Donnerstag, 29. August 2013

Das letzte Schweigen

Das letzte Schweigen



Deutschland, 2010
Genre: Kriminalfilm, Drama
Regisseur: Baran bo Odar
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Sebastian Blomberg

Die 13-jährige Sinikka verschwindet eines Tages spurlos. Ihr Fahrrad wird genau dort gefunden, wo vor 23 Jahren ein Mädchen ermordet wurde. Da sich Blutspuren am Fundort finden lassen, geht man von einem Mord aus.

Krimi, den man mit dem Bauch schauen sollte

Kommentar: Durchaus in der Lage unangenehme Gefühle zu provozieren, verfügt DAS LETZTE SCHWEIGEN auch inhaltlich über die richtigen Drama-Elemente, um es einerseits psychologisch nicht zu einfach zu machen und andererseits, um innerhalb fester Kriminalfilm-Strukturen Dinge zu thematisieren, die in der Gesellschaft eine unangenehme Rolle spielen, wie zum Beispiel die Verarbeitung der Trauer über den Tod nahestehender Personen. Wagemutig geht der Film insbesondere strukturell vor, weil er auf keine Hauptfigur baut, dafür aber aus mehreren Positionen auf die Geschehnisse blickt. Doch das ist selbstverständlich nicht gleichbedeutend damit, dass er auf die Gefühle des Zuschauers nicht einwirken möchte und die Leiddarstellung sachlich abläuft. Eher das Gegenteil liegt vor, denn neben der mehrmals in Distanz zum Geschehen stehenden Kamera, die unterschiedliche heimliche Taten wohlüberlegt als Voyeur-Sicht verkauft, geht es auf der Soundebene nicht gerade zahm zu. Bei diesem Umstand wären wir gleichzeitig ebenso beim allergrößten Manko. Es gibt wenig, dass nervtötender ist, als ein ständig anwesender Bass-Teppich, der deutliche Zusammenhänge in ein noch deutlicheres Licht schieben möchte. Freilich würde sich niemand darüber beklagen, wenn der Einsatz kontrolliert vonstattengeht, doch sobald es zu kontinuierlichen musikalischen Beeinflussungen kommt, die uns sagen, wie bedrückt wir uns fühlen sollen, wird es nicht mehr verzeihlich. Mit solchen zweckmäßigen, aber unnötigen Suggestionen verliert DAS LETZTE SCHWEIGEN ein Stück Seriosität, wenngleich das noch lange nicht das Ende der Welt ist.

 Vorlage für das Drehbuch, dass der Regisseur Baran bo Odar selbst geschrieben hat, war der Kriminalroman DAS SCHWEIGEN (2007) von Jan Costin Wagner. Die Geschichte dreht sich um das plötzliche Verschwinden eines Mädchens, die Suche nach ihr und die Jagd nach einem Täter, da man noch vor dem Fund der Leiche von einem Mord ausgeht. Der Vorfall steht nämlich im Zusammenhang mit einer Tat, die vor 23 Jahre geschehen ist, jedoch ungesühnt blieb. Damals wurde ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet, ihre Leiche im See gefunden, der Mörder nie gefasst. Während die Eltern des aktuellen Opfers verzweifelt darauf hoffen, dass ihre Tochter noch lebt, wird die Mutter des ersten toten Mädchens von der Vergangenheit eingeholt. Doch nicht nur sie wird mit der Last vergangener Tage konfrontiert -  auch dem Mittäter Timo, der vor 23 Jahren bei dem Mord der elfjährigen Pia dabei war und seinem pädophilen Kollegen zugesehen hat, rückt die Tat rücksichtslos auf den Pelz. Zwischen diesen Seiten positioniert sich irgendwo die Kriminalpolizei, als Informationsgeber und Pädophilenaufspürer, die selbst noch nicht sicher ist, ob der aktuelle Fall überhaupt etwas mit dem alten zu tun hat.

Bevor sich der Film allerdings ausgiebig den fünf heißen Tagen des Jahres 2009 widmet, wirft er noch einen Blick auf den Fall von 1986, der als Referenzverbrechen für den 23 Jahre späteren Vorfall fungieren wird. Was dort mit einer gemütlich aussehenden Autofahrt beginnt, endet mit einer bitterbösen Gewalttat. Zuerst wird ein Mädchen, das scheinbar mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause ist, vergewaltigt und danach ermordet, anschließend in den See geworfen. Die Tat verüben zwei Männer, wobei der jüngere von ihnen nur paralysiert zuschaut, während der ältere der beiden die abscheuliche Arbeit verrichtet. Die Männer sind befreundet und haben sexuelles Interesse an jüngeren Mädchen. Nach der verabscheuungswürdigen Tat reist Timo, der Jüngere, jedoch aus der Stadt, kehrt nie wieder zurück und versucht, das Ereignis zu vergessen. 23 Jahre später ist er Familienvater und führt auch ein erfolgreiches Berufsleben, bis seine Bilderbuchwelt einzustürzen beginnt und er durch die Nachrichtenmeldung über das Verschwinden eines Mädchens in die gedankliche Zeitmaschine geworfen wird. Im Gegensatz zu allen anderen weiß er aber, wo er nach dem vermeintlichen Täter suchen muss. Das erste Aufeinandertreffen nach vielen Jahren geht mit wenigen Worten über die Bühne und mutet auch recht authentisch an. Hierbei unterstellt Timo seinem Ex-Kollegen, dass er etwas mit dem kürzlich als vermisst gemeldeten Mädchen zu tun habe, was der andere natürlich vehement abwehrt. Die Heimlichkeit zwischen den beiden erinnert Timo nur noch stärker an die alte Zeit und so lässt er sich eine DVD, die er früher gerne angeschaut hat, mitgeben.

