Dienstag, 21. Mai 2013

Blinde Wut

Blinde Wut (Fury)



USA, 1936
Genre: Drama
Regisseur: Fritz Lang
Darsteller: Spencer Tracy, Sylvia Sidney

Als Joe sich auf den Weg zu seiner Freundin Katherine macht, wird er in der Stadt Strand festgenommen, weil er verdächtigt wird, einer Kidnapper-Gruppe anzugehören. Während er bis zur Klärung hinter Gittern sitzen muss, brodelt draußen die Gerüchteküche, die die Emotionen der Bürger von Strand hochkochen lassen. Obwohl keine genauen Beweise vorliegen, pushen sich die Männer so weit hoch, dass sie bereit sind, den Weg zum Gefängnis einzuschlagen, um als Mob den vermeintlichen Übeltäter selbst zu richten.

Der Kampf gegen Selbstjustiz

Kommentar: Langs erster Hollywoodfilm nach seiner Emigration in die USA ist eine spannende und lohnenswerte Studie über die menschliche Psyche und den Zustand der amerikanischen Gesellschaft - eine Studie, welche zwar den Kommunikationsregeln standardisierter Spielfilme gehorcht, aber die vordergründige Unterhaltung eben auch als Mittel zum Zweck benutzt. Wie schon in M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER formuliert Lang seine Aversion gegen Selbstjustiz vor allen Dingen mithilfe der Darstellung des inhuman bearbeiteten Opfers, welches einem wütenden Mob (oder eben einer bestimmten Gruppe) als Zielscheibe dient.

 BLINDE WUT fängt harmlos an, zeigt uns ein sympathisches Paar, das für mehrere Monate voneinander Abschied nimmt und sich im Laufe des Jahres Briefchen schreibt. Als Joe und Katherine sich dann endlich entschließen, in Kürze zu heiraten, macht das Pech ihre Pläne erst einmal zunichte. Weil Joe nämlich verdächtigt wird, einer Kidnapper-Gruppe anzugehören, wird er in der Stadt Strand (Illinois) festgenommen und bis zur Klärung hinter Gittern gebracht. Draußen beginnt jedoch, die Gerüchteküche zu brodeln. Anfangs erzählt man sich noch, dass ein möglicher Entführer gefasst sei, doch schon bald kochen die Emotionen so weit hoch, dass aus der Möglichkeit einer Schuld die Sicherheit einer Schuld zusammenkonstruiert wird. Und weil man der Justiz misstraut, begibt sich der wut- und hasserfüllte Lynchmob zum Gefängnis, um den vermeintlichen Übeltäter selbst zur Strecke zu bringen.

Mit seiner Erzählung über eine wild gewordene Masse, in der sich Individuen zusammenschließen, mit der Konsequenz, Identität zu verlieren und Anonymität hinzuzugewinnen, brilliert der deutsche Filmemacher schon allein der Aktualität wegen. Das ist gar nicht mal so sehr aufgrund der wirklich schaurigen, aber auch objektiven Schilderungen der Massenhysterie der Fall, die im Zusammenhang mit emotionalisierenden Nachrichten und medialen Angsteinimpfungen noch lange nicht zum Aussterben verdammt ist. Vielmehr findet man in BLINDE WUT deshalb Parallelen zum heutigen Zeitalter, weil der Zuschauer eine Erläuterung in Bild und Wort darüber erhält, wie sich Gerüchte und Meldungen verselbstständigen, bis Quelle und Ursprung keine Rolle mehr spielen. In unseren virtuellen Dimensionen der Raumüberwindung durch das Netz geht diese brutale Verselbstständigung natürlich sogar noch schneller als damals, was wahrscheinlich schon jedem aufmerksamen Beobachter ein (süßes oder bitteres) Lächeln auf die Lippen gezaubert hat. Denn Nachrichten über voreilige Entschlüsse so mancher Gruppen, die sich vornehmlich im Internet für das vermeintlich Gute organisieren, wollen einfach nicht abnehmen.

