NIGHT OF THE DEMON
(Der Fluch des Dämonen)
Regisseur: Jacques Tourneur
UK 1957

Der direkte Schrecken

Tourneurs erster Horrorfilm seit THE LEOPARD MAN (1943) dreht sich um den Psychologen Holden, der einem satanistischen Kult auf die Schliche kommt und glaubt, dass ein gewisser Dr. Julian Karswell nicht nur dahinter steckt, sondern auch etwas mit dem Tod des Professors Harrington zu tun hat. Der Psychologe glaubt den Ausführungen Karswells um mysteriöse Phänomene und grausame Flüche natürlich kein Wort, vertraut daher allein seinem rationalen Verstand. Doch nachdem Karswell ihm erklärt, dass er nur noch drei Tage zu Leben habe, dämmert es auch dem von wissenschaftlicher Logik überzeugten Holden langsam, dass er es mit etwas ganz und gar Übernatürlichem zu tun haben könnte. Ein spannungsgeladener wie auch narrativ stringenter Streifen, welcher ohne sensationalistische Versuche auskommt. Der Horror liegt hier darin, dass die dämonische Energie real ist und der Held der Geschichte genau diese wegzulachen und wegzurationalisieren versucht. Unter Kritikern und Fans ist man sich auch heute noch nicht einig, ob es nicht besser gewesen wäre, den Dämonen nicht zu zeigen. Regisseur Tourneur und vor allen Dingen der Drehbuchautor Charles Bennett sollen jedenfalls wohl ziemlich angepisst gewesen sein, dass sich Produzent Hal E. Chester mit der Idee durchsetzen konnte, die physische Gestalt des Wesens am Anfang und am Ende des Films auszubuchstabieren. Ich kann zwar die ganzen Plädoyers für Subtilität in diesem Fall verstehen, doch zwei entscheidende Argumente, die für die Importanz der grafischen Offenlegung sprechen, sollte man nicht unter den Teppich kehren. Erstens symbolisiert der Dämon durch seine unverdeckte Visualisierung das betonte und eben überhaupt nicht subtile Sinistre (man könnte auch ein schreiben: der Dämon symbolisiert den Tod) und zweitens sieht die Tricktechnik so gut aus, wie in kaum einem anderen Film aus der Ära. Nicht immer, aber eben manchmal ist es gar nicht so unratsam, den Schrecken auch direkt und ohne Zweifel zu erzeugen zu zeigen.
Am 19. Februar 2019 ergab sich ein spontaner Filmmarathon, mein erster dieser Art. Marathon ist eigentlich der falsche Begriff, aber ich mag ihn trotzdem. Spontan bedeutet auch, dass nichts im Vorfeld darauf ausgelegt war, fast den gesamten Tag nichts weiter zu tun, als Filme zu schauen, bis die Augen sich der rechteckigen Form des Flachbildfernsehers annäherten. Es geschah einfach. Meine bisherigen Versuche, acht oder mehr Filme innerhalb von 24 Stunden zu schauen, schlugen allesamt fehl. Was habe ich alles schon für großartige Programme zusammengestellt, teilweise gespickt mit Filmen, die sich durch möglichst viele Jahrzehnte und Genres ziehen. Was habe ich mir den Kopf zerbrochen! Den Chabrol-Thriller vor oder nach DOCTOR LITTLE 4 schauen? Ein ernsthafter Filmmarathon ist ja auch immer ein privates Filmfestival, und man selbst ist der Kurator. Trotz solcher Selbstgestaltungs- und Unabhängigkeitsromantik habe ich es nie gepackt. Mal kam die Müdigkeit dazwischen, mal war das Filmvergnügen suboptimal. Und dann gibt es ja auch noch Freunde und Familie, die die Pläne durchkreuzen können. Doch jetzt war es plötzlich ganz einfach, man hatte Bock, hatte frei und irgendwie war da diese Befindlichkeit, der anfassbaren Realität den Rücken zu kehren und sich in den Armen verschiedener Filmwelten fallen zu lassen. Nach sieben Filmen, denen ich mich quasi ohne eine Pause zu machen hingab, nur kurz von einem Zweistundenschlaf unterbrochen, musste ich dann aber auch mal raus. Leckeres italienisches Eis essen, mit zwei Freundinnen. Es war in jedem Fall schon ein hinreißendes Erlebnis nach draußen zu gehen, da man sich dabei zunächst in einem unvergleichlichen Dulliäh befand.


Wie man an der Filmauswahl sieht, ist es nicht der Tag der Filmliebhaber-Classics geworden. Eher handelt es sich um Werke neueren Datums, denen ich mich gewidmet hab. Ich habe dennoch mit den ersten sieben Filmen eine tolle Zeit erlebt, während gerade der letzte nicht die beste Wahl war.

1. BEFORE I FALL (Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie)
R: Ry Russo-Young, 2017

2. THE DARK TOWER (Der dunkle Turm)
R: Nikolaj Arcel, 2017

3. HELEN
R: Sandra Nettelbeck, 2009

4. PICNIC AT HANGING ROCK (Picknick am Valentinstag)
R: Peter Weir, 1975

5. BLUE RUIN
R: Jeremy Saulnier, 2013

6. CHÉRI (Chéri - Eine Komödie der Eitelkeiten)
R: Stephen Frears, 2009

7. I FEEL PRETTY
R: Abby Kohn & Marc Silverstein, 2018

8. AM ZIN 2 (Running Out Of Time 2)
R: Johnnie To & Law Wing-Cheung, 2001

Los ging es es gegen 0 Uhr.

BEFORE I FALL - Über diesen Film habe ich im Vorfeld nicht das Geringste gewusst und wurde schon allein durch die Prämisse überrascht, wenngleich meine geschulten Augen die Idee der Erzählform mit dem ersten Aufwachen der Protagonistin ziemlich früh entlarven konnten. Ein richtig toller Teenagerstreifen, der wichtige Fragen stellt und den Zuschauer nicht für dumm verkauft.

THE DARK TOWER - Ich erinnere mich an viele negative Kritiken, die sich der Fim gefallen lassen musste. Warum eigentlich? Der Fim mit Idris Elba und Matthew McConaughey ist stark fotografiert, bietet stringente Charakterentwicklungen und zieht auch emotional in seinen Bann. Dazu gibt es ein ums andere Mal wirkliche filmische Extravaganza zu erleben und herrliche One-Liner zu hören. Außerdem ist er doch locker einer der besten Superheldenfilme ohne faktische Superhelden.

HELEN - Ein ziemlich deprimierender Film. Die Regisseurin Sandra Nettelbeck kundschaftet alle inneren und äußeren bzw. zwischenmenschlichen Regionen einer Frau aus, die an schwerer Depression leidet. Ohne Subtilität zwar, aber man muss ihre Arbeit dafür loben, dass die Charaktere mit genug Grautönen gesegnet sind. Das fesselt.


PICNIC AT HANGING ROCK - Der einzige Film an diesem Tag, der mir nicht neu war. Viele Filme an diesem Acht-Filme-Tag besitzen eine Frau als Hauptfigur oder spielen in einem Umfeld von Frauen. Diese Regiearbeit von Peter Weir passte also wie angegossen in das eigentlich nicht vorhandene Konzept. Sie gefiel mir auch bei meiner mittlerweile dritten Sichtung außerordentlich und ich bin immer noch der Meinung, dass ich mir die plötzliche Hitze im Zimmer nicht eingebildet hab, die da von den Felsen des Hanging Rock herüberschwappte.