Allerdings entsteht zwischen den beiden Männern trotzdem keine neue Beziehung, weil Timo dann doch in einer entscheidenden Situation sowohl Angst vor seiner Natur bekommt als auch beginnt, sich vor seinem Ex-Kollegen zu fürchten bzw. zu ekeln. Die Sequenz, in welcher er vor der offenen Tür zu dessen Wohnung steht und dann panikerfüllt wegrennt, erinnert in ihrer Gesamtheit an zurückhaltende Horrorvisionen und fasst Suggestionen zu einer dichten Angststimmung zusammen. Man könnte meinen, dass Timo in dem Augenblick eine Schwelle vor sich sieht, die ihn noch tiefer ins moralische Verderben führen könnte; womöglich fürchtet er sich einfach nur davor, dass seine pädophilen Fantasien Wirklichkeit werden. Diesen Zustand der Panik beschreibt der Film inszenatorisch wahrhaftig als Leid, und nicht nur als ein flüchtiges Gefühl von Furcht, wodurch er einen Pädophilen nicht bloß als eine krankhafte, auf seinen Trieb ausgerichtete Kreatur begreift, dessen Situation in einer Klammer verhandelt werden kann, sondern auch als Menschen, der ernst zu nehmen ist.

An anderer Stelle ist besagter Timo, gespielt von Wotan Wilke Möhring, ebenfalls in sehr bewegenden Momenten zu sehen. Er kommt nämlich auf die Idee, die Mutter des vor 23 Jahren ermordeten Mädchens zu besuchen. Viele Sätze werden zwischen den beiden zwar nicht ausgetauscht, doch die Gesichter und Tonfälle in den knappen Wortformulierungen sprechen Bände. Nicht von ungefähr ruft die Mutter, nachdem der Besucher ihr Haus verlassen hat, den zuständigen Polizisten an, um ihm mitzuteilen, sie sei sicher, dass "er" eben bei ihr war (die Polizei hat keine Hinweise darauf, dass vor 23 Jahren mehr als ein Täter beteiligt gewesen ist). Bei der Thematik hätte man gar auf den Einfall kommen können, eine sehr aufgebrachte und auf die Polizeiarbeit schimpfende Frau ins Drehbuch reinzupacken, doch man zog die mir realistischere Variante einer Person vor, die vor Jahrzehnten ihr Kind verlor. Heruntergespielt werden die Emotionen der Frau dennoch nicht, eigentlich wirkt sie durch ihre zurückhaltende Haltung und ihre manchmal analytische Denkart stets am angeschlagendsten.

Die multiperspektivische Ausrichtung erlaubt es uns sehr gut, uns in die einzelnen Schicksale hineinversetzen zu können bzw. diese zu erfühlen. Deshalb stört der Mangel an einer festen Identifikationsfigur überhaupt nicht, zumal sich der Film schon durch diesen konzentrierten Blick auf mehrere Handlungsstränge und Persönlichkeiten von den künstlich wirkenden Kriminalfilmen aus der Fließbandproduktion abzuheben weiß. Nichtsdestotrotz ist dem gebürtigem Schweizer Baran bo Odar in seinem zweiten Spielfilm eine einwandfreie Vermischung von Krimigeschichte und handfesten Drama-Zutaten nicht wirklich geglückt. Denn die Darstellung der Arbeit am neuen und alten Fall seitens der Polizei - mit den ganzen menschlichen Seiten, die dabei zutage treten - kommt selten über solides Hin- und Herlaufen der Kommissare hinaus. Dazu sind die Personen aus der Freund-und-Helfer-Fraktion auch allesamt komplett uninteressant gezeichnet worden, wobei gerade Hauptermittler David, der von Sebastian Blomberg verkörpert wird, komplett an einem vorbei geht. Zudem fragt man sich, warum auch er - wo wir hier doch ohnehin schon viel Leid ertragen müssen - kürzlich jemanden in seinem Leben verloren haben muss. In solchen Sachen manifestieren sich unglücklicherweise Belanglosigkeiten, die man hätte problemlos vermeiden können.

Trotz nicht ganz günstiger Produktionsbedingungen - viele Schauspieler mussten auf einen Großteil ihrer Gagen verzichten, die Produktionszeit wurde verkürzt - drehte der 32-jährige Baran bo Odar einen immerhin gediegenen und emotional teils wuchtigen Thriller. Dessen Fokus liegt jedoch deutlich mehr auf der Darstellung von Menschen, die Verluste oder Schuldgefühle verarbeiten müssen, weswegen es ihm weniger darum geht, die Verbrechensaufklärung spannungsreich zu gestalten. Sein Debütfilm UNTER DER SONNE war noch ein reiner Festivalfilm, der nur eine kleine Menge an Zuschauern erreichte, während DAS LETZTE SCHWEIGEN national wie auch international Beachtung fand. Wohin der Karriereweg ihn letztlich führen wird, darauf kann man gespannt blicken, solange man keine zu hohe Erwartungen mitbringt. An seinem ersten großen Film merkt man nämlich, dass es ihm schwerfällt, sowohl Figuren interessant zu charakterisieren als auch stets passende Ausdrucksformen mittels der Kameraaufnahmen zu finden. Von der explodierenden Nüchternheit eines IM SCHATTEN (Thomas Arslan) oder den fiebrigen TV-Werken von Dominik Graf ist sein Film selbstredend ohnehin weit entfernt, will sich allerdings auch nicht mit ihnen messen. Überdies hat der Filmemacher sowieso schon verlauten lassen, dass er selbst ein Bauch- und kein Kopfmensch ist, deshalb sehr viel auf klare und deutliche Gefühle setzen möchte.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen