Acht Filme für einen Tag #6: Der Mann, der zu viele Filme schaute

Wieder eine neue Ausgabe eines privaten Filmmarathons, welcher vom 25. Januar, 19.05 Uhr bis zum 26. Januar, 19.00 Uhr dauerte. Dieses Mal wollte ich möglichst viele Begegnungen haben, die für mich nicht neu waren. Ich wollte Filme sehen, bei denen ich wusste, dass sie mir gefallen, dass sich das Anschauen wirklich lohnt. Wenn man ein Werk zum ersten Mal sieht, dann beschnuppert man ihn zunächst gerne, was manchmal einiges an Kraft abverlangt. Wenn man jedoch bereits vertraut miteinander ist, flutscht es besser, weil die Kommunikation stimmt.


Ich freute mich besonders auf die Wiederbegegnungen mit MONTAG KOMMEN DIE FENSTER, LETTER FROM AN UNKNOWN WOMAN, den lange nicht gesehenen THE MAN WHO KNEW TOO MUCH und das re-watching von A HISTORY OF VIOLENCE, meinem ersten Aufeinandertreffen mit David Cronenberg. Damals, 2006 oder 2007 musste es gewesen sein. Meine hohen Erwartungen an RAISING ARIZONA und LIFEFORCE ergaben sich aus den positiven Reaktionen meiner Filterblase und aus dem einfachen Grundsatz, dass man mit den früheren Coens sowie Hooper im Allgemeinen nicht gegen die Wand fahren kann.

1. MONTAG KOMMEN DIE FENSTER
(Ulrich Köhler, 2006)

2. BATTLE BEYOND THE STARS (Sador - Stoß das Tor zur Hölle auf)
(Jimmy T. Murakami, 1980)

3. TIM FRAZER JAGT DEN GEHEIMNISVOLLEN MISTER X
(Ernst Hofbauer, 1964)

4. RAISING ARIZONA (Arizona Junior)
(Joel Coen, 1987)

5. LETTER FROM AN UNKNOWN WOMAN (Brief einer Unbekannten)
(Max Ophüls, 1948)

6. LIFEFORCE
(Tobe Hooper, 1985)

7. A HISTORY OF VIOLENCE
(David Cronenberg, 2005)

8. THE MAN WHO KNEW TOO MUCH (Der Mann, der zu viel wusste)
(Alfred Hitchcock, 1956)

Los ging es um ca. 19.05 Uhr.

MONTAG KOMMEN DIE FENSTER - Das neue Jahrtausend meint es bisher gut mit dem deutschen Film, wenn wir uns die Ausbeute anschauen. Die Zehnerjahre waren von aufregenden, teilweise virtuosen Genreproduktionen gekennzeichnet, man denke nur an HELL, DER BUNKER, LUZ oder DER SAMURAI. Und kann sich eigentlich noch jemand an DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN erinnern? Kann man ihn überhaupt unter dem Begriff Genre ablegen? Keine Ahnung. Ein Jahrzehnt zuvor bildeten jedoch die Werke der sogenannten Berliner Schule einen Bruch mit dem herkömmlichen, für den internationalen Markt größtenteils irrelevanten Konfektionskino, für die der deutsche Film irrtümlicherweise auch noch heute für viele Menschen steht. Die einflussreiche Zeitschrift Cahiers du cinema kam jedenfalls schnell auf den Trichter, dass es sich bei den Werken von Christian Petzold, Angela Schanelec oder eben Ulrich Köhler um mustergültige moderne Erzählungen handelt, und MONTAG KOMMEN DIE FENSTER macht hierbei keine Ausnahme. Der Film erschien zwischen Köhlers noch besseren Werken BUNGALOW (2002) und SCHLAFKRANKHEIT (2012), letztgenannten sollte man übrigens allein wegen des sensationellen Endes nicht verpassen. Im Zentrum von MONTAG KOMMEN DIE FENSTER steht der Ausbruch einer Frau, einer Mutter, die sich von den Routinen eines bürgerlichen Lebens löst, von den wiederholenden Mustern flieht, und damit bei ihren Freunden sowie ihrem Mann auf blankes Unverständnis trifft. Schließlich sollen Montag ja die Fenster kommen. Da muss man zuhause sein. Da muss man auswählen, welche Art von Fenster man für die nächsten fünf Jahre an seinem Haus haben will. Der normale bürgerliche Spießeralltag. Köhlers Ausbruchsgeschichten orientieren sich an früherem europäischen Kino, die psychologisierenden Momente werden jedoch ausgelassen. Übrig bleiben kühle Beobachtungen einer surrealen Fassade.