Langs Stärke hinsichtlich des Konzepts lässt sich jedoch nicht nur auf die Thematisierung der Gerüchteverbreitung und eine Abneigung gegen Selbst- und Lynchjustiz herunterbrechen. Der Regisseur spricht ferner auch Vertrauensverluste in das Justizsystem an und problematisiert das amerikanische Rechtswesen, während er gleichzeitig jedoch die wild gewordene Masse vor deren Opfer verteidigen muss, weil dieses auf unrechte Art Rache an dem Mob üben will, welcher ihn fast umgebracht hätte. Zwar kommt BLINDE WUT nicht mehr voller Graustufen daher wie noch Langs Krimiklassiker mit Peter Lorre in der Verkörperung eines echten Schuldigen, doch impliziert der Film ebenfalls genug Widersprüchlichkeiten, die sein Anschauen herausfordernd und Gedanken anregend gestalten. So entbehrt es übrigens nicht einer gewissen Ironie, dass es die sensationsgeilen Reporter sind, die mit ihren Kameras den Mob live dabei einfangen, wie dieser ein Gefängnis stürmt sowie in Brand setzt, und mit den Bildern später die glasklaren Beweise liefern, welche die Schuldigen stellen können. Was für eine herrlich gute Anspielung auf den Nachrichtenjournalismus als zweischneidiges Schwert!

BLINDE WUT war also mehr als ein würdiger Einstand Langs in der Traumfabrik. Lustigerweise verlief meine Sichtung im Jahr 2010, also ganze drei Jahre vor der zweiten Begegnung, längst nicht so erfreulich. So monierte ich beispielsweise die angeblich peinlichen Abläufe der Hysterie sowie das musterhafte Abspielen der Hollywoodstandards, die in mir Fremdschämemotionen auslösten. Allerdings vermag ich nicht zu sagen, ob mein aktueller Respekt für diesen Klassiker nur auf die kontinuierliche Erwartungsanpassung an die
frühen filmdarstellerischen Normen zurückzuführen ist oder ob mein früheres Urteil totaler Käse war. Wahrscheinlich haben beide Meinungen etwas Richtiges an sich, denn dass Fritz Lang - auf Druck des Studios - Mainstream-Gesetzen gehorcht und die Schauspieler sowie Statisten hier und da in Theatralik verfallen, ist schwer von der Hand zu weisen. Doch letztlich ist es die gesellschaftspolitische Dimension, die dem Film seine Schärfe gibt, weniger die Inszenierung.

2 Kommentare:

Intergalactic Ape-Man hat gesagt…

So richtig abgestreift hat Lang das Thema ja nicht mehr. Bei einer Gegenüberstellung mit M wäre mal interessant, inwiefern Blinde Wut in seinen Mechanismen ein Statement zur amerikanischen Kultur oder eben M zu deutschen Eigenheiten sein sollte.

Was deine Erstsichtung angeht: Es wird immer wieder behauptet, man hätte früher eine andere, langsamere und überspielte Filmsprache gehabt. Ich sage das so, weil ich es nur in Teilen nachvollziehen kann, da "alte Filme" für mich immer gegenwärtig waren. Vielleicht hast du deine Rezeption in diesem Sinne angepasst?

Eule hat gesagt…

Ja, das mit der Anpassung denke ich im Grunde auch. Wenn man bedenkt, dass ich vor 3 Jahren, oder gar 2 Jahren, keine 10 Filme kannte, die vor 1940 entstanden, war meine negative Meinung gegenüber diesem Film irgendwo auch recht nachvollziehbar. Es ist halt wie bei vielen Dingen etwas, das Training erfordert. Außerdem sollte man die Bereitschaft haben, einige Kleinigkeiten, die der Zeit geschuldet sind (hiermit ist weniger die Filmsprache gemeint, sondern mehr der Zeitgeist), zu tolerieren. Jetzt, wo "alte" Filme für mich immer aktueller werden, weil ich mich mit ihnen immer öfters auseinandersetze, habe ich auch natürlich auch einen ganz anderen Zugang zu ihnen. Das kann dann durchaus einen enormen Einfluss auf die Rezeption nehmen. :-)

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