Dienstag, 27. November 2012

Hadewijch

Hadewijch




Frankreich, 2009
Genre: Drama
Regisseur: Bruno Dumont
Darsteller: Julie Sokolowski, Yassine Salime

Weil Novizin Céline ihren Gottglauben fanatisch auslebt und sich weigert zu essen, sorgt sich die Klostervorsteherin um ihre Gesundheit und schmeißt die junge Frau aus der Gemeinde. Doch Célines Hingabe zu Gott ist nicht gewöhnlich, denn in ihrem Leben konzentriert sie sich nur auf das Ziel, sich mit ihm zu vereinigen. In Paris lernt sie den etwa gleichaltrigen Yassine kennen, über den sie zufällig in Kontakt mit dem radikalen Islamisten Nassir kommt. Céline und Nassir haben trotz verschiedener religiöser Identitäten gleiche Auffassungen von dem Glauben an Gott. Wenn man Gott liebt, so ihre Einstellung, dann sollte man es auch mit allen Konsequenzen tun.

Kommentar: Es ist leicht, einen Film wie diesen in Stücke zu reißen, denn schnell zusammenskizziert lässt sich HADEWIJCH wie folgt zusammenfassen: "Ein trüber, melancholischer Blick der Kamera richtet sich auf eine junge Frau, die sich von keinem anderen als Jesus Christus poppen lassen möchte." Als Abgang zückt man noch schnell die Ironie-Karte: "Etwas Spannenderes kann es nicht geben." Aber so ein Unsinn wäre irgendwie auch eine grobe Selbstvergewaltigung, eine Verspottung der eigenen Gehirnzellen.

Dumont behandelt in einer sehr eigenwilligen Mischung aus allegorischen Bildern, Dialogarmut, Leerstellen in der Handlung sowie einem großen Vertrauen in sein Publikum, Themen wie Fanatismus und Liebe. Im Mittelpunkt der Handlung befindet sich die junge Frau Céline. Sie liebt Jesus Christus über alles, doch ihre Liebe findet ihrer Meinung nach keinen Weg zu Gott. Aufgrund dieser sehr starken, aber unerwiderten Zuneigung leidet Céline schließlich so sehr, dass sie mit einem radikal-religiösen Islamisten kooperiert und sich bereit erklärt, an einem Selbstmordattentat teilzunehmen. HADEWIJCH ist weniger versperrt, weil er mit kühl-distanzierten Aufnahmen arbeitet. Der Zugang wird eher durch unglaublich fremde Charaktere dichtgemacht. Es ist schon schwierig genug, sich in eine religiöse Fanatikerin hineinzufühlen, doch erhöht das Ausbleiben eines Motivs den Schwierigkeitsgrad enorm. Trotzdem bleibt das Zuschauen stets eine Wanderung zwischen den Polen Fühlen und Denken. Ausschlaggebend dafür ist die expressive Kraft der statischen Bilder. Die Aufnahmen konfrontieren uns mit unglaublich bedeutungsvollen, gleichzeitig ausdrucksstarken Kompositionen, die die Fähigkeit besitzen, die Figuren, ihre Emotionen und auch ihre Situationen anschaulich darzulegen. Wenngleich die Ich-liebe-Gott-über-alles-Rhetorik im Mittelteil leicht an die Substanz der Nerven gehen kann, lässt das Zuschauerinteresse an der jungen Frau und ihrer spirituellen Sinnsuche nie nach.

6/10

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