Es musste gegen 7 Uhr früh gewesen sein und ich ließ mich erstmal von der Müdigkeit überrollen.

BLUE RUIN - Brett. Aber das habe ich von einem Saulnier-Thriller auch erwartet, halte ich seinen HOLD THE DARK doch für pure Lyrik und THE GREEN ROOM für ein unwiderstehliches Spiel mit den Formen der Gewalt und dem Thrill. Bei diesem Film standen die Coen-Brüder in jedem Fall Pate und der Regisseur gibt sich nicht einmal die Mühe, das zu verdecken. Ich verstehe, dass man das komplett kacke finden kann oder gelangweilt dem Treiben zuschaut, aber als ich den nach einem kleinen Nickerchen eingelegt hab, riss er mich sofort mit.

CHÉRI - Kostümdramödie mit einer verführerischen Michelle Pfeiffer, die eine Kurtisane spielt. Die verschwenderische Ausstattung, die gleichzeitig auch symbolische Zuschreibungen beinhaltet, ist ein wahrer Segen und auch auf der narrativen Ebene macht der Film nicht viel verkehrt.


I FEEL PRETTY - Eine flotte (Liebes-)Komödie über die Kraft des Selbstbewusstseins. Natürlich mit üblichen Genrekonventionen gespickt und nicht ohne schmalzig-ideologische Muntermacher-Reden. Dennoch wartet der Film mit unerwartet tollem Pacing, kleineren Dekonstruktionen und irgendwie sympathischen Flausen auf. Doch der größte Clou des Regie-Duos ist es, die Wahrnehmung der Protagonistin nicht zu visualisieren und jeden Zuschauer seine eigenen Bilder kreieren zu lassen. 

Um 16.00 Uhr Eis gegessen.

AM ZIN 2 - Als großer Bewunderer von Johnnie To hat mich dieser Film kaltgelassen und ich weiß schon sehr gut, warum ich ihn seit bestimmt mehr als sieben Jahren ungesehen auf DVD rumliegen hab. Man merkt in jedem Fall, dass To diesen Katz-und-Maus-Thriller leider nicht allein inszeniert hat. Eigentlich kein würdiger Abschluss dieses grandiosen Filmtags, aber danach war ich zu schlapp, um mir noch etwas anzuschauen.

Die Gelegenheiten, weitere lange private Filmtage zu machen, lassen hoffentlich nicht lange auf sich warten. Zum Schluss noch die Preisverleihung dieser ersten Ausgabe:

Ehrenpreis für eine tolle Wiederguckerfahrung: 
PICNIC AT HANGING ROCK


Bester Film: 
BLUE RUIN







...E TU VIVRAI NEL TERRORE! L'ALDILÀ
(Die Geisterstadt der Zombies / Über dem Jenseits)
Regisseur: Lucio Fulci
Italien 1981

Eine Welt ohne Sicherheit und Stabilität

Wenn die Gorepassagen zu den geerdetsten und gütigsten Augenblicken eines Films zählen, kann man es nur mit narrativ hartem Tobak zu tun haben. Das geht in erster Linie auf die Kappe des Regisseurs und seines Weltbilds. THE BEYOND ist ein schmierig-entrücktes Manifest des reinsten Terrors und damit auch so etwas wie die ideologische Quintessenz der drei anderen Horrorfilme, die von Lucio Fulci zwischen 1979 und 1981 gedreht wurden (ZOMBIE 2, EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL und DAS HAUS AN DER FRIEDHOFSMAUER). Seine Bilder kennzeichnen sich hier durch Entfremdung von Wirklichkeit sowie Weltlichkeit aus und die Geschichte, die er darlegt, ist so surreal und nonkorformistisch erzählt, dass er einige Zuschauer auf die Geduldsprobe stellen wird. Doch diejenigen, die sich vom Fluss treiben lassen werden, können ein Zwischenreich betreten, in dem die Gesetzmäßigkeiten von Zeit und Raum aufgehoben zu sein scheinen. Deswegen kann eine Frau in einem Bild stehen und im nächsten schon wieder auf dem Boden liegen, während plötzlich Säure auf ihr Gesicht tropft und es zerstört. Eigentlich geht es nur um ein Haus, welches als eines der sieben Tore zur Hölle gilt. Eine junge Frau, die davon zunächst nichts weiß, möchte es unbedingt zu einem Hotel umfunktionieren lassen. Nach und nach wird sie in die Geheimnisse des Hauses und seiner Schrecklichkeit eingeweiht, wenngleich es zur Rettung nicht reichen wird. Fulci kreiert eine Welt ohne Sicherheit und Stabilität. Da knabbern Vogelspinnen am Gesicht eines auf den Boden gefallenen Mannes, nehmen Tote in der Wanne ein Bad und ein Hund richtet sich auch schon mal gegen sein Frauchen, weil er den Impuls verspürt, seinen Blutlust zu befriedigen. Logikbrücken werden niedergeschmettert und realistische Ansätze bereits im Keim erstickt. THE BEYOND ist ein fieses Fest sich potenzierender Absurditäten, dabei so herrlich anstandslos wie auch herrlich schön.

MIENTRAS DUERMES
(Sleep Tight)
Regisseur: Jaume Balagueró
Spanien 2011

Der gestörte Portier

Dem stets behilflichen und lächelnden Portier Cesar, der für einen Apartmentkomplex in Barcelona zuständig ist, fehlt die Fähigkeit, Glück zu empfinden und fröhlich zu sein. Er vergleicht sich mit den Blinden oder Tauben, die bereits mit ihrer Behinderung auf die Welt gekommen sind. Der psychisch gestörte Mann hält nicht viel von seiner Umwelt und hat keine Lust darauf, andere Menschen glücklich zu sehen. Die Person, die Cesar am heftigsten verstören und unglücklich machen wird, ist die attraktive Clara, unter dessen Bett er sich jede Nacht versteckt, um sie in ihrem Tiefschlaf zu betäuben und daraufhin in ihrer Wohnung umherzulaufen oder sich an ihr zu vergehen. Inhaltlich und formal von firmer Bodenständigkeit und unbeirrbarer Simplizität geprägt, braucht der Film keine Schnörkel, um die Wirkung einer guten künstlerischen Ausstattung hervorzurufen. Das Gesicht und die kleinen Änderungen in der Mimik des Schauspielers Luis Tosar (CELL 211), wenn dieser unter dem Bett seiner Zielperson liegt und vorsichtig den Spiegel herausholt, um sicherzugehen, dass sie wirklich schläft, bietet schließlich genug Kopfkino hinsichtlich verschiedener möglicher Eskalationen. Da wir die Filmwelt fast ausschließlich mit der körperlichen sowie geistigen Präsenz Cesars wahrnehmen, kann der Beobachter seine objektive Brille getrost als konfisziert ansehen. Stattdessen sollen wir uns einfühlen, mitfiebern, dabei sein. Was Balaguerós Film von uns jedoch nicht verlangt, ist Sympathie zu empfinden. Das ergibt eine widersprüchliche und manchmal irritierende Seherfahrung, bei der man trotz des Sich-Identifizieren-Müssens nie so richtig warm mit dem Protagonisten wird. Dem spanischen Thriller dies als Manko auszulegen, führt natürlich ins Leere, da sein Drehbuch es genau auf diese Ordnungsgewalt des Zuschauers abgesehen hat. Dies wird ebenfalls am Ende deutlich, wenn man plötzlich bemerkt, dass der Bösewicht doch tatsächlich unbeschadet aus der Sache herausgekommen ist und sich die Erwartung, dass er schon auffliegen und eingebuchtet werde, aus einer gedachten Zusammenhangskette ähnlich ablaufender Thriller speist. Cesar hat nicht nur seine Mitmenschen sowie die Hüter des Gesetzes manipuliert, sondern auch uns. Oder zumindest mich. Diese Entschlossenheit und dieser Mut machen aus MIENTRAS DUERMES vollends einen fiesen Ritt durch die Licht schluckende Finsternis einer ruhig-melancholischen, aber pervertierten Seele. Aber gut festhalten, bitte.
RETURN OF THE LIVING DEAD III
Regisseur: Brian Yuzna
USA 1993

Als RETURN OF THE LIVING DEAD 1985 erschien, war es noch nicht weit her mit Zombiekomödien und so brachte der Film einen neuen Kniff in dieses Subgenre. Im gleichen Jahr veröffentlichte übrigens dessen Schöpfer Romero mit DAY OF THE DEAD die brisanteste und düsterste Ausgabe seiner Zombie-Trilogie. Dan O'Bannons Film und der Streifen von Romero zeigten also zwei verschiedene Herangehensweisen an den Untoten-Mythos. Wo im ersten Teil noch eine gewisse Strenge und ein Anflug von Konsequenz in der Luft und im Plot lagen, spielte RETURN OF THE LIVING DEAD 2, 1988 erschienen, die Komödiennote so oft und dabei auch noch so falsch, dass weder Zuschauer noch Kritiker mitmachen wollten. Doch heute, wo gefühlt alles aus den Achtzigern seine kultischen Anhänger hinter sich weiß, huldigen auch diesem Werk vereinzelte Stimmen, welches selbst für das Sonntagnachmittagsglotzprogramm des Hessischen Rundfunks eine strafbare Beleidigung wäre. Aus der Misere der ersten Fortsetzung zog man sechs Jahre später jedenfalls einige Klugheiten heraus und verzichtete für den dritten Teil komplett auf die komödiantisch geschärften Spitzen.

Es beginnt wie etwa in jeder Episode von OUTER LIMITS (oder einer ähnlicher Serie) damit, dass wir binnen fünf Minuten eine phantastische Situation mit Schockwirkung zu sehen bekommen und dankenswerterweise auch gleich die Protagonisten vorgestellt werden. Das jugendliche Pärchen Curt und Julie schaffen es dank einer ID-Karte in die Militärbasis, in der auch Curts Vater seine Brötchen verdient. Sie beobachten dabei ein Experiment und was sie dann sehen, wird Ihr Bewusstsein verändern, denn hinter der vertrauten Realität lauert das Unfassbare. Hinter dem Sichtbaren verbergen sich geheimnisvolle Rätsel. Hinter dem Augenscheinlichen liegt noch eine andere Wahrheit. Und so weiter, man kennt das ja. Sie werden schließlich Zeuge, wie ein Toter mithilfe des Trioxin-Gases wieder aufersteht. Da sie schnell wieder die Flucht ergreifen wollen und müssen, entgeht ihnen ein wichtiger Teil der Szene. Der Auferstandene ist nämlich ein wilder Zombie, der am Ende für das Militär nicht zu zähmen sein und in der Versuchskammer alle Wissenschaftler töten wird. Ein paar Dialoge und Meinungsgefechte später kommt es zu einem Unfall, bei dem Julie zu Tode kommt, weil Curt sein Motorrad aufgrund der Hosenspielchen seiner Geliebten nicht mehr kontrollieren kann. Daraufhin nimmt Curt Julie zur Militärbasis mit und setzt sie dort dem Gas aus, welches sie in ein Mischwesen aus Zombie und Mensch verwandelt.

Romero hat seinen Untoten stets menschliche Züge zugeschrieben. Das ging in LAND OF THE DEAD zum Beispiel so weit, dass sich die Zombies als Solidar- und Interessengemeinschaft verstanden. RETURN OF THE LIVING DEAD III stößt da mit der Darstellung einer Liebesbeziehung zwischen einem Menschen und einem Untoten in eine ähnliche Kerbe. Dafür widmet er seine inhaltliche Energie ganz dem Schicksal von Curt und Julie und fragt sich, ob Beziehung und Zweisamkeit unter den gegebenen Umständen möglich sind. Spannend eben auch, weil der Film die mythologischen Normen unterläuft, wenn er Julie ihre Stimme, ihren Willen und ihr Gefühle sowie Triebe lässt. Die größte Veränderung seit ihrer Zombiewerdung zeigt sich jedoch nicht optisch, sondern ist ein innerer Vorgang. Der immer wiederkehrende Hunger nach Gehirn und Menschenfleisch macht ihr zu schaffen, weil sie weiterhin ein Menschwesen ist, jedoch durch die neuen Impulse ihre moralische Balance in Gefahr gerät. Weil Curt ihre Fresssucht nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann und Entfremdung ihr gegenüber verspürt, bringt ihr Tun ihn vor die Entscheidung, sich für sie oder gegen sie zu entscheiden. Ein Zombiefilm als Teen-Romanze oder eine Teen-Romanze als Zombiefilm?

Ob die Macher des dritten Teils wirklich aus wirtschaftlichem Kalkül den Comedyaspekt weggelassen haben oder ob es sich aus einem anderen Grund ergeben hat, spielt eigentlich keine Rolle. Für die Themen, die das Werk anschneidet, ist ihre Herangehensweise richtig. Doch vielen erscheint die fehlende (tonale) Nähe zum Ursprungsfilm als Mangel. An dieser Stelle hilft es jedoch, sich auch über das ästhetische Untoten-Konzept Gedanken zu machen. Schaut man sich nämlich die tollen Effektarbeiten, also das Aussehen der Zombies des ersten Teils an und vergleicht sie mit denen in diesem Film, wird einem auffallen, dass hier gleiches Blut durch die Adern fließt. Der einzige Unterschied ist bloß, dass das Handgemachte in Brian Yuznas Werk variationsreicher und mit einer noch höheren Qualität gesegnet ist. Überhaupt denke ich, dass diese flott erzählte, aber dennoch tiefgründige Zombie-Romanze die optimalste F/X-Arbeit des Subgenres aufweist. Mir ist bewusst, dass es die Komik war, welche den Film von 1985 in die Herzen begeisterter Horrorgucker schießen ließ und ihn für viele von Ähnlichem abgrenzte, dennoch sollten die ästhetischen Meriten des Originals innerhalb der Zombiefilm-Historie nicht unterschlagen werden, an die Yuzna und sein Team versuchten anzuschließen.

RETURN OF THE LIVING DEAD III liefert eine unverkrampfte Zombie-Variation ab, die man getrost als anarchisch bezeichnen kann. In diesem Sinne passt dann auch das punkige Aussehen von Zombie-Julia, exzellent gespielt von Melinda Clarke, durch welches sie allein ins Pantheon großartiger weiblicher Figuren im Horrorfilm wandern könnte. Aus der Feder des Autors John Penney stammend, spielt das Drehbuch Coming-of-Age-Elemente aus, klagt militärische Disziplinierungslogik an und erzählt, ohne philosophische Schleifen zu machen, vom Verhältnis zwischen Liebe, Leben und Tod.

