Kárhozat (1988)


KÁRHOZAT
(Verdammnis)
Regisseur: Béla Tarr
Ungarn 1988

Der Köter

Tarrs beeindruckende Schwarz-Weiß-Fotografie ist stets ein Fest für cinephile Träumer. Für alle, die an die Poesie von Kinobildern glauben, welche nicht geräuschlos an uns vorbeigehen, mögen sie auch noch so ruhig sein. In KÁRHOZAT lebt die Gemeinschaft eines kleinen sowjetischen Städtchens vor sich hin und feiert zu feierlichen Klängen in der Bar Titanik. Ständig regnet es, Tausende von Tropfen, die scharf auf dem Asphalt landen. Immer wieder laufen Hunde auf den Gehwegen, die auf der Suche nach Nahrung sind. Oder menschlicher Zuneigung. Gern auch vor der Titanik, dessen Fenster hell beleuchtet sind und wo Menschen Menschen kennenlernen oder Pläne schmieden. So wie der Barkeeper, der Karrer einen Job anbietet, bei dem es um Schmuggeln von Ware geht. Karrer ist die hoffnungslose Hauptfigur dieses desillusionierten Panoramas, das uns eine Stadt im Verfall zeigt. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass von allen Bewohnern dieser Karrer bereits die aufregendste Persönlichkeit darstellt. Schließlich ist er in eine Sängerin verliebt, die bereits vergeben ist. Peinlich bittet er vor ihrer Wohnung um Einlass, aber sie lässt ihn abblitzen. Irgendwie muss ihr Lover doch aus dem Weg zu schaffen sein? Eine Dreiecksgeschichte bahnt sich an, ein Klassiker filmischer Narration und fast ein Versprechen von dramatischen Wendungen und Geheul. Selbstverständlich fasst der Ungare Tarr seine Geschichte allerdings anders an, als es Produkte tun, die sich in der unerbittlichen Zange des Marktes befinden. Sein Film bleibt in der pechschwarzen Tristesse kleben, die alle Gesichter so grausam schal macht. KÁRHOZAT ist zuvorderst trockenster Existenzialismus, dem gar nicht daran gelegen sein kann, an Langeweile und Monotonie Zierrat anzubringen. Dementsprechend zeugt jede Faser des Films von einer Welt, die aus kläglichen Aussichten, stumpfen Zerstreuungen und müden Gesprächen besteht. Immerhin sorgt ein zutiefst subtiler, sehr undurchsichtiger Humor dafür, dass man nicht das Gefühl hat, das Funktionieren dieser Welt komplett verstanden zu haben. VERDAMMNIS (deutscher Titel) ist ein Arthouse Noir, der uns einen Protagonisten zeigt, der immer mehr den moralischen Boden unter seinen Füßen verliert. Der vom Selbstmord seiner Ehefrau so mechanisch erzählt, als lese er die Packungsbeilage eines Arzneimittels vor. Mit gemischten Gefühlen, irgendwo zwischen Ekel und Faszination, schaut man dann seinem Blick in den Abgrund zu. Seinem Blick in die Augen eines Köters. Seinem Blick in sich selbst.

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