Literatur: End of Watch

END OF WATCH
Stephen King

(Mind Control, 2016, Englisch)

THE SUICIDE PRINCE war der Arbeitstitel
Stephen King schreibt und schreibt und schreibt. Der Mann könnte einfach aufhören, sein Geld arbeiten lassen und nie wieder einen Buchstaben aufs Papier bringen. Das Kuriose dabei ist, dass King trotz seines hohen Alters nicht nur nicht aufhört, sondern zusätzlich noch ein atemberaubendes Tempo an den Tag legt. Fast kein Jahr vergeht, in dem nicht mindestens ein Buch von ihm erscheint. Möglicherweise ist es mit seiner Leidenschaft wie bei Vicky aus dem Film THE RED SHOES (1948) - er muss einfach schreiben. MIND CONTROL ist der dritte und letzte Teil der Mr. Mercedes Trilogie, die sich um den Detective Bill Hodges und einen zynischen Herrn namens Brady Hartsfield dreht, welche sich ein Katz-und-Maus-Spiel liefern. Der Abschlussroman vermengt Kriminalliterarisches mit übernatürlichem Horror und ist so gestaltet, dass man nicht unbedingt die Vorgänger gelesen haben muss, da King auf Vergangenes wiederholt Bezug nimmt und sogar den Prolog in der Zeitlinie des ersten Buches MR. MERCEDES ablaufen lässt. 

Im Zentrum von MIND CONTROL steht der pensionierte Detective Bill Hodges, welcher an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet und weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Doch bevor er sich unter die Erde legen lassen wird, möchte er Brady endlich endgültig außer Gefecht setzen, der sich für das Mercedes-Killer-Massaker vor einigen Jahren verantwortlich zeichnete und eigentlich in einem katatonischen Zustand im Krankenhaus liegen müsste. Doch Brady ist ein Fuchs und schaffte es mittels Telepathie, Telekinese und Körpertauschmaßnahmen eine Welle von Selbstmorden zu erzeugen, die die privaten Ermittler Hodges und seine sozial etwas eingeschränkte, aber kombinatorisch pfiffige Partnerin Holly Gibney an ihre Grenzen bringt. Denn schließlich glauben sie anfangs noch, dass Mr. Mercedes ohne Bewusstsein und hilflos im Krankenbett wie ein lebloses Stück Fleisch bloß vor sich hinsiechend existiert. Vieles muss also aufgedeckt und bewiesen werden - unter anderem die Bedeutung der rosa Fische, auf die man auf dem Bildschirm einer hoffnungslos veralteten Handheldkonsole tippen soll.

"Allmählich begriff er, was Zufriedenheit tatsächlich bedeutete: Sie war die emotionale Entsprechung einer völligen Windstille, in der man einfach dahintrieb."

Herr King beherrscht die Klaviatur der Spannung weiterhin souverän und das Aufblättern der Geschichte sowie das Spiel mit dem ständigen Perspektivwechsel, der uns schlauer macht, als die zwei Seiten, die hier gegeneinander agieren, scheint schon in sein Blut übergegangen zu sein. Man weiß oft, worauf der Schriftsteller hinaus möchte, welchen Kniff er herausholt und muss dennoch konstatieren, dass dem eine Effektivität innewohnt, die fast schon beunruhigend ist. Trotz einiger Wiederholungen und seltsamen bis unwahrscheinlichen modern-technischen Erscheinungen, die als Verbindung zwischen Täter und Opfer dienen, ist ihm eine schöne Metapher auf Bullshitgedanken gelungen, die uns in unterschiedlichen Maßen beherrschen können und von denen wir uns nicht aus der Bahn werfen lassen sollten. Da ich den anderen Romanen der Trilogie bisher ferngeblieben war und nur durch fremde Eindrücke mit ihnen vertraut bin, kann ich keine Vergleiche ziehen oder Verbindungspunkte einbeziehen. Das vorherrschende Bild ist jedoch, dass MR. MERCEDES, der erste Band,  einen literarischen Höhepunkt in der Karriere Kings darstellen soll, auch weil dieser dort seine Fertigkeiten im Kontext eines Krimis untermauerte. Was der Verlag Heyne mit dem Titel anstellte, ist jedoch höchst seltsam. Sie schafften es doch tatsächlich, den Originalnamen END OF WATCH für den deutschen Markt in MIND CONTROL umzutaufen. Das führte dann auch dazu, dass ich immer wieder die Anfangsseiten konsultieren musste, um mir noch einmal den Originaltitel einprägen zu wollen. Denn natürlich verknüpft man MIND CONTROL als englischen Begriff eines in englischer Sprache geschriebenen Buches auch automatisch mit dem unübersetzten Originaltitel. Die Idee von Heyne ist löblich, da sie eine die Thematik wiedergebende Prägnanz aufweist, aber man hätte sie unumständlich auf Deutsch übersetzen müssen.

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