Montag, 27. Januar 2014

Sind Filme nicht schön? #1 - Paradies: Glaube

Die Reihe "Sind Filme nicht schön?" behandelt in unregelmäßigen Abständen verschiedene Filme und soll eine Art kleines Magazin auf einem Blog sein. In jeder Ausgabe wird mindestens ein Hauptfilm etwas ausführlicher besprochen und vier oder fünf Filme kurz kommentiert. Alle weiteren Inhalte sowie die Länge der Ausgaben sind nicht festgeschrieben. Die Grundidee wurde schamlos von Hauptsache Stummfilm geklaut.

Hauptfilm

Paradies: Glaube [A/D/F 2012, R: Ulrich Seidl]

Anna Maria ist eine strenggläubige Katholikin. Sie arbeitet in einem Krankenhaus als Assistentin und trifft sich regelmäßig mit anderen konservativen Gläubigen, denen es wichtig ist, dass Österreich wieder ganz katholisch wird. Anna Maria missioniert zudem nicht nur in der Nachbarschaft, sie peitscht sich auch vor einem Kruzifix aus. Als ihr Mann Nabil nach vielen Jahren wieder aus Ägypten zurückkehrt, bricht ihre Ordnung zusammen. Nabil ist Muslim und wundert sich über die starke Religiosität seiner Frau, die ihm sogar verbieten will, Fernsehen zu schauen. Doch das lässt der querschnittgelähmte Mann nicht auf sich sitzen und rebelliert gegen den Glauben seiner Frau - zuerst psychisch, später auch physisch.

PARADIES: GLAUBE ist der zweite Teil der Paradies-Reihe, in der es um drei Menschen geht, die in verschiedenen Dingen ihr Heil suchen. Der mit Maria Hofstätter in der Hauptrolle besetzte, fast die Zwei-Stunden-Marke erreichende Film erregte bei seiner Premiere in Italien einige katholische Gemüter, die sich über eine Masturbationsszene aufregten, weil sie darin eine Beleidigung christlicher Menschen gelesen haben. In der besagten Einstellung nimmt die weibliche Hauptfigur ein ca. 40 Zentimeter großes Kruzifix von der Wand, küsst es auffallend lustvoll und bearbeitet anschließend unter der Decke die untere Zone, was jedoch nur angedeutet wird.


Das Vorgehen religiöser Kräfte gegen die Kunstfreiheit ist nicht neu und entlockt jedem Aufgeklärten nicht mehr als ein müdes Lächeln, gerade wenn man weiß, dass heute solchen Vorwürfen nur ein kleiner Teil von Vertretern oder Organisationen zustimmen. Viel kritischer kann man ohnehin die Rolle des Muslimen Nabil sehen. Nach und nach verfliegen die Sympathien, die man für ihn anfangs noch empfand. Der emanzipationsfeindliche Charakter kommt zum Vorschein und damit ein ziemlich archaisches Frauen- und Ehebeziehungsbild, das im hinteren Teil des Films den häuslichen Religionskrieg antreibt. Allerdings wird Nabil, im Gegensatz zu seiner Frau, bloß als gläubig aufgeführt, ohne irgendwelche Anmerkungen. Folglich bedient PARADIES: GLAUBE ein bisschen das Klischee, dass normal religiöse Muslime ihre Frauen am Herd angekettet haben wollen. Auch wenn Ulrich Seidl in Interviews angibt, dass der zuständige Schauspieler Nabil Saleh selbst Muslim ist und mit dieser Rolle kein Problem hatte, macht es die Bilder, die zwei unterschiedliche Glaubensrichtungen oberflächlich zeigen, nicht besser. Denn die ultragläubige Anna Maria kann man trotz ihrer realitätsausblendenden Art, zu missionieren und über Jesus zu sprechen, noch irgendwie drollig finden, doch für Nabils Verhalten, die übrigens in einer versuchten Vergewaltigung kulminiert, trifft das kaum zu. Die Formulierung seines Charakters bleibt auch sonst recht blass - er will eben auch mal wieder ficken und er ist Muslim.


Ist der Film deshalb blöd? Keineswegs. Das wäre er nur, wenn er seine Erzählung auf einen reinen Kampf der Religionen bzw. eine Gegenüberstellung dieser verengen würde. Doch dem ist nicht so, denn er ist offen für verschiedene Deutungen und macht es dem neugierigen Zuschauer furchtbar schwer, Position zu beziehen. Des Weiteren gibt es einige Anspielungen auf kulturellen und ethnischen Rassismus in Österreich, was den nur als Überlegung geworfenen Blick auf die beinahe unmerklichen und nicht intendiert klischeehaften Verweise auf das Muslimsein auch entschärfen dürfte, unabhängig von irgendeiner Interpretation. Fans von Seidl dürfen sich übrigens noch über einen Bekannten freuen, dessen Auftritt für mich nicht weniger als das Highlight der letzten Kinojahre darstellt.