BATTLE BEYOND THE STARS - Ein Pilot wird mit einem Raumschiff in die Galaxie geschickt, um Söldner anzuwerben, die dem pazifistisch ausgerichteten Planeten Akir gegen einen Tyrannen unter die Arme greifen sollen. Während die Handlung lose an SHICHININ NO SAMURAI (DIE SIEBEN SAMURAI) angelehnt ist, schielt man in visueller Hinsicht auf den Klassenbesten STAR WARS, mit dem man sich jedoch nicht messen lassen möchte. Gerade der schmusige und wohl auch intendierte Campfaktor vertreibt unselige Vergleiche, die BATTLE BEYOND THE STARS allein aufgrund des knappen Budgets nie und nimmer gewinnen könnte. Die für die Zeit und das Geld nicht schlecht ausgestattete Corman-Produktion legt die Heldenreise in Vignetten an, wobei der episodische Touch manchmal die Übersichtlichkeit mindert. Das Anwerben der Krieger kommt einem vor, als würde man eine Exposition nach der anderen erfahren. Wenigstens gibt es zwischendurch John Saxon in der Rolle des Tyrannen Sador zu sehen, der den Planeten Akir knechten will. Schauspielerisch begabte Menschen überkandidelte Bösewichtfiguren spielen zu sehen, ist doch immer wieder ein Segen. Wen gibt es noch? Robert Vaughn als Kopfgeldjäger und Sybil Danning, die eine big-breasted Walküre mimt, die sich jedes Gefecht abonniert, das nicht bei drei auf dem Baum ist. Kein Hochgenuss, aber ein launiges Sternenkriegszenario.

TIM FRAZER JAGT DEN GEHEIMNISVOLLEN MISTER X - Die österreich-belgische Koproduktion kopiert munter bekannte Motive der Edgar-Wallace-Verfilmungen und lässt sich deshalb auch als passende Alternative konsumieren. Die Hafenwelt von Antwerpen ist hier unterhalb seiner tristen Oberfläche gekennzeichnet von Drogengeschäften, schmuddeligen Etablissements und grapschenden Arbeitern. Hinzu kommt eine Mordserie, die die Stadt nicht nur in Angst versetzt. Da die Morde direkt am Hafen passieren, drohen die Arbeiter mit dem Streik, was die gesamte Industrie brach legen würde. Der Krimi von Ernst Hofbauer gewinnt seinen faszinierenden Charakter jedoch weniger durch seinen Spannungsbogen denn durch viele einzelne Sequenzen, die aufgrund kurioser Charaktere oder einer unterhaltsamen Inszenierung bestechen. Die Verfolgungsjagd beispielsweise, welche auf einer Klappbrücke endet, die gerade hochgeklappt wird, ist ein Fest für Freunde des Spektakels.

Gegen 1 Uhr nachts ging es ins Bett.


