KKKK 90: Falling Down (1993) & Wild at Heart (1990)

KKKK 90

KultKanonKlassikerKritikerliebling 

In der Reihe KKKK 90 befasse ich mich mit in den 90ern erschienenen us-amerikanischen Produktionen, die Rang und Namen haben. Einige habe ich schon seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, manche noch gar nicht. Und dann gibt es ja auch noch die, die man am liebsten eigentlich gar nicht sehen möchte. Diese Neunziger sollen ein komisches Jahrzehnt sein und, glaubt man der Masse der Cineasten, sogar angeblich das schlechteste, nicht zuletzt aufgrund der Ideenlosigkeit des US-Kinos, den schlecht gealterten Effekten, den pseudoschlauen Augenzwinkereien etc.

FALLING DOWN
(Falling Down - Ein ganz normaler Tag)
Joel Schumacher, 1993

Der seit Kurzem arbeitslos gewordene William Foster lässt sein Auto mitten in einem Verkehrsstau stehen und macht sich zu Fuß auf den Weg zum Haus seiner Ex-Frau und der gemeinsamen Tochter, um dem Mädchen ein Geburtstagsschenk zu überreichen. Unterwegs wird er in unterschiedliche Provokationen verwickelt, auf die er immer zorniger reagiert.

Anders als viele Menschen einen glauben lassen, ist dies kein Film, der sich einfach auf konkrete politische Implikationen und ein denkfaules Weltverständnis herunterbrechen lässt. Mag der erste Teil noch die Angry-White-Men-Schiene ohne nennenswerte Verschiebungen fahren, offenbart spätestens die zweite Hälfte mit aller Wucht den hässlichen Schrecken, der sich hinter den Ängsten und Opfernarrativen einer sich abgehängt fühlenden (weißen) Mittelschicht versteckt. Dass der Film dabei keine eindeutige Markierung besitzt, wo denn nun das Fass zum Überlaufen gebracht wird, wo also der immerhin gerechtfertigte Zorn von Douglas' Figur in irrationalen Schlamm übergeht, macht FALLING DOWN so herrlich provokant und deshalb so verdammt schwierig. Der über viele Jahre andauernde Verzicht auf eine zweite Sichtung habe ich auch meinem Desinteresse gegenüber seinen vermeintlich faschistoiden Aussagen zu verdanken, über die ich einerseits durch mein erstes Erlebnis und andererseits durch die Worte einiger Filmkritiker verschreckt wurde. Man kann dem Streifen zwar schon vorwerfen, offene Scheunentore einzulaufen und es sich in Gefühlen wie Wut, Zorn und Frust gemütlich zu machen, um es dem sogenannten durchschnittlichen Mann leicht zu machen, die Beweggründe des Protagonisten nachvollziehen zu können und mit diesem eine emotionale Gleichschaltung zu erleben. Doch dann übersieht man den gesamten Horizont des Films, der eben doch weiter reicht, als bis zu rechten Argumentationen zu den Punkten Arbeit, Familie, Rasse und Nation. Eigentlich ist FALLING DOWN gar ein Abgesang auf den amerikanischen Traum, vor allem jedoch auf den weißen amerikanischen Traum. Deshalb werden die Rückeroberungsaktionen des Raums, des Geldes oder des Körpers (also der Ex-Frau), die vom weißen Wüterich William Foster ausgehen, nach und nach weniger vom Drehbuch plausibilisiert. Der Protagonist lebt irgendwann eine irrationale bis cartooneske Frustration aus, die sich nicht mehr mit Problemoutsourcing zu einer Rechtfertigung verarbeiten lässt. Der weiße american dream ist nämlich nicht gescheitert, weil es jetzt mehr Schwarze, Latinos oder Asiaten im Land gibt, das Familienrecht zu Ungerechtigkeiten führen kann oder reiche Golfer sich das Recht herausnehmen, viel zu große Grundstücke für ihren Sport zu kaufen. Der weiße Traum ist vielmehr eine komplett kapitalistische Farce und William Foster eben ein Produkt davon. Ein Produkt, wie es eben auch der gephotoshopte Hamburger ist. Schumachers Werk ist insofern mutig, als dass es mit faschistoidem Gedankengut hantiert. Seine Stärke liegt jedoch darin, dass er nicht die Kontrolle verliert und insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit der Selbstviktimisierung nicht scheut. Davon, dass White-Supremacy-Gruppen den toll finden und dass FALLING DOWN der Lieblingsfilm des Attentäters in Chapel Hill (2015) war, sollte man sich übrigens nicht beirren oder unnötig erschrecken lassen. Diese Menschen müssen ganze Passagen ausgeblendet haben, um ihn ideologiegerecht schlucken zu können. Ich frage mich ohnehin, warum man an Leute, die nicht mehr alle Tassen im Schrank und vernunftwidrige Ansprüche an das Leben haben, die Deutungshoheit über künstlerische Arbeiten abgeben soll. Gerade im Fall von diesem Film wäre es besonders schade, wenn man seinen Fundus an moralischer Komplexität übersehen würde. Denn Joel Schumacher sparte nicht an geistiger Energie und trumpft, über die inhaltliche Mehrschichtigkeit hinaus, mit einer punktgenauen Inszenierung auf, die das Timing selbst noch in satirischen und ulkigen Passagen trifft. Michael Douglas spielt seine Figur natürlich mit Leib und Seele, doch profitiert sein Spiel von der galligen Atmosphäre, an der neben Schumacher noch Paul Hirsch als Editor und Andrzej Bartkowiak als Kameramann (DEATHTRAP, A STRANGER AMONG US) einen großen Anteil haben. FALLING DOWN, diesen schlauen Film über rechte Denkstrukturen, Kapitalismus und Hamburger, die auf Bildern ganz anders ausschauen als in der Realität, sollte man sich auf keinen Fall matschig reden lassen, sondern viel lieber selbst aufbrechen, um eine eigene Route zu seinem Ideenberg zu finden.



WILD AT HEART
(Wild at Heart - Die Geschichte von Sailor und Lula)
David Lynch, 1990

Sailor und Lula sind ein junges Liebespaar, welches gemeinsam ein neues Leben beginnen will. Nachdem Lula jedoch mit ihrem Schwarm von zu Hause abhaut, setzt ihre Mutter nicht bloß einen Detektiv auf sie an, sondern auch noch den Gangster Marcello Santos, welcher sich um Sailor kümmern soll.

Der verständlichste, dem Konsumenten zugeneigteste und geschmeidigste von allen typischen Lynch-Filmen ab BLUE VELVET. Dennoch beinhaltet auch er genug Spuren des Regisseurs, um eine eindeutige Signatur zu tragen. Surrealistische Szenen; Nebencharaktere, die unsere Protagonisten bzw. unsere Protagonistinnen wie langweilige Normalos erscheinen lassen; Close-ups oder Wände, die das Wichtigste verbergen und die dem Zuschauer mysteriöse Figuren anpreisen; und natürlich eine ungute bis sinistre Stimmung, die die Ankündigung von Schwierigkeiten in sich trägt. Wie die besten Filme des eigenwilligen Regisseurs, ist auch WILD AT HEART durch und durch filmisch. Das lässt sich übrigens nicht zuallerletzt an den Nebenfiguren festmachen, die nicht bloß optische Abwechslung ins Hollywood-Einerlei bringen, sondern dabei gleich oft eine prägnante Unheimlichkeit allein durch ihr Aussehen aufweisen können. Lynch kann Menschen ins Bild setzen und nach wenigen Sekunden Gefühle provozieren, die selbst gute Schriftsteller gerade mal mit Mühe und Not und natürlich nur mit vielen Seiten Aufwand hinbekommen. Und so spielt sich auch bei WILD AT HEART Vieles auf der unbewussten Ebene ab, obwohl der Grundplot und die Motivationen wenig Uneindeutigkeit zulassen. Überraschend sind sicherlich der Gewaltgrad und der Blutgehalt, mit dem hier keck jongliert wird. Zunächst mag man auch die Notwendigkeit für derlei überbordende Gewaltspitzen nicht sehen, doch mit der Zeit nimmt das Verständnis für den Film zu, der mit expliziten Bildern nur unterstreichen will, in welcher Kackwelt unser Liebespaar lebt. Dieses düst mit dem Auto durch den Süden, bumst in jederm Hotelzimmer, welches seine Pforten für sie öffnet, und hat zwielichtige Gestalten im Nacken, von deren Existenz es vielleicht nur ahnt, aber nichts weiß. Ein wilder Film, ein Fiebertraum, ein THE WIZARD OF OZ auf Rock 'n' Roll. Immerzu am Schmelzen, weil das Feuer der Hölle und der Liebe viel zu stark ist. Sailor und Lula sind dabei weniger realistische Figuren als Pop-Mythen, die denn Sinn nach Freiheit und die Suche nach einem besseren Heim auszudrücken versuchen. WILD AT HEART ist amerikanische Mythologie und in keinem Element wird dieser Gedanke so gut widergespiegelt wie in Sailors obercooler Schlangenlederjacke, die er als Zeichen für Individualität und den Glauben an persönliche Freiheit verstanden haben will. Lynch hat mit diesem Film etwas irreparabel Symbolisches geschaffen und so werden selbst seine zwei Hauptfiguren zu Zeichen in einem System. Wer mit dieser Herangehensweise ein Problem hat, wird den Streifen verfluchen. So wie Roger Ebert etwa, der sich nach der Premiere in Cannes entsetzt zeigte und am Ende des Wettbewerbs nicht verstehen konnte, warum die Jury diesem Film den Hauptpreis verlieh. Auch wenn das Verständnis für WILD AT HEART mit den Jahren gewachsen ist, hat es eine komplette Verwerfung der alten Kritikpunkte weder seitens der Kritiker noch des Publikums gegeben. Für mich aber ist er so etwas wie der SHOWGIRLS in Lynchs Œuvre. Tonal nicht immer standfest, absichtlich oberflächlich, manchmal gar widersprüchlich, chaotisch und auf keinen Fall eine Stimmigkeit (wie etwa MULHOLLAND DRIVE oder LOST HIGHWAY) in sich tragend - doch gerade aufgrund dieser Eigenschaften so verdammt faszinierend. Thematische und atmosphärische Überschneidungen zu Verhoevens Nummer, die natürlich zum Releasezeitpunkt noch um einiges verhasster war, gibt es übrigens ebenfalls, sodass die beiden Werke ein herrliches Double Feature abgeben dürften.

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