Montag, 16. September 2013

Sullivans Reisen

Sullivans Reisen (Sullivan's Travels)



USA, 1941
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Preston Sturges
Darsteller: Joel McCrea, Veronica Lake

John L. Sullivan ist ein erfolgreicher Hollywood-Regisseur von Komödien. Er möchte jedoch mit seinem nächsten Projekt in eine andere Richtung gehen und einen sozialkritischen Film mit dem Titel "O Brother, where art thou?" machen. Doch zuerst möchte er wissen, wie der Alltag und die soziale Realität der ärmsten Menschen des Landes wirklich aussehen bzw. wie es sich anfühlt, nichts zu besitzen. Dafür schlüpft er in alte Klamotten, nimmt noch zehn Cent mit und zieht los, um am Leben der Habenichtse teilzunehmen.

Verneigung vor der Komödie

Kommentar: SULLIVANS REISEN, das ist vollumfängliche Verpflegung für die Lachmuskeln und den Intellekt. Es ist eine scharfe, aber genauso auch spaßige Satire, die sich das Hollywoodgewerbe, die sozialen Unterschiede als auch die Relevanz der Komödie vornimmt. Mit ihrem O BROTHER, WHERE ART THOU? bezogen sich die Coen-Brüder 2000 übrigens auf diesen Film und dessen MacGuffin: so heißt auch der Arbeitstitel des Streifens, den Protagonist John Sullivan, ein bekannter Regisseur für Komödien, zu drehen gedenkt. Worüber sich jedoch seine Studiobosse wundern, ist die thematische Ausrichtung seines neuen Projekts, denn anstatt bei den Zuschauern weiter mit fröhlichem Humor punkten zu wollen, möchte er das Elend der Ärmsten auf die Leinwand projizieren. Da er keine Ahnung hat, wie die Habenichtse leben, möchte er sich ein unverfälschtes Bild davon machen. Deshalb zieht er, ungeachtet der Bedenken seiner Chefs im Studio, einfach mit zehn Cent in der Tasche los, in der Hoffnung, sich wertvolle Inspirationen für seinen Film zu holen. Wer die vorherigen drei Werke von Sturges gesehen hat, der wird wissen, dass die Naivität der Hauptfigur natürlich irgendwann im Verlauf der Geschichte bestraft wird. Hier ist es so, dass die vertikale Reise nach unten ihren Erkundungsgeist sowie ihr Safari-Tour-Ambiente verliert und eine dramatische und heikle Entwicklung nimmt, sodass die Hauptfigur tatsächlich noch entdeckt, was Elend als Erfahrung denn überhaupt bedeutet.

Überaus erquicklich zeigt sich im gesamten Film die Mischung aus Slapstick- und Dialoghumor, die an dem eigentlich ernsten Ideenbau von Sullivan zerrt und seinen Trip auch merklich unterwandert, wenngleich natürlich nur wir dies als Außenstehende mitbekommen, weil wir uns totlachen. Screwball-artige Gefechte, konfuse Erlebnisse und satirisch-komische Entblößungen des Selbstverständnisses des Hollywoodapparats und seiner Regeln führen die Aberwitzigkeit des sozialen Experiments vor, das nach und nach ohnehin aus dem Fokus verschwindet. Das Sahnehäubchen dieses klugen Films stellt aber wohl die Verneigung vor der Komödie dar, die zur wichtigen Unterhaltungsform für die Gesellschaft erklärt wird und hiermit ein sehr ehrliches wie auch höchst adäquates Plädoyer bekommt, welches noch obendrein - als wäre das nicht schon genug - von einem der besten der Zunft formuliert wurde. Damit hat sich Preston Sturges ein Denkmal gesetzt.

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