RAISING ARIZONA - Etwas erstaunt war ich darüber, dass viele Kritiker RAISING ARIZONA zum Zeitpunkt seiner Erscheinung Vorwürfe machten. Vor allem wurde die vermeintliche inhaltliche Beliebigkeit moniert. Anderseits muss man bedenken, dass der Film der gerade einmal zweite der Coen-Brüder war und er sich somit in einem Wettstreit mit BLOOD SIMPLE befand. Ob es ihm an Tiefe gegenüber dem Vorgängerfilm mangelt, möchte ich nicht abschließend beantworten, doch sehe ich bei ihm generell gesprochen zunächst einmal keinen Mangel an Substanz und Aussagekraft. Mir fallen nämlich kaum Filme ein, die das Thema der biologischen Ungerechtigkeit bzw. der biologischen Beliebigkeit so herzerwärmend und gleichzeitig ohne Schönfärberei vermitteln. Ein großartiger Wurf und ich bin froh, ihn endlich geschaut zu haben.

LETTER FROM AN UNKNOWN WOMAN - Ophüls letzter amerikanischer Film erzählt uns die gefühlvolle Geschichte einer unerfüllten Liebe. Er spürt dem heimlichen Begehren eines jungen Mädchens nach, das sich auch im Erwachsenenalter nicht von ihrer Anbetung eines Pianisten losreißen kann. Trotz der Passivität der Verliebten kommt es zu einer gemeinsamen Nacht und einem Kind, an die sich der Pianist erst in den letzten Minuten des Films erinnern kann. Da LETTER FROM AN UNKNOWN WOMAN in Wien spielt, engagierte man für die Nebenrollen gebürtige Wiener wie etwa Norbert Schiller oder Willy Trenk-Trebitsch, welche gemeinsam mit der Musik von Mozart und Wagner, dem Liebesdrama ein europäisches Flair verleihen. Das Einzige, was mich an dem Film bei der zweiten Begegnung mit ihm störte und was ich bereits vergessen hatte, ist die Tatsache, dass die Briefe deutliche Erinnerungen im Pianisten hervorrufen. In Stefan Zweigs Vorlage soll da nur ein unscharfes Bild von der Frau auftauchen, was die Weite der Tragik ungemein vergrößert.


LIFEFORCE - Zunächst einmal ist der Film ein wunderbares Beispiel dafür, dass TEXAS CHAINSAW MASSACRE keine Glückssache war, dass Hooper nicht bloß zum richtigen Zeitpunkt einen Film herausbrachte, der Generationen von Filmemachern inspirierte. Der 1985 erschienene Sci-Fi-Horror erzählt uns auf unvertraute Weise von menschlichen Schwächen, sexuellen Obsessionen und Vampirismus. Der Film offeriert mehrere da gewesene Versatzstücke, während er um Innovationen einen großen Bogen macht. Aber dies ist nicht weiter schlimm, weil auch aus innovativ zusammengesetzten Wiederholungen individuelle Passagen entstehen können. Der Anfang im All ist eine Verbeugung vor 2001: A SPACE ODYSSEE, das Finale in einem apokalyptischen London ist ein psychotisches Zitieren Spielberg'scher Blockbusterlyrik. Dazwischen Hammer Studios, noch mehr Stanley Kubrick und Jean Rollin. Hooper annektiert die Grenzen zum Wahnsinn, ohne die Gesetzmäßigkeiten abzuschaffen. Man kümmert sich um die Sprengung herkömmlicher Narrationen, aber widerspricht nicht der Mainstreamästhetik. Trotzdem schleicht sich in die Bilder eine Pulp- und Comicvisualität ein, die mit Tradiertem wenig gemein hat und die nur ein Meister seines Fachs hinterlassen könnte.