LADYBIRD, LADYBIRD
Regisseur: Ken Loach
UK 1994

Denkt doch an die Kinder

Ein Film über einen überdimensionalen Behauptungswillen einer sozial Abgehängten, deren Kinder vom Sozialamt immer wieder einkassiert werden. Bis zum letzten Akt lässt Ken Loach keine Nähe zwischen den Protagonisten und seiner dezidiert linken Weltanschauung zu, doch als die Mitarbeiter vom Amt quasi direkt nach der Geburt der Frau ihr Kind entreißen, entlarvt er den Staatsapparat als hanebüchenes, gefühlskaltes Monster. Der Regisseur dokumentiert und orchestriert gleichzeitig, er wahrt zwar bis auf die beschriebene Ausnahme die Distanz, enthebt das Emotionale jedoch nie von seiner Position. Sein Sozialdrama beginnt mit dem Kennenlernen von Maggie und dem Südamerikaner Jorge, die sich in einer Karaokebar begegnen und ins Gespräch kommen. Weil sie ihm vertraut, kommt Maggie schnell sogar auf ihre Vergangenheit zu sprechen, die von physischer Gewalt geprägt ist, welche sie entweder beobachtete oder selbst erlebte. Des Weiteren zeigen Rückblenden ihre vergebliche Verteidigung des Sorgerechts und die Gründe, die dazu führten, dass ihre vier Kinder vom Amt weggenommen wurden. Maggie verliebt sich schließlich in Jorge und ist bereit für einen Reset. Doch den Traum von einer Familie bringt der Staat immer wieder zum Platzen, indem er aus Angst um das Wohl der Kinder interveniert und ihr die Babys aufgrund des Lebenslaufs einsackt. LADYBIRD, LADYBIRD macht auf ein Missverhältnis zwischen Individuum und Staat aufmerksam. Das individuelle Erleben von Hoffnung, Zuversicht und Glück gegen eine Negation des Individuums, speziell seiner Kraft, Kontinuitätslinien zu durchbrechen. Aber Maggie ist keine, die sich von der Macht der Imbalance zusammenknüllen und einschüchtern lässt, weswegen wir sie nach der Wegnahme eines Kindes ein paar Bilder später schon wieder schwanger sehen. Es wird Zuschauer geben, die sich beim Gebärtempo an Versendungsschrott wie Mitten im Leben erinnert fühlen werden, dabei soll diese Form der gestrafften Erzählung nur den Kampfgeist und ihre Hartnäckigkeit bekräftigen, wenn es ums Wollen eines würdevollen Lebens geht. Maggie taugt möglicherweise sehr selten als Sympathieträgerin, doch weder ihre oft schroffe Art sowie das aufbrausende Temperament, noch ihre sicherlich mangelnde Intelligenz und schon gar nicht ihr sozialer Status rechtfertigen die demütigende Entrechtung.

KKKK 90

KultKanonKlassikerKritikerliebling 

In der Reihe KKKK 90 befasse ich mich mit in den 90ern erschienenen us-amerikanischen Produktionen, die Rang und Namen haben. Einige habe ich schon seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, manche noch gar nicht. Und dann gibt es ja auch noch die, die man am liebsten eigentlich gar nicht sehen möchte. Diese Neunziger sollen ein komisches Jahrzehnt sein und, glaubt man der Masse der Cineasten, sogar angeblich das schlechteste, nicht zuletzt aufgrund der Ideenlosigkeit des US-Kinos, den schlecht gealterten Effekten, den pseudoschlauen Augenzwinkereien etc.

CLERKS
(Clerks - Die Ladenhüter)
Kevin Smith, 1994

An seinem freien Tag wird Dante Hicks beordert, für einen kranken Kollegen die Stellung in einem kleinen Mischwarengeschäft zu halten. Sein Arbeitstag wird sich am Ende als gar nicht mal unspannend erweisen. Er theoretisiert etwa mit seinem besten Kumpel Randal ausgiebig RETURN OF THE JEDI, spielt Hockey auf dem Dach, schaut einem Kunden beim Aussuchen der richtigen Eier zu oder findet heraus, dass seine Freundin 37 Schwänze im Mund hatte.

CLERKS wird nachgesagt, als Auffangbecken für die emotionalen Zustände und Verwirrungen einer Generation weißer Jungerwachsener zu stehen. Dabei dockt er verschiedene Subkulturen und Strömungen an, denen er nicht bloß nur kurz zulächeln will. Im Gegensatz zu reinen Kommerzprodukten, die am liebsten alle Zuschauergruppen unter ein Dach bringen würden, ist die Haltung des Regisseurs Kevin Smith von blanker Authentizität gezeichnet. Die Twentysomethings, die Stoner- bzw. Slacker, die Nerds und alle, denen die aalglatten Studioproduktionen damals auf den Sack gingen, fanden in Smiths Erstling eine Erlösung. Ästhetisch fällt der in Schwarz-Weiß gedrehte Film allerdings kaum auf, seine größten Inszenierungsposen erschöpfen sich dann auch in gelegentlichen Schwenks und einer Sequenz im Cartoonlook. Die emotionalen Zugangspunkte sind deshalb mehr in den Dialogen und Situationen zu finden, wobei man dem Schein des Realismus nicht auf den Leim gehen sollte. Denn ähnlich wie ein David Mamet legt Smith den Schauspielern gerne Sätze so in den Mund, wie sie im normalen Alltag kaum ein Mensch gebrauchen würde. Gestelztes und Realistisches finden zu einer Einheit zusammen, die durchaus in einer Linie mit anderen Werken des amerikanischen independent cinema jener Zeit steht. Selbst wenn Leute also, die sich heute in ihren zarten Zwanzigern befinden, verblüfft oder verarscht fühlend fragen, was dieser Film mit ihnen zu tun hätte - CLERKS  kann sich immerhin auf die Fahne schreiben, das alternative Kino der Neunziger ein Stück weit mitgeprägt zu haben. Mich spricht er auch nicht mehr an, aber ich akzeptiere seine Meriten.


EVENT HORIZON
(Event Horizon - Am Rande des Universums)
Paul W. S. Anderson, 1997

Ein Raumschiff wird im Jahr 2047 zu einer Rettungsmission geschickt, um sich die sieben Jahre lang verschollene und plötzlich wieder aufgetauchte Event Horizon näher anzuschauen. Dieses Raumschiff verfügte über die Technik, ein schwarzes Loch herzustellen, um astronomische Distanzen in kürzerer Zeit zurücklegen zu können. Irgendwas muss damals anscheinend schief gegangen sein. Als das Rettungsteam dort ankommt, findet es Anzeichen eines Massenmords. Das bleibt jedoch das geringste Übel, denn was schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass das Raumschiff in der Lage ist, mit der Psyche eines jeden Crewmitglieds zu spielen und es für seine Zwecke zu manipulieren.