Ein weiterer Film...
...über eine extreme Form des christlichen Glaubens

Die schwarze Narzisse [UK 1947, R: Michael Powell]

Gut überlegte Technicolor-Verwendung trifft auf eine Geschichte über ein gescheitertes Projekt. An exotisch erscheinenden Plätzen zeigt der Film, wie der Glaube und auch der Optimismus mehrerer Nonnen herausgefordert werden, die in einem indischen Dorf im Himalaja eine Schule und eine medizinische Versorgungsstation einrichten. Es gibt sowohl Spannungen zwischen den Bewohnern als auch Konflikte zwischen den einzelnen Schwestern. Die Aufseherin des Projekts und Anführerin der Nonnen beginnt sich auf einmal, an ihre Zeit vor dem Eintritt in das Kloster zu erinnern, eine andere verguckt sich dagegen in den Mann, der für die Schwestern ein Berater und eine wichtige Verbindungsstelle zu der Bevölkerung ist. Die Luftverhältnisse sowie das Klima scheinen den Neuankömmlingen nicht bloß sehr zu schaffen zu machen, sie verwirren die Frauen geradezu, welche ihren Plan, Ärmeren im Namen Gottes zu helfen, durch die Fremdheit des Ortes immer mehr gefährdet sehen. Obwohl keine Minute tatsächlich in Indien aufgezeichnet wurde, sondern das meiste im Studio entstand, sieht die Bergwelt unheimlich schick und traumhaft schön aus. Von einer ästhetischen Belebung des Inhalts könnte man auch sprechen, wenn man sich anschaut, wie die strahlenden Bilder besonders die handlungstechnisch arme erste Hälfte aufmöbeln. Im zweiten Teil übernimmt ohnehin die Farbdramaturgie das Sagen, mit der die seelischen Offenbarungen und Abgründe nur noch intensiver wirken. Die intelligente Verknotung von Form und Handlung lässt beide Kategorien fast auflösen, was nicht weniger als nervenaufreibend sein kann.

Mischmasch

Wiegenlied für eine Leiche [US 1964, R: Robert Aldrich]

Aldrich ist ein Guter. Sein Film bewegt sich zwischen Psychodrama und Horror, lotet den Kampf einer Frau gegen ihre Wahnvorstellungen im Radius eines Komplotts aus und besitzt zahlreiche Einstellungen, bei denen selbst der mit Informationen überraschend gut bepackte Zuschauer sich nicht mehr sicher sein kann, was er gerade auf dem Bildschirm sieht. Mit 130 Minuten vielleicht ein wenig zu lang für das Sujet, doch die beklemmende Stimmung, die gerade im Mittelteil sehr gut in Fahrt kommt, macht es schwer, auch nur einen Gedanken an die Spielfilmlänge zu verschwenden. - B

Caught in the Web [VRC 2012, R: Kaige Chen] 

Im modernen China, wo man ständig nach persönlichen Marktwerten zu schielen scheint, gilt es, sein Gesicht zu verteidigen und nicht als Bloßstellungs- und Mobbingopfer im Internet zu enden. Das thematisiert Regiemeister Chen in einer unglaublich zackig ablaufenden Story mit sich überschneidenden Elementen, die sich zu keiner Zeit verbrauchen. Was den Film so reizvoll macht, ist der kritische Einbezug aktueller Medien, ohne dass diese zu sehr in den Vordergrund gestellt und dämonisiert werden. Internet und Mobiltelefone sind an unseren menschlichen Katastrophen schließlich nicht schuld - sie sind nur Instrumente. - A

Umleitung [US 1945, R: Edgar G. Ulmer]

Der mit Abstand düsterste Film noir, den ich bisher gesichtet habe, ist ein Low-Budget-Projekt von Ulmer. Hier scheint es keine Hoffnung zu geben und das qualvolle männliche Gesicht, das zu einem Mann gehört, der in der Kneipe sitzt und erzählt, bietet eine Signierung der Zustände. Die Bestie Mensch erleben wir eindrucksvoll in Form einer gerissenen und geldversessenen Femme fatale, die der Hauptfigur die Strohhalme, die diese noch hat, stibitzt. - A

Das Gasthaus an der Themse [D 1962, R: Alfred Vohrer]

Wenn ich an diesen Film denke, dann habe ich zuerst einen Menschen in einem Taucheranzug im Kopf, der mit Harpunen auf Widersacher zielt und einen tollpatschigen Ruderer, der für Sportkämpfe trainiert. Dass Kinski noch als vermeintlicher Gewürzhändler auftaucht und Elisabeth Flickenschildt die Besitzerin einer undurchsichtigen Hafenspelunke spielt, sind dann so etwas wie die Sahnebonbons, bei denen man sich wünscht, sie könnten niemals zu Ende gelutscht werden. Vohrer inszeniert den Pfennig-Krimi versiert und das Drehbuch versucht unermüdlich, an der Spannungsschraube zu drehen. - B

71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls [A/D 1994, R: Michael Haneke]

Ein typischer Haneke treibt sich irgendwo zwischen krampfhafter und oft nerviger Experimentier-Attitüde, unkonventioneller Dramaturgie und nett inszenierter Beobachtung herum. Dieser Film zeigt in sehr abgehackten Erzähllinien ernsthaft, wie verschiedene Menschen ihr mehr oder weniger aufregendes Leben leben und wie ein vermeintlicher Zufall, einen Menschen dazu bringt, in der Bank seine Knarre herauszuholen und Amok zu laufen. Ich bin wohl schon viel zu abgestumpft von solchen Nachrichten, wie sie im Film immer wieder zu sehen sind, um zu diesem Film mehr als ein Schulterzucken vorzeigen zu können. Das wird es sein. - C

A Hervorragend  
B Gut  
C Für Fans

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen