KKKK 90: The Sixth Sense (1999) & Street Fighter (1994)

KKKK 90

KultKanonKlassikerKritikerliebling 

In der Reihe KKKK 90 befasse ich mich mit in den 90ern erschienenen us-amerikanischen Produktionen, die Rang und Namen haben. Einige habe ich schon seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, manche noch gar nicht. Und dann gibt es ja auch noch die, die man am liebsten eigentlich gar nicht sehen möchte. Diese Neunziger sollen ein komisches Jahrzehnt sein und, glaubt man der Masse der Cineasten, sogar angeblich das schlechteste, nicht zuletzt aufgrund der Ideenlosigkeit des US-Kinos, den schlecht gealterten Effekten, den pseudoschlauen Augenzwinkereien etc.

THE SIXTH SENSE
M. Night Shyamalan, 1999

Kinderpsychologe Dr. Malcolm Crowe wird eines Abends, als er mit seiner Frau eine Auszeichnung feiert, von einem ehemaligen Patienten angeschossen, der behauptet, dass Dr. Crowe nicht genug für ihn getan habe und seine Probleme nicht habe lösen können. Ein Jahr später kümmert sich Dr. Crowe um den Einzelgänger Grey, welcher mit seiner alleinerziehenden Mutter lebt und Angstzustände hat. Eines Tages erzählt ihm Grey, dass er tote Menschen sehen kann.

Der Film, auf dem sich der Ruhm von M. Night Shyamalan gründet. Nach THE SIXTH SENSE wurden Erwartungen groß und die Ernüchterung danach noch größer. Bis heute ist der Name des Filmemachers ständig im Gespräch, wodurch seine Projekte stets Aufmerksamkeit erfahren, auch wenn der überwiegende Teil meint, dass THE SIXTH SENSE sein mit Abstand überzeugendster Film sei und er schon sehr viele Gurken abgeliefert habe. Nur an den Rändern der Rezeption macht sich auch euphorisierter Lob breit, freilich nicht auf das Gesamtwerk beziehend. Leider habe ich so gut wie nichts anderes von dem Typen gesehen, und wenn dann vor viel zu langer Zeit, weshalb mir nichts anderes übrig bleibt, als zu diesem Konsens zu schweigen und seine Reputation erst mal so hinzunehmen. Der mit Bruce Willis und Haley Joel Osment in den tragenden Rollen besetzte Film gehörte jedenfalls zu jenen Werken, die ich vor etwa einem Jahrzehnt als formvollendet und herausragend ansah. Auch wenn ein gleiches Urteil nicht mehr gefällt werden kann, scheint mir Shyamalans Erstling weiterhin von atmosphärischer Dichte, inszenatorischer Finesse und schauspielerischer Klasse durchdrungen zu sein. Der in einen Eimer herbstlicher Farben gefallene Film gefällt mit einem mäßigen Tempo, welches Zeit zum Reflektieren, Intellektualisieren und Einfühlen lässt. Selbst für sein Erscheinungsjahr kommt er angenehm schleppend vorwärts und den Großteil der Spielzeit sensationslos über, sodass man annehmen muss, dass er mit seiner nüchternen Beobachtung des Kontakts zwischen einem Kinderpsychologen und seinem Patienten heute nur schwer einen Verleih davon überzeugen könnte, den Film massenhaft ins Kino zu bringen. Der Twist von THE SIXTH SENSE wird nicht selten als Gimmick und Zaubertrick missverstanden, obwohl er den Charakter von Bruce Willis um eine tragische Dimension reicher macht und auch in visueller Hinsicht eine markante Note birgt. Er unterscheidet sich zu einem THE USUAL SUSPECTS beim Höhepunkt des unzuverlässigen Erzählens darin, dass der Protagonist keinen Wissensvorsprung besitzt, also genauso nicht im Bilde über die Wahrheit ist wie wir auch. Diese Art, alles auf den Kopf zu stellen, die M. Night Shyamalan hier einsetzt, halte ich gegenüber der Coolness-Variante meistens für überlegen, weil es dem Charakter eine Verletzlichkeit abringt, die bei erneuter Sichtung zwar keine Schock- oder Überwältigungswirkung mehr auslöst, aber ihren Empathiegehalt nicht einbüßt. Wenn man als Zuschauer dem Kniff nicht vor der Auflösung auf die Schliche kommt, findet sogar eine Gleichzeitigkeit von Erfahrungen statt, was unheimlich befriedigend sein kann. Aus diesen und weiteren Gründen ist THE SIXTH SENSE mehr als nur ein Geisterfilm und sein Twist weit mehr als nur Hokuspokus.



STREET FIGHTER
(Street Fighter - Die entscheidende Schlacht)
Steven E. de Souza, 1994

In Ostasien dreht General Bison kräftig am Rad und will die Weltherrschaft. 20 Milliarden US-Dollar fordert er im Austausch für über 60 Mitarbeiter der Alliierten Nationen. Colonel Guile kann dem Treiben nicht länger zusehen und plant eine Rettungsaktion.