Im späteren Verlauf bietet es sich sogar an, das Schiff als Transportmittel in die Hölle zu interpretieren. Die Bilder, die Regisseur Paul W. S. Anderson einem dafür anbietet, scheinen da deutlich an HELLRAISER angelehnt zu sein. EVENT HORIZON formuliert überdies eine Fortschrittskritik, die gar nicht so abwegig ist. Wenn der Mensch bereit ist, jeden Winkel des Universums abzumessen, um seinen Erkundungsgeist zu befriedigen, muss er nicht möglicherweise damit rechnen, irgendwann auf die Hölle zu stoßen? Den Begriff Hölle muss man dabei selbstredend nicht wörtlich nehmen. Im Kontext des Films reicht schon die Befühlung psychischer Zustände der Protagonisten, die von Visionen terrorisiert werden. Diese ernähren sich von Geheimnissen, Schuldgefühlen und Ängsten der Crewmitglieder, welche nicht stark genug sind, um sich nicht von den Erscheinungen manipulieren zu lassen. Einer von ihnen möchte sich sogar ohne Anzug in den Weltraum schießen lassen, so besessen und verzweifelt ist er. Thematisch guckte man viel von Filmen wie ALIEN, THE SHINING sowie SOLARIS ab und band diese Inspirationen in eine zum Teil drastische und stringente Ästhetik ein. Das Schiffsinnere der Event Horizon verbindet dabei wunderbare Ausstattung mit einem sinisteren Look, der ihrer auratischen Bösartigkeit visuell in die Hände spielt. Wenn man EVENT HORIZON als creepy bezeichnet, darf man nicht vergessen, dass er dabei auch wunderbar campy ist. Schon früh sahen Kritiker in dem an der Kasse gefloppten Sci-Fi-Horror einen Hochglanztrash, der sympathisch an seiner eigenen Ernsthaftigkeit scheitert. Wer weiß schon, was man für einen Film sehen würde, wenn das Studio ihn nicht um mindestens eine halbe Stunde kürzen ließe und die Rohaufnahmen nicht verschwunden wären. Der Mär, dass dadurch die Zeichnung einzelner Figuren, speziell der Charakter des überforderten Sam Neill, in einer Langfassung gelungen wäre, schenke ich keinen Glauben. Außerdem: Ich mag ihn so, wie er ist.

  • 1998
  • Squaresoft
  • gespielt auf: PlayStation

Nachdem sich die japanische RPG-Variante mit dem Release von FINAL FANTASY VII endgültig auch im Westen durchgesetzt hat, schob Squaresoft nicht etwa ein weiteres reinrassiges Rollenspiel hinterher, sondern schenkte einem Spiel Vertrauen, welches Experimentierlust zur Schau stellte. So kombinierte man in PARASITE EVE gewohnte RPG-Elemente mit der Visualität und einigen Mechaniken eines üblichen Action-Adventures jener Zeit. Aufgrund des Horrorthemas wurde natürlich schnell die Nähe zu der RESIDENT EVIL-Reihe hergestellt, obschon es eigentlich kaum sonstige Verknüpfungspunkte gibt, weshalb sich der Vergleich nur mäßig anbietet.


Die Story wird in sechs Akten erzählt, wobei jeder Akt einen Tag darstellt. Selbst für heutige Verhältnisse ist die auf einem Roman von Hideaki Sena basierende Handlung (teilweise soll das Spiel eine Art Sequel bilden) äußerst ambitioniert und wird glücklicherweise in ziemlich sinnvollen sowie einprägsamen Kapiteln erzählt. Was zunächst als rätselhafter Vorgang beginnt, entpuppt sich als glaubwürdiges Szenario einer umfassenden Veränderung der Welt und der Menschen wie wir sie kennen. Es geht dabei nicht weniger als um Evolution, Manipulation der DNA und die Kraft von Mitochondrien. Unsere Hauptfigur ist Aya Brea, eine Polizistin, die mit ihrem Date in eine Oper geht. Zu einer gewöhnlichen Abendveranstaltung kommt es jedoch nicht, da eine der Sängerinnen plötzlich Zuschauer in Flammen aufgehen lässt. Sie nennt sich fortan Eve und ist, wie man später herausfinden wird, eine evolutionär höher entwickelte Spezies. Ein Teil der Spiellust ergibt sich deshalb natürlich aus dem Verlauf des Plots, der manchesmal von FMV-Sequenzen begleitet wird, deren Sensationsfaktor sich heute nicht mehr nachvollziehen lässt. Trotzdem holte man schon einiges aus der 32-Bit-Maschine raus und streute zum Teil sehr opulente und knackige kinematografische Kurzclips in eine Geschichte ein, die ansonsten eingebettet in eine normale Gamegrafik und mittels unvertonter Dialoge erzählt wird.


Die grafisch-ästhetische Dimension hält mit der narrativen jedoch nicht stand. Die vorberechneten Hintergründe haben eine eindimensionale Wirkung und fallen häufig leider monochromatisch aus. Außerdem verwendet das Spiel oftmals die Supertotale, was befremdlich und unzeitgemäß wirkt (im Vergleich zu ähnlichen Spielen aus der Zeit). Dass dadurch die Atmosphäre dennoch nicht flöten geht, ist zu einem nicht unerheblichen Teil Yoko Shimomura zu verdanken, die einen erstklassigen Soundtrack komponiert hat, bei dem sie sich zwar auf klassische, elektronische und opernhafte Einflüsse beruft, aber doch wieder etwas komplette Eigenes erschafft. Es war sogar ihr Durchbruch, später komponierte sie unter anderem Stücke für das erfolgreiche KINGDOM HEARTS (2002) und das oft unter dem Radar laufende RADIANT HISTORIA (2010). Der größte selling point bei PARASITE EVE bleibt aber auch nach über 20 Jahren das Gameplay, welches das oft starre japanische Verständnis von einem Rollenspiel aufzubrechen wagte, um die Elemente in ein Action-Adventure zu übernehmen. Freilich sind auch hier die Gegner nicht sichtbar, sodass man zufällig nach irgendwelchen algorhithmischen Kriterien in einem Kampfmodus wechselt, doch im Gefecht selbst kann der Spieler sich frei bewegen und auf diese Weise probieren, den Attacken der Widersacher auszuweichen oder eine gute Position einzunehmen, um selbst eine Offensive zu starten. Taktisches Vermögen verlangten die Entwickler trotzdem ab und implementierten eine Active Time Bar, mit dem Ergebnis, dass der Spieler sich genau überlegen muss, welche Aktion ihn am meisten weiter bringt. Weitere Charakteristika eines Rollenspiels sind das Aufleveln des Charakters durch gewonnene Kämpfe, die Fähigkeit von Magie und eine solide Auswahl aus verschiedenen Waffen und Rüstungen (hier: Schutzwesten, Panzerwesten etc.). PARASITE EVE war schlussendlich ein innovatives Action- und Horror-RPG, das die Spielegewohnheiten unterlief und Genregrenzmarkierungen herausforderte. Die heutige Gamingindustrie strotzt heute zwar vor lauter rollenspielisierter Konzepte, damals bildete Squaresofts Perle eine Ausnahme. Eine PAL-Konvertierung des Spiels blieb aus, weshalb es mit der Popularität in Deutschland und im restlichen Europa nicht weit her ist.


