Mittwoch, 6. Juni 2012

Warum läuft Herr R. Amok?

Warum läuft Herr R. Amok?



Deutschland, 1970
Genre: Drama
Regisseur: Michael Fengler, Rainer Werner Fassbinder
Darsteller: Kurt Raab, Lilith Ungerer

Herr R. hat Frau und Sohn. Er arbeitet als Technischer Zeichner in einer kleinen Baufirma. Sein Sohn hat Probleme in der Schule und seine Frau scheint ihn als Mensch kaum noch zu verstehen. Eines Tages, als seine Frau sich mit einer Freundin unterhält, nimmt Herr R. einen Kerzenleuchter und schlägt beide tot. Danach geht er in das Zimmer des schlafenden Sohnes und wiederholt den brutalen Vorgang ebenfalls an seinem Kind.

Kommentar: "Warum läuft Herr R. Amok?" wird am Anfang und Ende des Films eingeblendet. Am Anfang erfüllt diese Frage ihre Funktion als Titel und Erwartungsauslöser, am Ende dagegen erscheint es als eine Art Quizfrage, die dem Zuschauer gestellt wird. Wenn man ehrlich ist, gibt das gefilmte Geschehen mehrere Interpretationsmöglichkeiten her. Das gesellschaftskritische Werk zeigt in erster Linie, wie sich Menschen voneinander isolieren und Schwierigkeiten mit der Kommunikation haben. Das trostlose und hundeelende Leben eines sogenannten Normalbürgers wird zu einem Dahinsiechen, ob im kalten und unpersönlichen Zeichenbüro oder im heimischen Wohnzimmer umgeben von belanglosen Gesprächen, denen man sich nur mithilfe eines Fernsehapparates entziehen kann. Auffällig ist, dass Herr R. sich von anderen Bürgern und Kollegen weniger als erwartet unterscheidet. Deshalb hat es beinahe den Anschein, als sei sein Amoklauf ein vernünftiger Ausweg, einer dahinsterbenden Gesellschaft zu entfliehen. Dass dieser (wohl) für immer aktuelle Film mit vielen improvisierten Dialogen auskommt, nimmt ihm nicht die Eindringlichkeit, ganz im Gegenteil. Gemischt mit vielen Nah-Einstellungen fühlt man sich mittendrin, als Beobachter und Zuschauer der Vorgänge. Dieser authentisierenden Wirkung kommen noch allerlei belanglose Situationen zugute, sodass man sich manchmal nicht nur bloß als einfacher Zuschauer in dem Film wiederfindet, sondern auch als Mensch. Eine wirklich großartige Abrechnung, die Distanz wahrt, doch auch das Miteinbeziehen beherrscht!

7/10

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