A HISTORY OF VIOLENCE - Eine Heldentat erfährt nationale Aufmerksamkeit und führt zu kurzem Ruhm, zu dem der mutige Restaurantbesitzer Tom Stall kommt, weil er zwei gesuchte Gangster in seinem Lokal nach deren Überfallversuch in Notwehr erschießt. Es wäre alles halb so schlimm, wenn der Ruhm Tom zu Kopf steigen würde. Aber dies passiert nicht, denn Tom ist ein anständig-bodenständiger Typ, der nur seine Ruhe haben will. Seine Tat hat viel weitreichendere Konsequenzen für ihn: sie identifiziert ihn. Unterweltschurken nutzen nämlich die Nicht-Anonymität einer Kleinstadt, um dem Helden den Spiegel vorzuhalten, damit er nach Jahren der Verleugnung endlich wieder sein zweites (echtes?) Gesicht zeigen kann. Selbst seine Frau wird sich von ihm mehr und mehr distanzieren, weil ihr Toms versteckte oder unterdrückte zweite Identität nicht gefällt. Glücklicherweise vereint der sexuelle Akt zwei Menschen auf mehreren Ebenen und so stellt sich die Leidenschaft in den Dienst einer Erhaltungskultur, die das familiäre Beziehungsgefüge rekonstituiert. Überhaupt changiert der Film auf geerdete Weise zwischen Familiendrama und menschlichem Horror. Schüsse und Schläge tun hier sehr weh, werden akustisch und visuell apostrophiert zwar, sind jedoch nie Teil einer Zeremonie. Manche Kritik, welche eine Doppelmoral in der Zeichnung und Charakterisierung der titelgebenden Gewalt entdeckt haben will, schießt über das Ziel hinaus, da sie unfähig ist, die Akte der expliziten Brutalität als grauenvolle Ereignisse zu rezipieren. Der Michael-Haneke-Sermon hat also doch seine Spuren hinterlassen. Die Gewalt erweckt auch nicht den Anschein, dass sie eine Summe von zufälligen Handlungen wäre. Die Anspielungen auf amerikanisches Leben verlegen die Ausbrüche auf einer weiteren Ebene auf das nationale Bewusstsein und machen damit auf die amerikanische Geschichte aufmerksam. In einer Sequenz sagt der Dorfpolizist, dass seine Kleinstadt ein ruhiger Ort voller friedliebender Mensch sei. Leider verrät er uns nicht, seit wann dies der Fall ist und wie viele Menschen dafür draufgehen mussten.

THE MAN WHO KNEW TOO MUCH - Wenn der Begriff "konstruiert" in der Filmkritikersphäre auftaucht, dann meistens negativ konnotiert. Das passiert nicht ohne Begründung, denn die Filmgeschichte ist schließlich reich an ungeschickt zusammengesponnen Taschenspielernummern, die verblüffen sollen, aber in Wirklichkeit eine armselige Figur abgeben. Doch Plots, die auf Erwartungserwartungen zurückgreifen und sich der subtilen Manipulation des Zuschauers widmen, können sehr aufregend sein und dazu einladen, sich einen Film immer wieder anzusehen, bisweilen gar in der Hoffnung, auf ein Geheimnis, eine unter dem Schein der Erzählleichtigkeit zurückgelassene Geheimformel zu stoßen. Gut konstruierte Filme sind durchaus eine Rarität, aber auf den Namen Alfred Hitchcock kann man sich diesbezüglich fast immer verlassen. In THE MAN WHO KNEW TOO MUCH verfügt die Konstruktion sogar über eine metatextuelle Potenz. Zunächst ist es die Frau (Doris Day), die nach der Ankunft in Marrakesch merkt, dass etwas nicht stimmt, dann greift auch der Mann (James Stewart) die These auf, dass man es mit einer Inszenierung zu tun haben muss. Que sera, sera. Whatever will be, will be. The future's not ours to see und so weiter. Selbst wenn man den THE MAN WHO KNEW TOO MUCH bereits fünf Mal gesehen hat und weiß, was die Zukunft für die handelnden Figuren bringt, zeigt man doch beim Anschauen beider Szenen, in denen Doris Day den Song trällert, eine emotionale Reaktion. Eine solche Reaktion des Zuschauers ist nicht nur ein großer Zuspruch gegenüber den Fähigkeiten des Regisseurs, sondern oft die Summe einer tadellosen Plotkonstruktion.

Die Preisverleihung:

Ehrenpreis für ein unterschätztes Meisterstück: 
LIFEFORCE


Bester Film: 
A HISTORY OF VIOLENCE


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