiele vermischen sich mit nostalgischen und volkstümlichen Erscheinungen, zelebriert wird ein Kosmos von bescheidenen Menschen, in dem einer heraussticht, weil er nach mehr trachtet als nur Anerkennung durch die Mitmenschen. Die Verachtung des Gewöhnlichen bringt allerdings keine Arroganz mit sich, sondern zeigt sich in der totalen Fokussierung des Künstlers auf den Wunsch, Kategorien zu verschieben und Visionen wahr werden zu lassen. Es reicht ihm nicht einfach aus, etwas Eigenes herzustellen, er möchte ebenso auch über den Tellerrand springen und sich etwas beweisen. Das Ziel des in diesem Spielfilm porträtierten Mannes ist die innere Glorie, die er besessen anvisiert, ohne zu erkennen, dass.es wichtigere Dinge gibt, als die Bezwingung der natürlichen Beschaffenheit eines Steins. Er lässt sich aber lieber von seinen pseudoromantischen Trieben steuern, denen er willenlos gehorcht, während seine Geliebte gerade dabei ist, ihre Mentalität und seelische Verfassung vor dem Gerede der anderen Dorfbewohner zu schützen, die sich durch die Bank weg einig darin sind, dass ihr Herzallerliebster nicht mehr auftauchen wird. In der Aufspürung dieses Konflikts zwischen der Liebe zu einem Menschen und der Liebe zu einer Tätigkeit findet man ganz sicher nicht das stärkste Argument für KAMENNYY TSVETOK (DIE STEINERNE BLUME), dennoch baut dieses Ringen, speziell für die Verhältnisse einer Märchen- und Sagenverfilmung, kaum Beziehungen mit Trash oder Kitsch auf, lebt stattdessen eher von seinen gesunden Proportionen.

Bedeutsam ist KAMENNYY TSVETOK wegen seinen Farben. Doch nicht nur, weil er die in Deutschland entwickelte Agfacolor-Methode eindrucksvoll nutzt, um den phantastischen Inhalt des Märchens zu unterstreichen und den ohnehin schon anschaulichen Sets mehr Künstlichkeit zu verleihen, sondern ebenso aufgrund seiner geschichtlichen Relevanz, schließlich erschienen in der Sowjetunion erst ab 1946 Farbfilme, und der Film des Regisseurs Alexander Ptuschko gehörte zu den ersten Exemplaren, die die Möglichkeiten eines farbigen Bildes nutzen konnten. Ptuschko, der in seiner Heimatregion ein Garant für hochwertige Spezialeffekte war und dies beispielsweise in seiner zuvor erschienenen Pinocchioverfilmung ZOLOTOY KLUCHIK (DAS GOLDENE SCHLÜSSELCHEN, 1939) auch unter Beweis stellte, arbeitete für DIE STEINERNE BLUME mit dem Buchautor Pawel Baschow zusammen, der mit zahlreichen Sagenerzählungen aus dem Uralgebiet bekannt geworden war. Herausgekommen ist ein Farbspektakel, welches unbedingt in guter Bildqualität gesehen werden will, weil die Macher hier die - in Anführungszeichen - neue Technik mit breiter Brust einsetzten und ihren Inhalt damit ein Stück weit verständlicher und zugänglicher machten. Die Herzlichkeit der Figuren, von denen im Prinzip nur die sehr vermögenden Gutsherren negative Eigenschaften aufweisen, kann einen naiven und spießigen Eindruck machen, doch eine solch auf mehreren Ebenen harmonisch wirkende Parabel über die Suche nach dem Glück lässt geglückte Beziehungen, vergnügliche Momente sowie romantisch anmutende Sonnenaufgänge nicht mehr als Teil einer Alles-toll-Ideologie wirken, vielmehr stellt sie eine logische Verknotung aller Elemente dar.

KAMENNYY TSVETOK (Deutscher Titel: DIE STEINERNE BLUME)
Regisseur: Alexander Ptuschko
Sowjetunion 1946

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