SHE GODS OF SHARK REEF
Regisseur: Roger Corman
USA 1958

Haigötter auf Hawaii

Zwei kriminelle Brüder erleiden Schiffbruch und werden von einer Schar junger Hawaiianerinnen aus dem Meer gefischt und auf deren Insel gebracht. Diese wird ausschließlich von Frauen bevölkert, die von kostbaren Perlen und dem Rest der Natur zu leben scheinen. Doch der zunächst paradiesische Schein der Insel trügt, denn die Matriarchin Queen Pua möchte die beiden Männer am liebsten so schnell wie möglich loswerden. Zu allem Überfluss ist sie auch noch streng abergläubisch und schmeißt schon mal Jungfrauen aus ihrer Reihe ins Meer, damit die Haigötter nicht vergessen, für das Wohlergehen auf der Insel zu sorgen.Wer aufgrund des Plots knapp angezogene Frauen erwartet, wird nicht schlecht staunen. SHE GODS OF SHARK REEF macht sich nämlich überhaupt keine Mühe, den heterosexuellen männlichen Blick abzukassieren, lässt dafür jedoch, als würde man der Exploitation-Logik nicht schon genug widersprechen, fettfreie Männeroberkörper unaufhaltsam von der Sonne bescheinen lassen. Die Frauen dagegen haben die ganze Zeit zwar immerhin sommerliche Kleider an, doch selbst für Ausflüge ins Wasser werden diese nicht gegen Bikinis eingetauscht. Gedreht hat Corman den Film auf der ältesten hawaiianischen Insel Kaua'i, die eine prächtige malerische Kulisse für eine Geschichte über zwei moralisch ungleiche Brüder bildet. Während sich der eine in eine Inselbewohnerin verliebt und mit seinem Schwarm so schnell wie möglich von der Insel fliehen möchte, kann der andere nicht über seinen verbrecherischen Schatten springen und entwendet vor ihrem Verschwinden die Perlen der Bewohner. Letzterer legitimiert seine kriminelle Tat mit der zeitlichen Perspektive, wenn er fragt, was sie ohne Geld machen sollen, wenn ihnen die Flucht gelänge. Eine zufriedenstellende Antwort wird er nicht hören. So unsympathisch der bösere Bruder auch gezeichnet sein mag, der doppelzüngigen und bekloppt-psychopathischen Matriarchin Pua, die an irgendwelche Kackgötter im Wasser glaubt und dafür Frauen opfert, gönne ich jedenfalls keine einzige Perle. Am Ende fällt der gesetzesuntreuere Bruder ins Wasser, wo er von einem Hai gefressen wird. SHE GODS OF SHARK REEF betet moralische Schlichtheit runter, wenn eigentlich eine komplexere Konsequenz aus der dargestellten moralischen Ambivalenz angebracht worden wäre. Schauenswert ist dieser absurde Schinken, dessen Budget zweistellig sein könnte, aufgrund der optimalen Straffung Cormans, der keine Sequenz in die Länge zieht und wahrscheinlich nie etwas dagegen hatte, wenn wieder ein Teil des Films endlich im Kasten war. Nur die dichten, fast stummen fünf Anfangsminuten fallen da aus dem gewohnten Bild.
THE COUNTRY BEARS 
(Die Country Bears - Hier tobt der Bär)
Regisseur: Peter Hastings
USA 2002

Der Themenpark Country Bears Jamboree war das letzte Attraktionsprojekt, an dem Walt Disney vor seinem Tod noch beteiligt war. Die sehr beliebte Attraktion gibt es unter anderem in Disneyland zu bestaunen und ihre Hauptfiguren sind Bären, die in Form von Animatronics lustige Späße machen, besonders jedoch gern Countrymusik spielen. Auf diesem Besuchermagnet baut der vorliegende Film dann auch auf, wenngleich er sich nur lose von einigen Figuren der Bärenshow inspirieren ließ. Möglicherweise haben Beliebtheit und Rezeption der Show erst überhaupt dazu geführt, dass dieser Film gedreht werden konnte, denn eigentlich hätte jeder kommerzielle Menschenverstand das Box-Office-Versagen voraussagen können. Falls es missmutige Gemüter gab, pfiff Walt Disney jedenfalls darauf und öffnete für eine Musicalkomödie, welche von einer Countryband handelt, die aus Bären besteht, Anfang der 2000er doch tatsächlich das Portemonnaie. Heute scheinen nur noch die wenigsten von dieser Anomalie etwas zu wissen, von der man entweder wirklich noch nie etwas gehört oder sie komplett von der Erinnerungsplatte entfernt hat. THE COUNTRY BEARS gedanklich als Produkt geistiger Umnachtung einzurahmen ist nicht verkehrt, verkennt aber dessen Qualitäten, die über den Film als Ziel für Spott, Häme und Belustigung hinausgehen.

Doch man sollte sich nichts vormachen, denn selbstverständlich ist die Umsetzung und besonders der Plot in höchstem Maße päng tüdeletü. Der junge Bär Beary Barrington wurde von einer menschlichen Familie großgezogen, in deren Umgebung er sich jedoch von einem Tag auf den nächsten nicht mehr wohlzufühlen beginnt, weil ihm sein Anderssein auffällt. Von der Wahrheit fast verstört, zieht er davon, um die Country Bears aufzusuchen, eine mittlerweile nicht mehr aktive Band, die in seiner Wahrnehmung jedoch immer noch der heißeste Scheiß ist. Konsterniert stellt er fest, dass die alte Konzerthalle der Bears nicht mehr genutzt wird und in Kürze droht, dem Erdboden gleichgemacht zu werden, da ein fieser Banker es auf das Stück Land abgesehen hat. Nur noch die Beschaffung von 20. 000 Dollar würde die Beseitigung der Halle verhindern. Beary Barrington hat aber eine Idee: Er möchte die Bandmitglieder wieder vereinigen, um ein Benefizkonzert zu geben.

Der größte Überraschungsmoment setzt vielleicht nach dem Sehen des Films ein, wenn man zunächst ungläubig konstatieren muss, dass die Musicalkomödie wie im Flug vorbeigeht, zu keiner Sekunde einen Anstrengungsakt darstellt. Das beinahe perfekte Pacing und eine Menge locker hingeworfener Szenen, die an einen kurzweiligen surrealen Trip in die Abgründe der kreativen Köpfe denken lassen, die hinter dem Projekt standen, sorgen für den nötigen emotional-psychischen Draht zwischen Zuschauer und Film. Mitbringen sollte man dafür jedoch ein verhunztes Faible für groteske Zwischentöne, irritierende Interaktionen und Scheiterndes. THE COUNTRY BEARS ist eben ein ökonomisches Dead-On-Arrival-Projekt und man bekommt das Gefühl nicht aus seinem Bauch heraus, dass den Machern dieser Umstand schon irgendwie bewusst war. Trotzdem kredenzte man mit Hingabe sympathische animatronische Figuren, ließ diese über sich hinauswachsen und ein paar schmissige Countrynummern schmettern, bis auch der böse Banker rafft, dass die Bären ihn in die Tasche gesteckt haben. Der Film schielt nicht nur auf Kinderherzen, er meint sie auch. Kein kurz angebundener Erwachsenenhumor stellt sich da in die Ecke, um jemandem eine Legitimation zu verschaffen. Einzig zwei trottelige Cops leisten sich hin und wieder Gags, deren Rhythmus und Ton in den wenigsten Kindern etwas triggern wird.

Das Sujet weckt leichte Erinnerungen an Spielbergs A.I. – KÜNSTLICHE INTELLIGENZ, während einige Szenen Werke wie SPICE WORLD oder ALMOST FAMOUS reminiszieren. Besetzt ist der Live-Action-Cast unter anderem mit Daryl Mitchell, Diedrich Bader und keinem geringeren als Christopher Walken. Er darf den hinterlistigen Banker Reed Thimple mimen, der eigentlich nur Gerechtigkeit einfordert, da er anno dazumal bei einem Musikwettbewerb als Achselmusikspieler gegen die Countrybären eine Schlappe erlitt. Sein Hass und seine Abscheu sind dabei sogar so groß, dass er mehrere Modellbauten der Country Bear Hall herstellen lässt, die er genüsslich mit einem fetten Amboss zerstört, während er in Unterwäsche an seinem Schreibtisch sitzt und seine Zerstörungsfantasien sarkastisch kommentiert. Walken wusste, dass er in einem solchen Film, dazu noch in einer Nebenrolle, nicht mit der Performance seines Lebens glänzen konnte, aber er wollte es dennoch mal probieren.

