The Patsy (1928)


THE PATSY
Regisseur: King Vidor
USA 1928

Über eine, die gesehen werden möchte

Schon in der Anfangsszene am Tisch, an dem die ganze Familie eines Sonntags speist, werden die Bindungen und Antipathien zwischen den vier Charakteren sichtbar. Die rechthaberische sowie oft missmutige Mutter (auf den Punkt kommend gespielt von Marie Dressler) zusammen mit der dunkelhaarig-betörenden selbstsüchtigen Tochter Grace und auf der anderen Seite der tollpatschige und zurückhaltende Vater, welcher mit der nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzenden Tochter Pat die egozentrischen Auswüchse der beiden anderen Familienmitglieder ertragen muss. Pat ist zu allem Überfluss auch noch in Tony verliebt, den Schwarm ihrer Schwester, die ihn als ihr Eigentum betrachtet, obwohl sie den wohlhabenden Heini namens Billy und sein Jachtboot auch ganz wunderbar findet. Der Vater spendet Pat Trost, redet ihr zu, nennt sie hübsch. Doch sie fühlt sich nicht gesehen, nicht ins Bewusstsein von Tony vorgedrungen, trotz schmachtender Blicke und dieser übergroßen Portion Eis, die sie ihm serviert. Ihre Reaktion darauf: vor dem Abwasch seinen Namen in die Seife ritzen. Nichtexistieren kann so scheiße sein! Später meißelt der Film seinen guten Ruf durch zwei gelungene Sequenzen, in denen sich die Pat verkörpernde Marion Davies mal so richtig austoben durfte und alle Fasern ihres schauspielerischen Talents sich Geltung verschaffen. Einmal erschreckt sie ihre Mutter und die Schwester damit, dass sie Kalenderweisheiten aus einem Lebensratgeber zitiert, die anfänglich noch adäquat auf Situationen zugeschnitten sind, im Laufe jedoch jeglichen Sinngehalt zum Geschehenen vermissen lassen. In einer anderen Gagnummer nimmt Pat dann das Aussehen verschiedener weiblicher Schauspiel-Celebrities ihrer Zeit an (z. B. Pola Negri) und versucht so auf naive und ulkige Art den geknickten Billy aufzumuntern, der in Embryoposition seiner Angebeteten, der Schwester von Pat, hinterhertrauert. Beiden Sequenzen ist eigen, dass sie nicht auf die Uhr schauen. Es sind ausgedehnte Minuten munteren Treibens, privatepische Ausuferungen mit einem minimalen Vorhandensein eines Begründungszusammenhangs. Außerdem stehen sie als Paradebeispiele für das im Film vorhandene Vertrauen, welches die Macher dem Dialogwitz genau so wie dem visuellen Humor in gleichem Maße entgegenbrachten.

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