KKKK 90: From Dusk Till Dawn (1996) & Misery (1990)

KKKK 90

KultKanonKlassikerKritikerliebling 

In der Reihe KKKK 90 befasse ich mich mit in den 90ern erschienenen us-amerikanischen Produktionen, die Rang und Namen haben. Einige habe ich schon seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, manche noch gar nicht. Und dann gibt es ja auch noch die, die man am liebsten eigentlich gar nicht sehen möchte. Diese Neunziger sollen ein komisches Jahrzehnt sein und, glaubt man der Masse der Cineasten, sogar angeblich das schlechteste, nicht zuletzt aufgrund der Ideenlosigkeit des US-Kinos, den schlecht gealterten Effekten, den pseudoschlauen Augenzwinkereien etc.

FROM DUSK TILL DAWN
Robert Rodriguez, 1996

Die gefürchteten und von den Gesetzeshütern verfolgten Gecko-Brüder entführen eine Familie, um mit deren Wohnmobil über die mexikanische Grenze zu gelangen. In Mexiko machen sie in einer ziemlich verrückten Bar halt - und dann wird alles anders und vor allem nicht so, wie es die Brüder sich vorgestellt haben.

Der Antwort auf die Frage, warum der eigentlich mit einem interessanten Gesicht ausgestattete Quentin Tarantino auf größere Sprechrollen verzichtet, lässt sich wohl in keinem anderen Werk so sehr nachspüren wie in FROM DUSK TILL DAWN. In stinkigen Low-Budget-Gefilden würde sein Schauspiel wahrscheinlich nicht einmal groß auffallen, doch in einem Edel-Exploitationer, der mit einer hochkarätigen Besetzung aufwartet, tut man sich schwer mit Tarantinos staksiger Interpretation einer tickenden Zeitbombe namens Richard Gecko. Ob er nicht sogar ein Gewinn für die Stimmung des Films ist, weil in seinem Auftreten eine beiläufige und höchst wahrscheinlich nicht intendierte B-Movie-Unvollkommenheit reproduziert wird, die das Projekt mit einer gewissen Kredibilität hinsichtlich seiner Vorbilder ausstattet, darüber lässt sich dennoch streiten. Kein Talent aufzuweisen, bedeutet eben noch lange nicht zwingend, dass man nicht im Stande ist, vollwertige Kunst zu schaffen. Wie bereits erwähnt, hat der Herr mit dem ausgeprägten Kinn es auch nicht leicht, wenn man sich den Cast anschaut, in dem vor allem Harvey Keitel und George Clooney in jeder Einstellung brillieren. Harvey Keitels Raum besetzende Ruhe, mit welcher er den an Gott zweifelnden Vater spielt, muss sich nicht vor seinen Großtaten in Filmen wie BAD LIEUTENANT (1992) oder THE DUELLISTS (1979) verstecken und für George Clooney stellte 1996 ja ohnehin das Jahr seines Durchbruchs dar, schließlich lernten ihn die Kinozuschauer auch in der Komödie ONE FINE DAY (TAGE WIE DIESER ...) an der Seite von Michelle Pfeiffer kennen. Doch der gute Ruf von FROM DUSK TILL DAWN statuiert sich bekanntlich nicht durch schauspielerische Besonderheiten, sondern erzählerische. Füllte man die erste Stunde noch mit Roadmovie- und Thrillermotiven, angereichert mit gut geschriebenen Dialogen und Tarantino-typischer Erwartungsdramatik, hobelt der zweite Teil ordentlich drauf los und serviert zittrige Vampiraction en masse. Als hätten sich die Figuren in einen anderen Film verirrt. Viele Zuschauer merken den plötzlichen Einschnitt an, die Schnelligkeit des Wechsels, das Fehlen einer Vorbereitung. Wenn man genau darauf achtet und den Film zum zweiten Mal schaut, stellt man jedoch fest, dass mit dem ersten Bild vom Titty Twister und seiner Umgebung der Ton langsam umschlägt und spätestens mit der Einkehr ins Lokal der Ernst des Lebens anzufangen scheint. Von Vampiren ist da noch keine Spur, im Gegensatz zu dem rauen Umgangston der in Qualm und Alkoholfahnen gehüllten Bar, der uns auf kommende unerwartete Konflikte vorzubereiten scheint, die den Leibern der Geckobrüder gefährlich werden könnten. Dennoch: Einen solchen Stimmungswechsel zu vollführen, einen einzelnen Film als Doppelvorstellung zu denken, und sich dabei nicht dämlich anzustellen, dazu gehört neben Mut eben auch ein Maß an filmischer Kompetenz.



