#Horrorctober 2019: Il mulino delle donne di pietra (1960)



#4
IL MULINO DELLE DONNE DI PIETRA
(Die Mühle der versteinerten Frauen)
Regisseur: Giorgio Ferroni
Italien/Frankreich 1960

 [Im Vorfeld]
Schon seit den Dreißigern war Regisseur Giorgio Ferroni aktiv, wobei er immer wieder auch das Dokumentarfeld beackerte. In den Sechzigern verlagerte er sein Interesse vollends auf Genrefilme und tobte sich in den Breitengraden des Abenteuer-, Sandalen-, Western,- und natürlich des Horrorfilms aus. DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN (deutscher Titel) erschien 1960, übrigens nur wenige Wochen nach der Premiere von Mario Bavas LA MASCHERA DEL DEMONIO, einem anderen ambitionierten Gothichorrorwerk aus Italien. In Sachen Einfluss und Anerkennung nimmt Bavas Durchbruchsfilm zwar die deutlich dominantere Position in Popkultur und Wissenschaft ein, Ferronis erste übernationale Nummer wird dennoch an vielen Stellen positiv hervorgehoben. Es wird also Zeit, sich dem anzunehmen.


[Im Geschehen]
Wohl artikulierte Gothichorrorbilder, an denen das Bewusstsein hängt, dass Optik nicht bloß schmarotzerhaft den Plot begleiten darf, sondern Stimmung erzeugen soll, also dazu da ist, aktiv der Lebendigkeit des Gezeigten zuzuarbeiten, finden sich zu Hauf in Ferronis Streifen. Das sich drehende Mühlrad, dass im Inneren der Mühle Frauenstatuen bewegt, während die Maschine krächzt und kreischt, wird schnell zum Symbol einer kultivierten Unheimlichkeit. Man sieht Figuren am Galgen, in Ketten, kurz vor ihrer Verbrennung. Dass die Statuen Besucher anziehen, die sich die bizarr-mechanische Attraktion anschauen und dafür höchst wahrscheinlich Geld blechen, verdeutlicht den Reiz dieses quitschigen Karussels, das selbstverständlich ein dunkles Geheimnis birgt. Doch zunächst ahnt unsere Hauptfigur Hans von Arnim nichts von den düsteren Absichten, die der Mühlenbesitzer Gregorius Wahl verfolgt. Der Student möchte bloß einen Bericht über das Amsterdamer Mühlrad und seinen Besitzer schreiben, der ihm rät, sich auf die Recherchearbeiten zu konzentrieren und weniger mit seiner Tochter Elfie zu quatschen. Diese lebt zurückgezogen im Haus und wird vom Vater von der Außenwelt isoliert. Es sind diese Geheimnisse der Mühle, des Professors sowie der Tochter, die einen großen Reiz kreieren. Als Vielgucker aus der heutigen Zeit wird man zwar erahnen wohin die Reise geht, doch das stört die Entfaltung nicht im Geringsten. Die psychologische Schärfe erstaunt nämlich dort, wo man sie vielleicht zunächst am wenigsten erwartet: im Beziehungsgefüge von Vater und Tochter. DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN ist nämlich nur zur Hälfte ein stimungsreicher Grusler, der Rest tritt dem Orden der Familientragödien bei. Die Schichten, die hier übereinandergelegt werden, bremsen sich jedoch nie gegenseitig aus, sondern verstehen sich als Teil eines Ganzen. Erst wenn alle Vorhänge fallen, jeder Winkel eines Geheimnisses offenbart wurde, zerbricht mit dem Mysterium ein Stück Intensität. Doch glücklicherweise waren die Drehbuchautoren Remigio Del Grosso, Ugo Liberatore sowie der Regisseur so gerissen, erst in der letzten Viertelstunde das Verschleierte aufzudecken. Bei einem Werk, das Visualität für Trumpf hält, ist aber das Ästhetische ohnehin entscheidender und hierfür sollte Ferronis Team, vom Zuständigen für die Garderobe über den Lichtsetzer bis zum Setdesigner, noch viel mehr gelobt werden. So führt jede Einstellung zu einem Augenschmaus, das sich durch die wundervollen Sets und die Kadrage ergibt.


[Im Großen und Ganzen]
Die Italiener mal wieder mit ihrem Auge für schöne Details und ihrem ästhetischen Selbstbewusstsein!  Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass der Dasteller der bekanntesten Manitou-Interpretation, Pierre Brice, die neugierige Hauptfigur Hans von Arnim mimen darf und dies auch vorzüglich bewerkstelligt. Mario Bava sollte ja später noch künstlerische Höhen erklimmen, die Ferroni verwehrt blieben. Doch im Jahr 1960 sehe ich den unverschämt oft als Handwerker abgestempelten Regisseur mit diesem Werk wirklich vorne.

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