Gisaengchung (2019)


GISAENGCHUNG
(Parasite)
Regisseur: Bong Joon-ho
Südkorea 2019

Parasiten wie wir

Nach ASCHE IST REINES WEISS und BURNING nun der nächste große ostasiatische Hit in kurzer Zeit, den Kenner der Materie zu den großen cineastischen Juwelen des 21. Jahrhunderts zählen. Die Prämisse ist denkbar einfach: Eine vierköpfige arbeitslose Familie aus einem Armenviertel - bestehend aus Vater, Mutter, Tochter, Sohn - nistet sich schrittweise bei einer vierköpfigen wohlhabenden und vornehmen Familie ein, indem sie ihre Arbeitskraft und ihre erdichteten Lebensläufe anbietet. Dabei bekommen wir es mit unverkrampfter Hochstaplerei sowie dreistester Bekämpfung der Konkurrenz auf der einen Seite und sorgenloser Naivität auf der anderen Seite zu tun. Parasitär verhalten sich selbstredend beide Parteien und die große Irritation entsteht durch die Selbstverständlichkeit bezüglich der Ausnutzung von Ressourcen. Wir fiebern dennoch mit den Hauptfiguren mit, der Familie, die in einer kleinen Kellerwohnung lebt und es nicht einmal auf die Reihe bekommt, Pizzakartons ordentlich zusammenzufalten. Die eigentlich untragbaren Umstände werden nicht näher erklärt, die familiäre Historie nicht vor uns ausgebreitet. Der Film weiß: In einem System der Ungleichverteilung ist die Messung von Schuld schwierig und deshalb versucht er auch gar nichts erst, uns über den Hintergrund zu unterrichten. Man hätte etwas Tragisches erfinden können, aber was, wenn es hinter all dem keine Tragik gibt? Bong Joon-ho verzichtet hierbei gekonnt auf Privatismus und starrt vergnügt in die systemischen Abgründe. Vergnügt, weil PARASITE zunächst als bissige Satire beginnt. Doch nach und nach schmerzt, was wir erleben müssen. Der Film lässt unsere moralische Kompassnadel verrückt spielen, einen heimlichen Seitenwechsel provozieren oder gar Mitleid mit der wohlhabenden Sippe haben. Man möchte am liebsten in das filmische Geschehen hineinspazieren und die Figuren fragen: Was tut ihr da eigentlich? Nun ist es nicht so, dass es keine Filme über die Auswüchse des Kapitalismus gäbe. Doch diese vereint oft die Perpetuierung von Klassenkampfklischees, die vielmehr einem süßen Wunschgefühl entspringen, als dem Versuch, sich der Wirklichkeit anzunähern. Denn tatsächliche Klassenkämpfe, also Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen sozialen Klassen, finden selten statt. Wenn ein großer Fisch einen kleinen Fisch verschlingt, kann man wohl kaum von einem Kampf sprechen. Bong Joon-ho pinkelt deshalb auf die Klassenkampf-Mär und zeigt, dass der echte Streit im Kapitalismus sich auf den billigsten Plätzen abspielt, nämlich unter den Leuten, die über ein geringes soziales, kulturelles und wirtschaftliches Kapital verfügen. Der Regisseur nimmt speziell Bezug auf die Klassenunterschiede in Südkorea, doch mit Abstrichen lassen sich die dargestellten sozialdarwinistischen Prinzipien auf jeden technologisch fortgeschrittenen, kapitalistisch ausgerichteten Staat übertragen. Die andere Beobachtung hinsichtlich der Betrachtung der Kategorie Klasse gelingt dem Film, wenn er den Menschen ohne Kapital ihre Grenzen aufzeigt. Diese mögen den Habitus der Elite bis zu einem gewissen Grad nachahmen können, wenngleich aus dies hinterfragt wird, doch den Stallgeruch werden sie nicht los. Man sagt ja, dass der Geruchssinn der einzige unserer fünf Sinne sei, der sich nicht filtern lässt. Die olfaktorischen Realitäten werden im und vom Film dann auch zunehmend demütigender und unerträglicher formuliert, bis ein Punkt erreicht ist, an dem es wirklich nicht mehr lustig wird. PARASITE vermischt Genres, die sich innerhalb anderer Drehbücher und in schlechten Händen sehr wahrscheinlich anmaulen oder in die Haare kriegen würden. Hier gehen sie jedoch Hand in Hand, als sei es das Normalste auf der Welt. Bong Joon-ho hat schon einige Kracher realisiert und, wenn wir mal ehrlich sind, ist jeder Film des Südkoreaners lohnenswert. Doch PARASITE ist noch einmal eine ganz andere Liga.

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