IN DEN GÄNGEN
Regisseur: Thomas Stuber
Deutschland 2018

Auf dem Gabelstapler, auf der Laderampe, in den Gängen

Irgendwo in der ostdeutschen Provinz steht ein Großmarkt, dessen Gänge symmetrisch angeordnet sind. Vor langer Zeit mal wurden die Abstände vermessen, um einer geometrischen Konsistenz Rechnung zu tragen. Jetzt kommen Kunden zum Einkaufen und Angestellte zum Arbeiten. Zur letzten Sorte gehören Christian, Marion und der etwas ältere Bruno, die keine Versager im klassischen Sinne sind, aber die sich dennoch vom Leben deutlich mehr versprochen haben. Wir sehen größtenteils ihren Alltag und speziell ihre Interaktionen im Markt, der uns einerseits als Parallelkosmos und dann natürlich noch als Ersatzheimat dieser sozialen Außenseiter gezeigt wird. Flaschen einsortieren; Paletten mit dem Hubwagen fassen; ein Blick in den anderen Gang werfen; am Kaffeeautomaten Kaffee besorgen; noch haltbare Lebensmittel in die Tonne werfen, weggeworfenen Lebensmittel wieder aus der Tonne holen (wenn niemand schaut). Irgendwann die Gabelstaplerprüfung, deren Finale mit Augen betrachtet wird, als würden sie Zeuge eines spannenden Agententhrillers sein. Doch die Realität von Frischling Christian, der unseren Bezugspunkt darstellt und über dessen Wirkraum wir alle restlichen Personen kennenlernen, könnte konträrer zu einem Thriller nicht sein. Früher hat er noch Einbrüche verübt, jetzt gedeiht er in der Welt der Ordnung und ist ein Teil der Großmarkt-Oper, die mit Symmetrien sympathisiert und in steriles Licht getaucht ist. Eine strenge Komposition weist hier jedem Mitarbeiter feste Gänge sowie Routinen zu und macht vor der Teilung zwischen Männer- und Frauenarbeit keinen Halt. Glücklicherweise arbeitet Marion, in die sich Christian gleich verguckt, einen Gang weiter, in der Süßwarenabteilung. Diese ist, wie ihm Bruno vermittelt, eine typische Frauensache. Immer wieder trifft er sich mit Marion im Pausenraum vor dem Kaffeeautomaten, in dem ein großes Bild hängt, auf dem es einen Strand mit einer Palme zu bestaunen gibt. Ein ambivalenter Anblick, der nur teilweise eine positive Konnotation bezüglich des Bildes zulässt, wenn man bedenkt, dass für die Figuren ihr Großmarkt vielleicht die beste aller Welten ist. Denn da draußen herrscht Chaos.

 DOLLMAN

Ein Film mit augenscheinlich reichlich Ambitionen und dem Rückgrat, den B-Touch dennoch nie aufzugeben und das Ding einfach durchzuziehen, auch wenn manchmal Peinlichkeitsschranken passiert werden. DOLLMAN handelt von einem Cop, der vom fiktiven Planeten Arturos aus reist und auf der Erde landet, wo die Menschen deutlich größer sind. Zwar ist er mit den Erdenbewohnern verglichen nur eine Puppe, jedoch führt er die seiner Aussage nach mächtigste Feuerwaffe des Universums mit sich. Da kann er sich glücklich schätzen, schließlich er ist in der Bronx gelandet, einem Ort, an dem viel zu viele Motherfucker auf Krawall gebürstet sind. Da das Projekt wirklich für ein schlankes Geldtäschchen gedreht werden musste, gibt es beinahe auch keine Shots, in denen man einen der 'normalen' Menschen und den Dollman zusammen sieht. Vielleicht hätte dies jedoch den Trashfaktor noch zusätzlich einheizen können.

 CYBORG

Eine postapokalyptische Zukunftsvision, in welcher sämtliche zivilisatorische Errungenschaften über Bord geworfen wurden und das Gute nicht gerade im Trend liegt. Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern könnte zwar ein Mittel kreieren, welches die Seuche endlich bekämpfen würde, doch dagegen stemmt sich natürlich eine Gruppe von Outlaws, die von den unhaltbaren Zuständen profitiert. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der von vergangenen Narben gezeichnete Gibson, der der Bande heftig zusetzt. CYBORG ist ein leider irgendwann müde machender Film, der sicherlich einen netten Trivialmix der Genreideale MAD MAX und TERMINATOR aufbieten kann, aber inszenatorisch gehaltlos bleibt. Nach dem Überraschungsmegaerfolg BLOODSPORT war CYBORG erst der zweite größere Film von Jean-Claude Van Damme, der vielleicht der einzige Star in seinen Glanzjahren war, mit dem Albert Pyun zusammengearbeitet hat. Denn ansonsten traten eher schon abgehalfterte Sternchen in den Filmen des hawaiianisch-stämmigen Regisseurs auf.

NEMESIS

Im Jahr 2027 möchten sich die Cyborgs von den Menschen emanzipieren und lehnen sich deshalb gegen ihre ursprünglichen Erschaffer auf. Überhaupt ist es nicht einfach auszumachen, wer nun Mensch und Maschine in dieser Auseinandersetzung um Macht und Terrain ist. In diesem verworrenen Netz aus Lügen und Manipulationen findet sich LAPD-Mann Alex Rain wieder, der von sich selbst behauptet, immer noch ein Mensch zu sein. Jedenfalls zu 86,5 %. Albert Pyun macht aus der Prämisse dann tatsächlich das beste und kredenzt mit NEMESIS einen beinharten Pulp-Thriller mit vielen Sonnenbrillen und Schweißperlen. Freuen darf man sich jedoch nicht nur auf eine hohe Dichte an gediegenen Actionpassagen, auch meditative Einschübe im ersten Drittel gehören zum Kern des Films, der wie eine spirituelle Sinnsuche beginnt und sich in eine immens abgedrehte Zukunftsvision auffächert, welche sehr stark an die Ideen von TERMINATOR oder BLADE RUNNER erinnert. Glücklicherweise fand Regisseur Pyun Leute, die ihm bei der Finanzierung des Films kräftig geholfen haben, denn einige Effekte und Sets lassen sich locker im überdurschnittlichen Bereich ansiedeln. Im Gegenzug musste sich Albert Pyun allerdings dazu bereit erklären, dem französischen Kickboxer Olivier Gruner die Hauptrolle zu geben.

