Samstag, 20. April 2013

Atalante

Atalante (L’Atalante)



Frankreich, 1934
Genre: Drama
Regisseur: Jean Vigo
Darsteller: Dita Parlo, Jean Dasté

Nach der Hochzeit geht es für Juliette direkt auf den Frachter ihres Mannes Jean, den sie nun fortan auf seinen Fahrten durch die Seine begleiten will. Doch mit der harmonischen Beziehung zwischen dem frisch vermählten Paar sieht es schon bald schlecht aus, da ein geplanter Rundgang durch Paris ausfallen muss, auf den sich Juliette sehr gefreut hat. Erst in einem Vorort von Paris kann das Paar einen Ausflug machen. Juliette und Jean besuchen ein Tanz- und Spiellokal, in dem sie auch auf einen jungen Mann treffen, der den Gästen ein paar Kartentricks vorführt. Nachdem dieser in einen Flirt mit Juliette gerät, und er ihr schönmalerisch die Stadt Paris beschreibt, wird Jean eifersüchtig und fängt mit dem vermeintlichen Nebenbuhler eine Schlägerei an. Juliette ärgert sich darüber so sehr, dass sie sich nachts vom Schiff schleicht und mit dem Zug nach Paris fährt.

Wilde, wilde Poesie

Kommentar: ATALANTE ist so ein typisches Beispiel für die Sorte von Film, die man sich immer und immer und immer und immer wieder anschauen kann. Das ist wohl damit zu erklären, dass die hervorragende filmische Darstellung einer unverblümt simplen Geschichte, die ihre Spannungen und Reibungen ganz allein aus der Inszenierung saugt, wie ein Monolith in der Gegend herumsteht und eine faszinierende Berauschung anbietet, welche man nur schwer abschlagen kann. Möglicherweise ist ATALANTE deshalb in erster Linie für Cineasten und leidenschaftliche Filmfreaks von Belang, während dem Ottonormal-Sichter die kraftvolle Dynamik dieses Werks von Vigo wenig ersichtlich sein könnte. Denn trotz der erzählerischen Simplizität ist dieser nur an Originalschauplätzen gedrehte Film eben keine Wohlfühl-Angelegenheit wie sie ständig in aktuellen Kino-Erscheinungen auftritt, wenngleich ATALANTE in der Tat einen feel-good effect besitzt. Doch Vigos Kunst kennt Nuancen und vor allen Dingen Spaß an nüchterner Präsentation zufällig erscheinender Vorgänge, weshalb auch die Klassifizierung Poetischer Realismus wie die gern zitierte Faust auf das gern zitierte Auge passt. Was das Kamerabild einfängt, ist sowieso wilde Poesie und Lust - Elemente, die im Laufe der Story ineinander überlaufen.

Der Inhalt handelt von einem Paar nach der Hochzeit, von Juliette und ihrem Ehemann Jean, die nach ihrer Verheiratung auf einen Frachter steigen, der die Seine befährt. Das Fahrzeug steht schon länger im Mittelpunkt von Jeans Broterwerb, doch nach der Vermählung kann endlich auch die im Dorf aufgewachsene und reiseunerfahrene Juliette ihn bei seiner Arbeitstätigkeit begleiten. Auf der Fahrt kommt es zu Zank, weil Juliette einmal Paris besuchen möchte, doch nicht kann, da sich keine Möglichkeit bietet. Verärgert über ihren Ehemann schleicht sie sich eines Nachts vom Schiff und fährt mit dem Zug nach Paris, wo sie feststellen muss, dass dort doch nicht alles so schön wie in den Erzählungen ist. Derweil Juliette also alleine die Stadt besichtigt, entwickelt sich ihr Ehemann aus Liebeskummer mehr und mehr zu einem antriebslosen Kapitän, sodass seine zwei Mitarbeiter sich dazu entschließen, ihrem Chef zu helfen, indem sie Juliette wieder zurückbringen.

Der zu seiner Zeit stark gekürzt gezeigte Film fiel beim Kinopublikum durch und wurde erst spät wiederentdeckt, womit er das Schicksal vieler heute angesehener Meisterwerke teilen muss. Den Löwenanteil seiner Zeit spielt ATALANTE auf dem titelgebenden Frachter, auf dem sich neben dem genannten frisch vermählten Paar noch zwei weitere Menschen befinden. Dem Schiffsjungen, der meines Wissens nach keinen Namen hat, muss man zwar keine besondere Aufmerksamkeit schenken, doch seinem Partner muss es einfach anders ergehen, denn dieser Typ ist eine Sensation und alleine das Schauen des Streifens wert. Die Rede ist vom schrulligen Père Jules, der in seiner Kabine Souvenirgegenständen und altem Zeug einen Platz gibt und in einer Sequenz seinen Stolz über die gesammelten Objekte offenbaren darf. Er sorgt überhaupt für die spontansten Stellen im ohnehin schon sehr auf Spontanität getrimmten Filmwerk und bringt den ein oder anderen kultigen Spruch über die Lippen. Doch es ist nicht so sehr dem Typus zu verdanken, dass dieser Charakter so sehr heraussticht. Vielmehr ist es Michel Simons (ein unnachahmlicher Darsteller) Interpretation, bei der er zeigt, welch ein genialer Improvisationskünstler in ihm steckt. Obschon man beim Gucken nicht genau weiß, wie viel schauspielerischen Deutungsfreiraum Michel Simon beim Dreh gehabt hatte, ist seine freche "Ich spiel es jetzt einfach mal so"-Attitüde für jeden erkennbar. Aus seinem Spiel leiten sich deshalb viele Überraschungen und verblüffende Aktionen ab, deren Schönheit einfach so stark ist, dass man sich danach sehnt, selbst an Bord zu sein und alle Aufregung sowie jedes Hochgefühl direkt miterleben zu dürfen.

Wie angedeutet, ist ATALANTE ein feel-good movie der intelligenteren Art. Seine dramaturgische Vorhersehbarkeit kompensiert er mit unerwarteten und spontanen Momenten, die zum Schmunzeln oder Nachdenken einladen. Über Abenteuerlust, Trennung und Wiedervereinigung wird ganz ohne Thrill berichtet, dafür aber mit außerordentlicher Hingabe zur Poetisierung. Das passt alles irgendwie ganz und gar nicht zum Entstehungsprozess, den nur wenig mit dem sinnlichen Gepräge des Films verbindet. Ungünstige Wetterbedingungen erschwerten die Außenaufnahmen nämlich erheblich, wodurch der Dreh natürlich langsamer als geplant voranging. Zusätzlich machten kalte Temperaturen besonders Regisseur Jean Vigo zu schaffen, der zu allem Unglück noch krank wurde. Um ATALANTE fertigzudrehen, pfiff er jedoch auf seine Bettlägerigkeit und arbeitete fast die gesamten noch übrig gebliebenen Schritte bis zur Fertigstellung des Films ab. Kurz nach der Premiere starb er an einer Blutvergiftung. Vigos künstlerischer Nachlass erlebt in Fachkreisen eine große Beachtung, obwohl dieser sich auf insgesamt nur zwei Spielfilme und zwei Dokumentarfilme beläuft. Man muss nicht viel machen, um viel zu machen. Diese Weisheit bewahrheitet sich auch im Fall Jean Vigo.

7/10

2 Kommentare:

Manfred Polak hat gesagt…

Der 16-jährige Alex geht mit seinem besten Freund Jared in den sogenannten Paranoid Park.

Da hab ich den Film etwas anders in Erinnerung ... ;-)

Aber mal ernsthaft: Ich glaube zwar nicht, dass der Film in erster Linie für Cineasten und Filmfreaks interessant ist, sondern für alle, aber sonst sind wir einer Meinung.

Nur nebenbei: Neuerdings verteilst Du ja keine Punkte mehr. Das Ende einer Ära, oder bist Du noch in der Findungsphase?

Eule hat gesagt…

Ein Kommentar von Manfred Polak in einem Blog ist wie ein Ritterschlag. ;-)

Hm, normalerweise guck ich ja immer noch mal drüber, aber hier hab ich irgendwie gepennt. Danke für den Einwurf.

Was die Punkte angeht: Neben der allgemeinen Schwierigkeit, den Wert eines Films (für sich / für die anderen / für die Filmgeschichte / für die Entwicklung des Films / für die Entwicklung des Regisseurs / usw.) in ein Punktesystem zu pressen, habe ich persönlich auch noch das Problem, dass ich, wenn ich klar eine Meinung ausspreche, meist etwas Positives sage. Das sieht dann bei Filmen, die ich mit 5 Punkten oder weniger bewertet hab natürlich immer etwas komisch aus. Außerdem möchte ich bei meinen Kommentaren noch paar weitere Ecken sachlicher werden, was mit einer Punktvergabe noch schwerer zu vereinbar ist.

Auf die bekannten Schwierigkeiten, tiefsinnige und kunstbanausige Filme, Genre- und Kunstkino, Uraltes und Hochmodernes in ein Wertungssystem zu bringen, will ich jetzt gar nicht erst eingehen. :D

Ich habe mir zwar jetzt seit Anfang dieses Jahres vorgenommen im Monat 2-3 längere Texte zu veöffentlichen, also Kritiken, wie beispielsweise ATALANTE, aber den Kern sollen weiterhin die kleinen Kommentare bilden. Weil die eben klein sind, macht eine Wertung eigentlich keinen Sinn, da ich durch sie primär keine Orientierung geben will (und in paar Sätzen auch gar nicht kann), sondern nur meine Gedanken über den Film schildern möchte. Außerdem wirken Zahlen auch immer absolut und fest, was einfach meiner Einstellung zu so gut wie allem zuwiderläuft.

Und zukünftige Kritiken ohne Punkte sollen meinem Textbrei natürlich auch ein Stück Seriosität geben, da bin ich ganz ehrlich. Gar nicht mal so sehr der Außenwahrnehmung wegen - ich will mehr mir selbst gegenüber seriös sein und meiner Beschäftigung mit Filmen mehr Tiefe geben. Naja, so in etwa auf jeden Fall. :D

Der letzte Grund für meine Abkehr von Zahlen ist doof, aber auch ganz simpel: Fast alle Blogs, die ich gern lese, und die ich meist für vorbildlich erachte, vergeben keine feststehenden Wertungen.

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