Montag, 1. Oktober 2012

Wir Wunderkinder

Wir Wunderkinder



Deutschland, 1958
Genre: Drama
Regisseur: Kurt Hoffmann
Sprecher: Johanna von Koczian, Hansjörg Felmy

Bevor Hans Boeckel 1939 an die Front muss, macht er so einige Sachen durch. Zum Beispiel verliert unter dem Nationalsozialismus seine Stellung als Journalist in einer Redaktion, da er kein Mitglied der NSDAP ist. Des Weiteren nutzt sein alter Schulfreund Bruno Thies den Aufstieg der Nationalsozialisten, um als Parteifunktionär Karriere zu machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ändert Thies seinen Namen und kann sich im Zuge des Wirtschaftsbooms als erfolgreicher Unternehmer profilieren. Als Hans Boeckel, der wieder als Redakteur arbeitet, davon erfährt, nutzt er die Gelegenheit, Bruno Thies aufgrund seiner Vergangenheit eins auszuwischen.

Das ist das Wirtschaftswunder. Zwar gibt es Leute, die leben zwischen Dreck und Plunder, doch für die Naziknaben, die das verschuldet haben, hat unser Stadt viel Geld parat und spendet Monatsgaben.

Kommentar: Selbst ohne Blutvergießen könnte der Film von Kurt Hoffmann der blutgierigste Splatterstreifen ever sein. Weil er die Taten der Vergangenheit manisch abschlachtet, unter das Messer legt und sich an deren Innereien ergötzt, ohne sich zurückzuhalten. Er macht das nicht auf plumpe, apolitische Art, wie man das von üblichen Schlitzerfilmchen und ihren Gewaltorgien gewohnt ist, sondern hintergründig und unter dem Deckmantel einer bösen Anti-Friedefreudeeierkuchen-Satire. Mag der Film seine Grundgeschichte um den braven Redakteur Hans Boeckel schlicht halten, liefert er den qualitativen Kontrapunkt in der formalen Gestaltung. WIR WUNDERKINDER arbeitet mit einem Film-im-Film-Konzept, das mir bisher nur wenige Male so genial vorkam. Kabarettist Wolfgang Neuss und der Pianist Wolfgang Müller veranstalten auf der Bühne eine Vorführung (die Geschichte von Hans Boeckel natürlich), die sie mit gepfefferten und spöttischen Sprüchen bzw. mit passender (und manchmal bewusst unpassender) Musik begleiten. Mithilfe dieser Form verschärfen sich die satirischen Elemente um ein Vielfaches, weshalb die großen Lacher gerade an den Stellen abzuholen sind, an dem das Traumduo eingreift. Angelegt als ein Film über den Opportunismus in wie auch nach der Nazizeit, kümmert sich WIR WUNDERKINDER ebenfalls um die aktuellen Geschehnisse und reflektiert den deutschen Wirtschaftsaufschwung mit abmildernder Haltung - weil auch die Typen aus der alten Braunhemd-Fraktion daran partizipieren.

5/10

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