MISERY
Rob Reiner, 1990

Der Schriftsteller Paul Sheldon wird nach einem schweren Autounfall von der ehemaligen Krankenschwester Annie Wilkes in deren Haus gebracht. Zufällig handelt es sich bei Paul um den Autor ihrer Lieblingsromanreihe Misery, die sich um die gleichnamige Figur dreht. Doch nachdem Annie herausfindet, dass die Hauptfigur im letzten Roman stirbt und keine Fortsetzungen mehr erscheinen werden, flippt sie aus und zwingt den von Schmerzen geplagten Paul einen neuen Band zu verfassen, in welchem er Misery wieder lebendig macht.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich den Film zum ersten Mal empfand, als ich ihn vor etwas mehr als 15 Jahren im Fernsehen sah. Da die Ausstrahlung nachts erfolgte und ich zu müde war, stellte ich den Timer zum Aufnehmen ein, um den Thriller am nächsten Tag in sauberem geistigen Zustand zu bewundern. Er blies mich weg und ich spulte zurück, um ihn direkt noch einmal anschauen zu können. Mir gefiel schon damals die klaustrophobische Enge aus der inszenatorischen Feder Rob Reiners und das asymmetrische Kräfteverhältnis, welches in einer denkwürdigen Gewaltszene kulminiert. Ein paar Wochen vorher erwischte ich THE SILENCE OF THE LAMBS im TV, welcher sich insoweit mit MISERY verbinden lässt, als dass dieser auf eine ähnliche Weise einen Ehrfurcht gebietenden, beeindruckend geschriebenen und herausragend verkörperten Schurken enthält. Kathy Bates ist genauso ein Glücksfall für den einen Film, wie es Anthony Hopkins für den anderen ist. An Bates liebt man in ihrer ikonischen Rolle als Annie Wilkes natürlich ihr aufbrausendes Temperament und die psychotischen Anfälle, wobei sie auch nicht zu unterschätzen ist, wenn sie schleimig-anständige Höflichkeit wiedergibt, die ihrem schizophrenen Charakter eingeschrieben ist. Das Buch von Stephen King zu lesen und nicht Kathy Bates vor den Augen zu haben, stelle ich mir schwierig vor, um nicht zu sagen unmöglich. Ein weiterer Glücksfall für die Verfilmung des Bestsellers ist das Buch von William Goldman, dass mit konsequent richtigen Aussparungen und im Grunde genommen passenden Hinzudichtungen gefällt. Selbstverständlich ist Kings Vorlage eine dankbare, ließ der Romancier doch unverkennbar filmische Formen in seine Schreibe einfließen. Außerdem hantierte er unheimlich viel mit inneren Monologen, die zwar vielfältige Denkansätze enthalten und für den narrativen Kontext des Buches unverzichtbar sind, aber keineswegs in ihren einfachsten Ausformungen durch die Direktheit und Mehrschichtigkeit des Filmbildes nicht plausibel konstruiert werden können. Doch gerade wenn man bedenkt, dass der große Hype um Kings Bücher vorbei war und der Schriftsteller selbst immer weniger Bock darauf hatte, schon wieder eine fragwürdige Aneignung seiner Ideen in uninspirierten Adaptionen vorzufinden und deshalb zunächst wenig Interesse in Richtung einer Verfilmung zeigte, muss man William Goldman für seine sinnige Arbeit loben. Falsche Hände hätten auch bei dieser Vorlage unheimlich viel falsch machen können. Goldman schenkt Annie Wilkes in seinem Skript sogar einige Meter Anlauf, bevor sie keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass es um ihren psychischen Gesundheitszustand nicht gut bestellt ist. King macht das nicht, bei ihm steht schon das erste Aufeinandertreffen von Sheldon und Wilkes unter einem schlechten Stern, bei ihm wird Beatmung zur Vergewaltigung. Nachdem ich irgendwann auch den Roman abgeschlossen hatte, fasste ich sofort das Urteil, dass das Buch deutlich besser sei. Doch je mehr Gedanken ich mir über das filmische Werk MISERY machte, desto erfreuter zeigte ich mich über sein Vorhandensein. Dass Rob Reiner vor dem Dreh sich etliche Hitchcock-Klassiker reinpfiff, kann man geradezu greifen. Trotz Abmilderungen und Einsparungen an Deutungslinien kriegen es die Beteiligten hin, einen dichten und in seinen besten Augenblicken zusammendrückenden Psychothriller zu erschaffen, der tradierte Geschlechterrollen auf den Kopf stellt und in einer zugespitzten Form das Dasein eines kommerziellen Kunst- bzw. Unterhaltungschaffenden als Gefangenschaft interpretiert. Insbesondere das Thema der künstlerischen Unabhängigkeit erreichte in den letzten 20 Jahren, also vor allem nach Erscheinen des Romans respektive des Films, eine immer größere Brisanz. Die Annie Wilkes von heute tummeln sich in sozialen und weniger sozialen Netzwerken herum, nicht bloß um Menschen vor oder hinter der Kamera des Verrats an dem Geist irgendwelcher Comics zu bezichtigen, sondern ihnen auch Schreckliches zu wünschen. Es gibt Menschen, die schrecken vor Hetze, Beleidigungen sowie Morddrohungen nicht zurück, weil sie etwa den fiktionalen Tod einer fiktionalen Figur nicht verkraften. Sie machen deshalb Druck auf Schöpfer und pochen auf ihre Involviertheit. Sie wollen am liebsten bestimmen, was sein muss und was auf keinen Fall sein darf. Annie Wilkes ist also noch lange nicht tot. So wie am Ende des Films, in dem sie den Schriftsteller noch in seiner Fantasie weiterverfolgt.

0 Kommentare:

Kommentar posten