KHOMREH
(ET: The Jar)
Regisseur: Ebrahim Foruzesh
Iran 1992

Ein unschuldiger Krug 

Innerhalb der Künstlichkeit des Films spricht aus den zwischenmenschlichen Konflikten eine Politur, durch die das Alltägliche und Unbedeutende entfernt wurde. KHOMREH ist aus diesem Grund auch ein Zwitterwesen, versammelt er doch beobachtend-realistische Kamerabilder und theatralisch wirkende Textzeilen, die ständig einem Ursache-Wirkung-Kreislauf unterworfen werden, zu einem Lied über Scham, Neid, und Angst. Ferner auch über Bösartigkeiten, die oft gar nicht als Bösartigkeiten intendiert waren, jedoch durch Kontextualisierung als Teufel an der Wand erscheinen. Der Film beginnt mit einem kaputten Krug, welcher in der einzigen Schule des Dorfes steht, damit die Kinder nicht verdursten, weil sie sonst zu einem Bach laufen müssten, für den einige Minuten Wegstrecke benötigt wird. Eines Tages fängt jedoch das Wasser aus dem Steinkrug zu lecken an. Eine Neuanschaffung wäre teuer und umständlich, da die nächste Stadt viele Kilometer weiter entfernt liegt. Obwohl der Vater von Khavar solche Arten von Gefäßen reparieren kann, weigert sich dieser mit der Erklärung, er könne seinen Hauptjob nicht vernachlässigen, da er die Familie ernähren muss. Schon entbrennen in Khavar Gedanken, die anderen Kinder würden ihn hänseln, weil sein Vater kein Engagement zeigt. Darauf schwänzt der Junge sogar ein paar Stunden Schulunterricht, woraufhin ihm sein Vater vor dem Lehrer und den anderen Kindern Schläge androht. Letztlich zeigt er sich aber einsichtig und versucht den Steinkrug wieder in Ordnung zu bringen. Der Zuschauer erkennt jedoch über die Art und Weise, wie der Film diktiert ist, dass der Versuch scheitern wird und neue, vermeidbare Zwistigkeiten Einzug halten werden. Zwar spricht jede Erwachsene Person aus, dass man dem Gerede der Leute kein Gehör schenken sollte, doch alle tun es trotzdem. Die menschliche Spezies als soziales Tierwesen, welches sich nach allen Seiten umschauen muss und sich vor jeder Statusgefährdung fürchtet. Die Kamera wird das kleine Dorf, welches zentral im Land liegen soll, den ganzen Film nicht verlassen. Hier, wo Scherze zu Verleumdungen und Engagement zu Verrücktheit oder Gier stilisiert werden und ein unschuldiger Krug im Schatten eines blätterlosen Baums steht, um schon bald durch einen neuen Krug ersetzt zu werden.  
I QUATTRO DELL'APOCALISSE
(Verdammt zu leben - Verdammt zu sterben)
Regisseur: Lucio Fulci
Italien 1975

Existieren Filme aus der Hauptschaffensphase Fulcis, die ein wenig positiv und wenigestens halbwegs humanistisch sind? Immerhin geht es hier um den Mann, der uns den Brutalismus von übers Ziel hinaus schießender Männlichkeit vor Augen führte (DAS SYNDIKAT DES GRAUENS), in den apokalyptischen Wahnsinn entführte (EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL) oder uns räudigsten Nihilismus vorsetzte (WHEN ALICE BROKE THE MIRROR). Wenn man an Filme von Lucio Fulci denkt, kommen einem Begriffe wie Selbstlosigkeit, Solidarität oder Hoffnung nicht gerade zuerst in den Sinn. Doch dann gibt es da ja noch VERDAMMT ZU LEBEN - VERDAMMT ZU STERBEN, der sich bis in den Mittelteil hinein genau so verdorben, dreckig und zynisch gibt wie die bekanntesten Exploitationer des Italieners. Dann gefällt es ihm aber plötzlich doch Hoffnungsstrahlen auszusenden und den Protagonisten den Akt der Rache erfolgreich ausführen zu lassen. Die Welt, wie sie der Film darstellt, ist zwar ein gefährlich-kühles Terrain, mit Gegenspielern, die sich weder vom Tod noch vom Teufel die Butter vom Brot nehmen lassen wollen, aber sie wirkt aufgrund ihrer Liebe zum Leben auch wieder sehr differenziert, geradezu unentschlossen.

Von Liebe gibt es zunächst noch keine Spuren: Glücksspieler Stubby Preston, Trinker Clem, Hure Bunny O' Neill und der Irre Bud sind knapp einem wütendem Mob entkommen und reiten auf der Suche nach Wasser, Essen und womöglich auch Wohnraum durch den Wüstensand. Unterwegs begegnet die ungleiche Truppe dem hundsgemeinen Chato, dessen positiver erster Eindruck schnell zu einem Irrtum sondergleichen verkommt. Nachdem er die Männer unter Drogen setzt, vergewaltigt er vor aller Augen die zu dem Zeitpunkt schon schwangere und hilflose Bunny. Als Chato von dannen zieht, schwört Hauptfigur Stubby Preston, gespielt von Fabio Testi, den Outlaw zu töten. Einige Wendungen später sind nur noch Stubby und Bunny bei uns, die den Ort namens Altaville aufgesucht haben, um dort Bunnys Kind auf die Welt zu bringen. Anfangs scheint die Männerortschaft wenig Bock auf das Duo zu haben, doch dann lassen  sich auch die verdrießlichsten Gestalten vom Baby-Hype mitreißen.

Dass ich dem Filme Güte und eine relative Milde nachsage, heißt allerdings noch lange nicht, dass Fulci bezüglich Gore und Gemeinheiten Zurückhaltung übt. Chato als ultimativer Bösewicht lässt auch keine Gelegenheit aus, seine rabiat-sadistische Ader auszuleben. Mit seinen Kumpels schlachtet er dann auch mal eine ganze Mormonengemeinschaft ab, ohne dass wir von einem konkreten Motiv für diese barbarische Handlung erfahren. Die Mormonen hatten halt einfach Pech, sie waren eben zur falschen Zeit am falschen Ort da. Unsere Helden, mit denen wir mitfühlen sollen, sind, wie für einen desillusionierten Western typisch, eher Anti-Helden, also gesellschaftlich Unterprivilegierte, die ein schweres Los gezogen haben. Man erkennt zwar, dass sie im Bund trotz ungleicher Eigenschaften keine schlechten Chancen haben, ihrer Umwelt zu trotzen, doch der Film macht deutlich, dass für sie keine gemeinsamen familiären und freundschaftlichen Wege offenstehen. Den Trinker Clem wird es im Laufe des Films noch schwer erwischen, Bud wird sich einfach aus dem Staub machen und Bunny wird nicht die Möglichkeit bekommen, ihr Kind in die Arme zu nehmen. Alle müssen der verbitterten Bischissenheit des Lebens ins Auge sehen.

Mit Fabio Testi in der Rolle des Stubby Preston, der überhaupt kein typischer Revolverheld ist, gelang dem Regisseur übrigens ein richtiger Glücksgriff. Etwas, das ihm für seinen letzten Western SELLA D'ARGENTO dann leider nicht mehr glückte. Giuliano Gemma spielte dort die Hauptfigur und war offenkundig doch sehr überfordert. Bemerkenswert ist des Weiteren natürlich auch Tomás Miliáns Darstellung der Figur Chato, die unüberraschend viele Charakterattitüden vereinigt, mit denen Milián durch zahlreiche Schurkenrollen in Kriminalfilmen bestens vertraut war. Die Regie selbst ist es dann aber, die I QUATTRO DELL'APOCALISSE ins Reich der feuchten Cineastenträume hebt. Wenn Bunny das Kind bekommt und die Männer aufhören zu tratschen, weil sie das Geschrei des Babys wahrnehmen, fliegt die Kamera etwas hoch, bewegt sich bisschen weg, um die kleine Ortschaft besser zu überblicken. Man könnte man meinen, dass die Zeit für einen kurzen Augenblick still steht. Die Männer, die kurz zuvor noch infantil darauf gewettet haben, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, halten allesamt plötzlich ihre Münder. Nie war die Kamera bei Fulci am Künstlerischsten als in den Siebzigern.