What were they thinking? Was haben sich der Regisseur, der Cast und vor allem das japanische Spieleentwicklerhaus Capcom hierbei gedacht? Die Übersetzung eines 2D-Beat'em Ups auf die Kinoleinwand hat sich die Spielergemeinde sicherlich nicht als Militär-Actioner vorgestellt, in dem in der ersten Stunde jede Gelegenheit, einen Kampf zu sehen, durch das Drehbuch auf eine Weise torpediert wird, dass man kaum mehr von Zufall sprechen kann, sondern von einem böswilligen Eingriff, durch den sich Fans der Videospielreihe durchaus zurecht verprellt fühlen durften. Waren Kampfchoreografien nur Belastung, der man sich nicht aussetzen wollte? Oder zeichneten sich die 90er Jahre generell auch durch Aussparungen von Faust-und-Bein-Keilereien aus, weil BLOODSPORT und KARATE KID schon als popkulturelle Relikte galten, denen nicht nachzueifern lohnte? Bekommt man hier und dort mit, über was sich Liebhaber von Comicverfilmungen heute manchmal aufregen, kann man sich den Shitstorm, der in einem vernetzten und Videospiel-bewussteren Zeitalter auf STREET FIGHTER einprasseln würde, ziemlich gut vorstellen. Doch Mitte der Neunziger hatte man mit Videospielen gewissermaßen Narrenfreiheit, allein weil das Medium mit Kindern, Pubertierenden sowie pickligen Nerds assoziiert wurde und weil die Vorlagen, auf die diese Filme fußten, storytechnisch fast nichts zu bieten hatten. Es musste also hinzugedichtet werden, dass die Schreibmaschine nur so kochte, was etwa im Falle von STREET FIGHTER einer Dekonstruktion gleicht. Dass die beiden beliebtesten männlichen Charaktere Ken und Ryu hier zu zwei minderintelligent-tollpatschigen Waffenschiebern degradiert wurden, ist eigentlich eine Angelegenheit, die Autor Steven E. de Souza nur Gott verzeihen kann. Der Mann schrieb die Bücher zu Box-Office-Erfolgen wie DIE HARD oder COMMANDO und führte bei STREET FIGHTER das erste und einzige Mal Regie. Schon vor der Startlinie, beim Schreiben des Drehbuchs, war es für ihn mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen, die im wahrsten Sinne des Wortes zweidimensionalen Charaktere, welche sich eigentlich nur durch Kleidung und individuelle Kampftechniken auszeichnen, mit Leben zu füllen. Hinzu gesellte sich die Schwierigkeit, dass Capcom darauf bestand, alle Figuren des Spiels STREET FIGHTER II im fertigen Film vertreten zu sehen. Den Produktionsbedingungen und dem frühen Umgang mit Games müsste daher zum Teil die Schuld gegeben werden, dass der Film um einen diabolischen Machtmenschen und seinen Plan, der globalen Alleinherrschaft mit allen erdenklichen Mitteln Gültigkeit zu verschaffen, stets auf der Schwelle zur geschlossenen Anstalt steht. Doch dieser Tunichtgut von Film salutiert nicht nur vor dem Wahnsinn, sondern auch vor General Bison, der unvergesslich, weil unheimlich verführerisch, von Raúl Juliá verkörpert wird. Er liefert nicht weniger als eine groteske Jahrhundert-Performance ab, die sich nicht entscheiden kann, ob ihre kontextuelle Heimat in einer klischeehaften Schultheateraufführung oder einer in den tiefen Schichten menschlicher Psyche verirrten Charakterstudie liegt. Der Legende nach soll sich Herr Juliá zur Vorbereitung und Einstimmung auf seine Rolle Videos von Hitler und Mussolini angeschaut haben. Das entschuldigt natürlich nichts, aber es erklärt alles. Aber während Raúl Juliá es schafft, den Streifen an sich zu reißen, bleibt der Belgier Van Damme, zu dieser Zeit auf dem wirtschaftlichen Höhepunkt seines Schaffens, der wieder einmal einen Vollblutamerikaner mimen darf, auffallend blass. Das liegt selbstverständlich auch daran, dass ihm das Skript kaum Gelegenheiten gibt, seinen Widersachern die Fresse zu polieren. Doch was beide Darsteller eint, ist die tiefe Empfindung, ihrer Rolle gerecht zu werden und jedem Augenblick einen Atem einzuhauchen, schwimme er noch so sehr in Trivialitätssoße. Der in Thailand und Australien gedrehte STREET FIGHTER ist ohne Zweifel misslungenes Kino, das die Hand aufhielt, um Geld von nichts ahnenden Teenagern und Konsorten zu bekommen. Gleichzeitig scheint mir der Streifen aber auch ein Faszinosum zu sein, weil er laufend gegen den Takt spielt und damit auf kuriose Art und Weise Sehgewohnheiten vor Herausforderungen stellt. Ideologische Irritationen beheimatet er übrigens ebenfalls. Da ist auf der einen Seite ein deutliches antifaschistisches Anliegen, auf der anderen Seite erliegt er aber den narzisstischen Selbstentwürfen und globalen Visionen Bisons, was nicht zuletzt an der erwähnten Vorstellung von Juliá liegt, der alles und jeden an die Wand spielt. Regisseur De Souza hätte sich in ein gemachtes Martial-Arts-Nest setzen können, doch er wählte einen umständlichen Genremix, dessen Konfusionen zumindest einer begrenzten Wertschätzung meinerseits sicher sein können. Indonesische Prügel-Interpretationen wie THE RAID und THE NIGHT COMES FOR US stellen indes eine abgefuckte Antithese dar. Wo STREET FIGHTER sich das Gros der Kämpfe für den Schlussteil aufhebt und sich ansonsten im Ausweichmodus befindet, lassen Iko Uwais & Co. keine Gelegenheit aus, zu prügeln und sich verprügeln zu lassen.

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